Massimo Carlotto

Carlotto Massimo Carlotto (Foto: Copyright © Marijan Murat / mit freundlicher Erlaubnis des Verlages Klett-Cotta)*

Massimo Carlotto wurde 1956 in der norditalienischen Stadt Padua (Venetien) geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in einer Zeit großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umwälzungen in Italien.
Dort schienen dann aber die politische Kämpfe in den 1970er Jahren zwischen den Extremen des Linksradikalismus (Brigate Rosse / Rote Brigaden) und des wiedererwachenden Faschismus (den militanten Organisationen "Avanguardia Nazionale", "Ordine Nuovo" und wohl nicht zuletzt "Gladio") beinahe zu eskalieren. Der junge Carlotto erlebte also ein förmlich zerrissenes Land, das von extremen politischen Gegensätzen und einer genauso diffusen wie radikalisierten Protestbewegung gekennzeichnet war. Dazu kam eine untergehende Arbeiterbewegung, die sich vor allem durch revolutionäre Romantik und fortwährende innere Zerstrittenheit hervortat.

In seinem autobiographischen Roman Der Flüchtling erzählt der Autor wohl auch deshalb folgerichtig kaum über seine Kindheit und familiäre Herkunft, vielmehr kommt es ihm offenbar auf seine politische Sozialisation in jenem radikalisierten Umfeld an. Ihm, dem jungen Carlotto, und seinen linksextremen Freunden galt damals z.B. Stalin noch als "guter Onkel", der "unglaublich viel für das internationale Proletariat getan hätte".** (Was Carlotto übrigens dann später selbst als sehr naiv kennzeichnete.)
Gleichwohl kann man sich den jungen Carlotto trotz aller biographischer Fragezeichen mithin als durchaus lebenslustigen und umtriebigen jungen Mann vorstellen (so war er neben seinem sehr frühen politischen Engagement auch Sänger in einer Rockband). Doch dann veränderte ein einziger Tag sein ganzes Leben.

Carlotto war noch ein junger Student, als er am 20. Januar 1976 in Padua eine Kommilitonin, Margherita Magello (25), sterbend in ihrer Wohnung auffand. Nachdem er schnell die Polizei verständigt hatte, wurde er von der Polizei schnell selbst verdächtigt, die junge Frau mit 59 Messerstichen ermordet zu haben.

Kurze Zeit danach begann der Prozess gegen den damals knapp 20-jährigen Carlotto, in welchem er seine Unschuld aber nicht beweisen konnte. Eine Vielzahl von weiteren Prozessen und Revisionen folgte. So stand Massimo Carlotto noch vor seiner erfolgreichen späteren Karriere als Schriftsteller jahrelang im Zentrum einer der kontroversesten Gerichtsfälle der italienischen Geschichte.
Zwar wurde er in den rein auf Indizien gestützten Verfahren zunächst wegen der mangelhaften Beweislage für unschuldig erklärt, dann aber vom zuständigen venezianischen Gericht doch auf Grund genau dieser Indizien zu 18 Jahren Haft verurteilt. Carlotto sah sich einem krassen Justizirrtum ausgesetzt und floh schließlich außer Landes, zuerst nach Paris, dann über Spanien nach Mexiko. Zumal er sich als Sympathisant der extremen Linken und sein Engagement für die militante Vereinigung "Lotta Continua" zahlreichen Ressentiments und Anfeindungen konfrontiert sah.
Drei Jahre später wurde er von der mexikanischen Polizei festgenommen und wieder an Italien ausgeliefert, wo er umgehend inhaftiert wurde.

1989 ordnete ein Kassationsgericht die Wiederaufnahme des Falles an. Unterdessen hatte sich schon seit etwa 1985 mit dem "Internationalen Komittee Gerechtigkeit für Massimo Carlotto" ein immer breiterer internationaler Unterstützerkreis mit prominenten Fürsprechern gebildet. Deshalb war der Druck der Öffentlichkeit letztlich so stark, dass das frühere schwere Hafturteil am 7. April 1993 endgültig aufgehoben wurde und Carlotto nach einem langwierigen Gnadengesuch vom italienischen Präsidenten Oscar Luigi Scalfaro begnadigt und sich kurze Zeit später nach ganzen 17 Jahren endlich wieder in "vollkommener" Freiheit bewegte.

