Roger Smith

Smith Roger Smith (Foto: © Copyright by Majan Murat; mit freundlicher Erlaubnis des Tropen Verlags)

Roger Smith, 1960 in Johannesburg geboren, ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent, lebt und arbeitet in Kapstadt. Während der südafrikanischen Apartheidjahre hat er das erste anti-rassistische und `hautfarben- übergreifende´ Filmkollektiv gegründet. Daraus ist eine Reihe von wichtigen, international erfolgreichen Protestfilmen hervorgegangen. Sein Weg zur Kriminalliteratur beschreibt er selbst in einem ausführlichen Interview des amerikanischen Internetmagazins Spinetingler so:

I’ve always loved crime fiction, especially the edgy American stuff. As a teenager I lapped up the Parker series by Richard Stark / Donald Westlake, Jim Thompson’s dark opuses, as well as the early, gritty, work of Elmore Leonard.
I always wanted to write crime, but I grew up in apartheid South Africa, and the quickest route to irrelevancy in the 80s and 90s would have been writing crime fiction. So I founded a non-racial movie co-operative that produced anti-apartheid films, and did what little I could to oppose the sick bastards who ran my country back then.

(Zitiert nach dem Interview von Keith Rawson mit Roger Smith im Spinetingler Magazine)

Sein Debüt Kap der Finsternis gewann in Deutschland auf Anhieb den Deutschen Krimipreis (Platz 2 in der Kategorie International 2010) und war u.a. für die Jury der KrimiWelt der "Beste Krimi 2009". Gleichzeitig sind Smiths Romane auch international ein großer Erfolg beschert, denn es liegen neben den deutschsprachigen Ausgaben seiner Romane überdies Übersetzungen in Frankreich, Italien und Japan vor.

Kap der Finsternis
soll Ende 2010 von dem Regisseur Phillip Noyce mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle verfilmt werden. Roger Smith arbeitete übrigens auch in jüngster Zeit noch selbst als Drehbuchautor, so u.a. zuletzt für die südafrikanische Fernsehserie "Orion" (2006-2007).

Smith hat unterdessen nach eigenen Worten seinen dritten Roman Dust Devils bereits fertiggestellt (er soll im Frühjahr 2011 im englischsprachigen Original erscheinen) und arbeitet nun schon an seinem vierten Thriller, "which goes deep into the world of child abuse and murder in Cape Town".

 

Name: Smith, Roger
Lebt in: Kapstadt
Nation: Südafrika
Lebensdaten: * 1960 in Johannesburg
Links: Offizielle Homepage von Roger Smith
  Deutsche Verlagsseite vom Tropen Verlag bei Klett-Cotta

"Etwas lag neben Joe auf den Ziegeln, etwas, das ölig und schwarz in der Nacht schimmerte. Eine Waffe. Fallen gelassen während des Kampfes. Bevor Roxy sich erlaubte nachzudenken, fanden ihre Hände die Pistole und hoben sie auf. Joes Augen folgten der Bewegung, starrten zu ihr hoch, wie sie da stand, die Haare wie ein Heiligenschein vor dem Licht der Straßenlaterne. Sie richtete die Waffe auf ihn, staunte, dass ihre Hände nicht mal zitterten.
Er stieß ein sehr joemäßiges Halblachen aus. `Roxy?´
Sie schoss ihm genau zwischen die Augen."
(Roger Smith, Blutiges Erwachen, S. 15 f.)

Kriminalromane:

  1. Mixed Blood
    2009
    Kap der Finsternis
    (Tropen bei Klett-Cotta: Stuttgart 2009)
  2. Wake Up Dead
    2010
    Blutiges Erwachen
    (Tropen 2010)
  3. Dust Devils
    2011
    Veröffentlichung im englischsprachigen Original angekündigt vom Verlag Serpent's Tail für September 2011.
    Staubige Hölle (Tropen 2011)*

Anmerkungen:

  • * In seltenen Fällen kommt es vor, das Romane und Erzählungen nicht im englischsprachigen Original oder im Ursprungsland zuerst in Buchform erscheinen, sondern z.B. in der Sprache, in der der Autor am erfolgreichsten ist.
  • Englische Originalzitate in der Kurzbiographie aus dem Interview mit Keith Rawson im Spinetingler Magazine.
  • Roger Smiths zwei bisherigen Romane sind in mehrere Sprachen übersetzt, so u.a. bald auch ins Französische, Italienische und Japanische.
  • Wem Rogers Smiths Kriminalromane gefallen, dem empfehlen wir u.a. auch folgende Krimiautoren zur weiteren Lektüre: James Ellroy, William Gay, Cormac McCarthy, Deon Meyer, George P. Pelecanos.

"Meine Geschichten verursachen mir Alpträume." - Ein Interview mit Roger Smith


Schonungslos seziert der Südafrikaner Roger Smith die Wirklichkeit am Kap der Guten Hoffnung.

