Patricia Melo

Melo Patrícia Melo 2003 (Foto: Copyright © Barbara Mesquita / mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Klett-Cotta)

Patrícia Melo wurde 1962 in der 400.000-Einwohner-Stadt Assis in der brasilianischen Provinz São Paulo geboren. Über ihren Familienhintergrund ist wenig zu erfahren, aber sie stammt offenbar aus einer musisch recht begabten Familie, denn auch ihre ältere Schwester Renata betätigt sich als Tänzerin, Choreografin, Schauspielerin und Regisseurin künstlerisch sehr vielfältig.

Noch vor ihren journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten war die vielbegabte Autorin Patrícia Melo zunächst als Drehbuchschreiberin für Film und Fernsehen tätig (zumal sie bis in die 90er Jahre hinein mit einem Fernsehproduzenten verheiratet war). Ihre ersten Fernseharbeiten waren so u.a. eine kleine TV-Serie mit dem Titel "Colônia Cecília" (1989) und die portugiesische Produktion "A Banqueira do Povo" (1993).

Ihren schriftstellerischen Durchbruch schaffte sie dann 1995 mit "O Matador", ihrem zweiten Roman, für den sie zwei Jahre lang Serienmörder in brasilianischen Gefängnissen interviewte. Das Buch wurde später in fünf Sprachen übersetzt und in Brasilien verfilmt. Über ihre Erfahrungen und Begegnungen mit den Mördern sagte sie später einmal:

"Alle Killer, mit denen ich gesprochen habe, versuchten, ihr Morden zu rechtfertigen. Sie belügen sich selbst, sagen, daß ihre Opfer miese Verbrecher waren, daß sie die Gesellschaft vor ihnen schützen mußten und so weiter."

Die brasilianische Autorin arbeitete mitunter journalistisch, wobei sie einen sehr kritischen Gegenwartsbefund zur Situation der brasilianischen Gesellschaft abgab. Für ihre Reportagen und ihre Bücher recherchierte sie meist längere Zeit und vor Ort. Ähnlich wie für "O Matador" stürzte sie sich auch für ihren dritten Roman Inferno akribisch in die Arbeit und hielt sich über einen längeren Zeitraum in den Favellas von Rio de Janeiro auf, um die ärmlichen und gewalttätigen Verhältnisse direkt und hautnah mitzuerleben.
Ein großes Thema ist für Melo die Gewalt in der brasilianischen Gesellschaft. So ist Inferno nicht zuletzt die Geschichte des Aufstiegs eines kleinen Slum-Jungen zum mächtigsten Drogenboss Brasiliens, und O Matador wiederum die sehr eindringliche Beschreibung, wie aus einem "normalen, anständigen Kerl" ein eiskalter Profikiller wird.

"Die Leute denken immer, Schriftsteller schreiben über das, was sie fasziniert. Ich glaube dagegen, sie schreiben über das, was sie fürchten. Ich erzähle von Verbrechen und vom Tod, weil sie mich so sehr schockieren."
(Beide vorangegangenen Zitate aus:
Jobst-Ulrich Brand: "Eine Schwäche für den Tod". In: Focus Magazin, Nr. 48/1997.)

Melos Romane wirken stellenweise so obsessiv wie ihre schrillen Figuren. Ihrem Erzählstil merkt man dabei deutlich an, dass die Autorin jahrelang Drehbücher geschrieben hat. Das Erzähltempo ist meist forciert und scharfzüngige, pointierte Dialoge wechseln ab mit einer fast filmischen Technik der schnellen Schnitte und überraschenden Übergänge. Doch die besondere "Würze" ihrer Geschichten liegt dennoch eher in ihrer dabei formulierten Zeitkritik, was sich bis zur bissigen Gesellschaftssatire hochsteigert.

Patricia Melos großes Vorbild ist der brasilianische Schriftsteller und Krimiautor Rubem Fonseca, mit dem sie übrigens auch eng befreundet ist. Über ihn sagt sie:

"Was in der Wirklichkeit schrecklich ist, sagt Aristoteles irgendwo in seiner Poetik, kann in der Kunst bezaubern. Genau das hat Rubem getan, indem er Einsame, Mörder, Arbeiter, gewöhnliche Leute und verrückte Millionäre, Prostituierte und Hausfrauen, eben all die Geschöpfe der Stadt mit ihren Ängsten und ihren pathologischen Zügen, ihren Frustrationen und ihren Wünschen, zu den Figuren seiner Prosa gemacht hat. Seine Themen und sein Stil haben so nachhaltigen Einfluß ausgeübt, daß Rubem Fonseca seither als Erfinder des `brutalen´ Stils gilt."

Die Bücher der brasilianischen Autorin wurden bis heute in mehr als zwölf Sprachen übersetzt. 1998 für Patricia Melo für ihren Erfolgsroman O Matador mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. 2001 erhielt sie mit dem Prêmio Jabuti überdies einen der renommiertesten Literaturpreise ihres Heimatlandes.
Zuletzt erschien in Deutschland 2005 ihr Roman Schwarzer Walzer. Seither ist es hierzulande leider still geworden um eine literarische Stimme, die andernorts durchaus noch gehört und weitaus mehr Beachtung findet. Das erkennt man u.a. daran, dass das New Yorker Time magazine Patricia Melo als eine der fünfzig "Lateinamerikanischen Leitfiguren für das neue Millennium" vorstellte. Und das zeigen überdies auch Ehrungen wie die Nominierung für den Foreign-Fiction-Preis 2003 der Londoner Tageszeitung The Independent.