Massimo Carlotto war damit insgesamt fünf Jahre auf der Flucht, sechs Jahre inhaftiert und insgesamt 17 Jahre lang mit einem Mord belastet, den er nach aller Sachlage nie begangen hat. Die körperlichen und seelischen Zerrüttungen dieser Zeit waren derweil für ihn nur schwer zu überwinden.
Er begann nach dieser abenteuerlichen Geschichte und nach seiner Freilassung "sein zweites Leben", wie er es selbst einmal formulierte. Carlotto suchte seine Chance als Schriftsteller und verarbeitete bereits mit seinem ersten autobiographischen Roman Il fuggiasco ("Der Flüchtling") in einem kurzen Bericht seine Erfahrungen in Flucht, Exil und Gefängnissen:

In der Folge wandte er sich fast folgerichtig der Kriminalliteratur zu. So begann er mit der Krimiserie um den `Detektiv ohne Lizenz´ Marco Burrati (alias "Alligator") und machte sich als engagierter Schriftsteller schon bald einen Namen. 2002 erhielt er für den Roman Il maestro di nodi den italienischen Krimipreis Premio Giorgio Scerbanenco, mit dem er für den besten italienischen Kriminalroman des Jahres prämiert wurde.
Gekennzeichnet sind Carlottos Kriminalromane durch einen harten und schmutzigen Realismus. In seinen bald mehr als 20 Büchern sind die "Helden" oft Kriminelle, Verlierer und Menschen, die aus der Gesellschaft gefallen sind. Mit seinem trockenen Schreibstil beschreibt Carlotto direkt und schonungslos politische Korruption, Verbrechen, Sex und Gewalt. Und Krimikritiker nennen seinen Namen dabei inzwischen in einem Atemzug mit den großen Autoren des sogenannten "mediterranean noir": Andrea Camilleri, Jean-Claude Izzo, Manuel Vázquez Montalbán. Heute gilt Massimo Carlotto fern solcher Genre-Zuordnungen als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens.

Noch bis vor kurzem lebte Carlotto in der sardinischen Hauptstadt Cagliari, weil dort für ihn lange Zeit der beste Platz zum Schreiben war. Doch inzwischen ist er wieder in seine Heimatstadt Padua gezogen, also in jene Stadt, von der aus seine eigene Kriminalgeschichte auf tragische Weise ihren Ausgang genommen hatte.

Name: Carlotto, Massimo
Lebt in: Cagliari (Sardinien)
Nation: Italien
Lebensdaten: * 22. Juli 1956 in Padua
Links: Homepage von Massimo Carlotto
  Deutsche Verlagsseiten des Autoren beim Tropen Velag

"... seit geraumer Zeit schon würde ich gern den Geist von Edward Hopper dazu überreden, mich in sein berühmtes Gemälde Nighthawks hineinzuschmuggeln. Er ist mein Lieblingsmaler. In seine Bilder `einzutauchen´, hat meine Fantasie in all den Jahren vor der Vernichtung bewahrt.
Gern würde ich mich an den Tresen jener Bar im Jahre 1942 lehnen, zwischen der rothaarigen Frau und der Kaffeemaschine.
Schweigend, nüchtern wie ein Richter, und darauf warten, dass die Nacht ein Ende findet."

(Massimo Carlotto, Der Flüchtling, S. 177)

Serie um den Privatdetekiv Marco "Alligator" Buratti ("Alligator"-Reihe):

  1. La Verita dell´ alligatore
    1995
    Die Wahrheit des Alligators (Lichtenberg Verlag: München 2000)
  2. Il mistero di Mangiabarche
    1997
    Die Schöne und der Alligator (Lichtenberg 2001)
  3. Nessuna cortesia all´ uscita
    1999
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  4. Il corriere colombiano
    2000
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  5. Il Maestro di nodi
    2002
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  6. Dimmi che non vuoi morire
    2007
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  7. L'alligatore [Sammelband aller Marco-Buratti-Geschichten 1995-2002]
    2007
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  8. L’amore del bandito
    2009
    Banditenliebe
    (Tropen Verlag 2011)