Patricia Melo schreibt unterdessen weiterhin für Bühne, Film und Fernsehen. Sie ist in zweiter Ehe mit dem brasilianischen Dirigenten und Filmkomponisten John Neschling verheiratet. (Er ist der künstlerische Leiter des Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo.)

Die Schriftstellerin lebte zuletzt wechselweise in Rio de Janeiro, der Schweiz oder in ihrer Stadtwohnung in Higienópolis, einem Stadtteil der Großmetropole São Paulo.

Name: Melo, Patricia
Lebt in: São Paulo
Nation: Brasilien
Lebensdaten: * 2. Oktober 1962 in Assis
Links: Brasilianische Verlagsseiten der Autorin beim Verlag Rocco
  Deutsche Verlagsseiten der Autorin bei Klett-Cotta

"Was nun die Einordnung meiner Romane in die Kriminalliteratur betrifft, so scheinen die Literaturkritiker in Brasilien einem Irrtum aufzusitzen. Der Kriminalroman brauchte für seine Existenz immer ein Stadtmilieu. Erst durch die großstädtische Pathologien der Gewalt, sozialer Unterschiede und Missstände oder auch schlichter Hungersnot entsteht sein Erzählgegenstand. Wir haben in Brasilien keine Tradition der Kriminalliteratur. So wird jeder Schriftsteller, der sich mit jenen großstädtische Pathologien beschäftigt und sich dem Thema der Gewalt annähert, automatisch als Kriminalautor etikettiert. - Ich sehe mich jedoch weder als Populärschriftstellerin noch als Krimiautorin."

(Zitiert nach: Tânia Pellegrini: "Clear enigma: Brazilian crime fiction and urban violence". In: Centre for Brazilian Studies, Working Paper Number CBS-69-05. University of Oxford: Oxford 2005.)

Kriminalromane

  1. Acqua Toffana
    1994
    Ich töte, Du stirbst (Klett-Cotta Verlag: Stuttgart 2002)
  2. Matador
    1995
    O Matador (Klett-Cotta 1997)
  3. Elogio da mentira
    1998
    Wer lügt gewinnt (Klett-Cotta 1999)
  4. Inferno
    2001
    Inferno (Klett-Cotta 2003)
  5. Valsa Negra
    2003
    Schwarzer Walzer (Droemer Verlag: München 2005)
  6. Mundo perdido
    2006
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  7. Jonas, o copromanta
    2008
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  8. Ladrão de Cadáveres
    2010
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Drehbücher

  1. Colônia Cecília (TV-Miniserie)
    1989
  2. A Banqueira do Povo (TV-Serie)
    1993
  3. Traição (Segment "Cachorro!")
    1998
  4. Bufo & Spallanzani (Verfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Rubem Fonseca)
    2001
  5. O Xangô de Baker Street (Verfilmung nach dem Roman "Sherlock Holmes in Rio" von Jô Soares)
    2001
  6. O Homem do Ano (Verfilmung des Melo-Romans "O Matador")
    2003

Theaterstücke (Auswahl)

  • Duas mulheres e um cadáver
    2000 (???)
    Zwei Frauen und eine Leiche (edition Smidt Theaterverlag: Pullach am Isartal 2003.)
  • A caixa
    2003

Sekundärliteratur/-werke


Anmerkungen:

  • Wer sich einen aktuellen Eindruck vom Denken und Schreiben Patrícia Melos machen will und wer des Portugiesischen einigermaßen mächtig ist, der kann ihre Beiträge fortlaufend bei dem Online-Literaturmagazin literatura pnet mitverfolgen.
  • Die Romane von Patrícia Melo wurden bisher in mehr als 12 Sprachen übersetzt, so u.a. ins Englische (Verlag Bloomsbury Publishing), ins Französische (Verlage Albin Michel und Edition Actes Sud) und ins Italienische (Verlage Feltrinelli und Fanucci). Ihre Bücher erscheinen im weiteren in Ländern wie Spanien, der Niederlande, Griechenland, Finnland und China.
  • Wem die Bücher von Patrícia Melo gefallen, dem empfehlen wir u.a. auch folgende Krimiautoren zur weiteren Lektüre: Niccolò Ammaniti, Massimo Carlotto, Rubem Fonseca und Claudia Pineiro.

Auszeichnungen:

  • Prix Deux Océans für O Matador
    1997
  • Deutscher Krimi-Preis, Kategorie International (Platz 1) für O Matador
    1998
  • Brasilianischer Literaturpreis Prêmio Jabuti für Inferno
    2001

Quellenangaben:

Deutsche Nationalbibliothek; Portugiesisches Wikipedia; Patrícia Melos brasilianischer Verlag Rocco (Rio de Janeiro); Biblioteca Nacional (Brasilianische Nationalbibliothek in Rio de Janeiro); IMDB - The Internet Movie Database; O Estado de Sao Paulo und Folha de Sao Paulo (portugiesischsprachige Seiten der beiden großen brasilianischen Tageszeitungen aus Sao Paulo!).

 

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