Serie um den Mafioso Giorgio Pellegrini:

  1. Mi fido di te [zusammen mit Francesco Abate]
    2007
    Ich vertraue dir (C. Bertelsmann Verlag: München 2007)
  2. Alla fine di un giorno noioso
    2011
    Vom italienischen Verlag Edizioni e/o angekündigt für Mai 2011. Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Kriminalerzählungen (Auswahl):

  • Tod eines Informanten
    2006 [auf Deutsch]
    (In: Giancarlo DeCataldo (Hrsg.), Ich weiß um deine dunkle Seele. Bastei Lübbe: Bergisch Gladbach 2006, S. 63-114.)
  • Little Dream
    2009
    [auf Deutsch]
    (In: Giancarlo DeCataldo (Hrsg.), Denn dein ist das Böse. Bastei Lübbe 2009. S. 59-118.)

Andere Kriminalromane:

  1. Le irregolari
    1998

    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  2. Arrivederci amore, ciao
    2001
    Arrivederci amore, ciao (Tropen Verlag: Berlin 2007)
  3. L'oscura immensità della morte
    2004
    Die dunkle Unermesslichkeit des Todes (Tropen 2008)
  4. Niente, più niente al mondo
    2004
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  5. Nordest [zusammen mit Marco Videta]
    2005
    Wo die Zitronen blühen (Tropen 2009)
  6. La terra della mia anima
    2006
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  7. Perdas de Fogu [zusammen mit Mama Abot]
    2008
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  8. L'albero dei microchip [zusammen mit Francesco Abate]
    2009
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Andere Bücher und Schriften:

  1. Il fuggiasco [Autobiographie]
    1995
    Der Flüchtling (Tropen Verlag bei Klett-Cotta: Stuttgart 2010)
  2. Cristiani di Allah [Historischer Roman]
    2008
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Kinder- und Jugendbücher:

  1. Il giorno in cui Gabriel scoprì di chiamarsi Miguel Angel
    2001

    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  2. Jimmy della Collina
    2002
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  3. Tinin Mantegazza, Il mistero dei bisonti scomparsi
    2010
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Sekundärliteratur/-werke:


Anmerkungen:

  • * Kompletter Copyright-Nachweis: Carlotto, Massimo. © Klett-Cotta. Foto: Marijan Murat, Stuttgart. photo@marijanmurat.com
  • ** Zitiert nach Massimo Carlotto, Der Flüchtling, S. 99. Zur politischen Sozialisation Carlottos: u.a. S. 96-105
  • Die Romane von Massimo Carlotto wurden bisher in mehrere Sprachen übersetzt, so u.a. ins Englische (Europa Editions, New York/Rom), Französische (Points Roman Noir, Paris) und Spanische (Barataria Ediciones, Barcelona). 
  • Wem die Bücher von Massimo Carlotto gefallen, dem empfehlen wir u.a. auch folgende Krimiautoren zur weiteren Lektüre: Niccolò Ammaniti, Jean-Claude Izzo und z.B. auch Manuel Vázquez Montalbán.

Auszeichnungen (Auswahl):

  • Premio del Giovedì für Il fuggiasco
    1996
  • Premio Dessì für Nessuna cortesia all'uscita
    1999
  • Premio Scerbanenco für Il maestro di nodi
    2002
  • 2. Platz beim französischen Grand prix de littérature policière für Arrivederci amore, ciao
    2003
  • Premio Ciliegia d'oro für Jimmy della Collina
    2003
  • Nominierung für den Edgar Allan Poe Award für The goodbye kiss (Arrivederci amore, ciao)
    2007

 

Quellenangaben:

Deutsche Nationalbibliothek; Italienisches Wikipedia; Tropen Verlag bei Klett-Cotta; Massimo Carlottos italienischer Verlag Edizione E/O (Rom); OPAC der Italienischen Nationalbibliothek in Rom (Polo BVE - Biblioteca nazionale centrale di Roma).

Diese Seite gibt es seit dem 11. April 2011. Die letzte Prüfung und Aktualisierung ihrer Inhalte nahmen wir am 22. September 2011 vor.

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