Mit nur zwei Romanen hat sich der Südafrikaner Roger Smith in die Spitze der Thriller-Autoren geschrieben. Schonungslos beschreibt der bereits als Regisseur und Produzent erfolgreiche Fünfzigjährige die Verhältnisse in seiner Heimat: "Kap der Finsternis" schildert wie die explosive Mischung aus omnipräsenter Gewalt und allumfassender Korruption eine scheinbar anständige amerikanische Einwandererfamilie zerstört, während das soeben erschienene „Blutiges Erwachen“ tief in die gesetzlose Welt der Cape Flats eintaucht. In die von Straßenbanden beherrschten Elendsviertel am Rande von Kapstadt traut sich schon längst kein Polizist mehr. Hier regieren gnadenlose Drogenbosse, die nicht nur ihre Ziele mit brachialer Gewalt durchsetzen, sondern sich auch an ihren sadistischen Exzessen berauschen.
Smith packt diese desillusionierende Wirklichkeit, die in scharfem Kontrast zum idyllischen Südafrikabild der WM-Werbebroschüren steht, in atemberaubenden Plots. Und er hat dafür eine trockene, mitleidlose Sprache gefunden, die an Klarheit und Präzisen der von James Ellroy oder David Peace in Nichts nachsteht.


Ihre Romane gelten als die brutalsten des Genres. Aber wie realistisch sind sie?
Sehr. Ich glaube, ich beschreibe Kapstadt ziemlich genau. Und zwar ganz Kapstadt. Als ich Mitte der Neunziger aus Johannesburg hierher zog, dachte ich wie viele, Kapstadt sei eine wunderschöne Stadt am Meer, umgeben von einer traumhaften Berglandschaft, herrlichen Stränden und historischen Weingütern. Doch in den Flats – der Kehrseite dieser Postkartenidylle – herrscht die Gewalt, fast wie in einem Kriegsgebiet. Vor vierzig Jahren verbannte das Apartheidregime alles, was nicht blütenweiß war, in dieses windgepeitschte Labyrinth aus Bretterverschlägen und Kartonbuden. Seitdem herrschen dort Drogenbarone und Gangster. Die Flats haben die höchste Mord- und Vergewaltigungsrate der Welt. Dort werden jeden Tag Kinder missbraucht und ermordet.

Ihre Beschreibungen des Alltags gehen einem in der Tat ziemlich an die Nieren. Woher stammen Ihre intimen Kenntnisse?
Als ich nach Kapstadt kam, verliebte ich mich in eine Frau, die in den Flats aufgewachsen ist. Dort leben mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Kapstadts und die Geschichten, die sie mir erzählte, haben mein Bild von Kapstadt für immer verändert. Meine Lebensgefährtin arbeitet noch dort, sie therapiert missbrauchte Kinder. Ihre Geschichten, die ich für meine Romane zu den meinen mache, verursachen mir Alpträume. Dennoch betrachte ich es als Geschenk, an ihren Erfahrungen teilhaben zu dürfen. Meine Romane basieren nicht auf flüchtigen Begegnungen mit den Flats-Bewohnern, sondern aus der jahrelangen Vertrautheit mit dem dort herrschenden Lebensgefühl.

Auch auf Außenstehende wirkt Südafrika gespalten. Weiß der weiße Mittelschichts-Kapstäder denn von der Realität ringsum? Oder will er das gar nicht wissen?
In Südafrika denken tatsächlich eine Menge Leute, der beste Weg mit unangenehmen Realitäten umzugehen, sei so zu tun, als existierten sie nicht. Die wohlhabenden Kapstädter wissen deshalb wirklich ziemlich wenig über das Leben in den Flats. Man hat mich für meine Art Kapsstadt zu porträtieren, angefeindet, als wäre ich in eine Party geplatzt und hätte das schönste Mädchen geohrfeigt. Das saturierte Kapstadt hält es für besser, die Tatsache zu ignorieren, dass zwei Drittel der Bevölkerung in der Hölle leben.


Steht Ihre Wirklichkeitstreue nicht dem Erfolg im Weg? Ihr Held knallt kaltblütige ein dreizehnjähriges Mädchen ab. Das ist normalerweise nicht der Stoff aus dem Besteller sind.
Wenn ich mich hinsetzen und überlegen würde, was dem imaginären Leser gefällt, würde ich keinen Satz zu Papier bringen. Ich muss eine Story und Charaktere entwickeln, die mich bewegen und meine Leidenschaft wecken. Manchmal bin ich von dem, was ich geschrieben habe, selbst angewidert und schockiert. Aber ich lebe nun mal nicht in einem Land wie Schweden, wo mehr Leute zwischen den Buchdeckeln von Kriminalromanen sterben als im wirklichen Leben. Ich lebe im gewalttätigsten Land dieses Planeten, in dem jede vierte Frau vergewaltigt wird und Kinder in einem Ausmaß missbraucht und ermordet werden, dass es statistisch gar nicht mehr erfasst werden kann.

Hört man da eine leichte Kritik an den Kollegen aus Europa heraus?
Die Comic-Book-Gewalt, gern angereichert mit pornographischen Serienmördermotiven, vieler amerikanischer und europäischer Kriminalromane widert mich an. Da geht es doch nur um den schaurig-schönen Nervenkitzel. Ich schreibe über nichts, was nicht tagtäglich in Südafrika passiert. Die Leser können das nicht goutieren. Sie sind geschockt, und das sollten sie auch sein. Würde das irgendwo in Europa geschehen, würde ein Aufschrei durch die Medien gehen. Bei uns schaffen es Nachrichten aus den Flats kaum in die Zeitung.

Auch Sie schildern ausführlich die sadistischen Exzesse ihrer Gangster. Sind Sie nicht auch von der Gewalt fasziniert?
In den meisten Ländern versuchen die Gangster, Gewalt wenn es geht zu vermeiden. Sie wissen, wenn sie einen Mord begehen, werden sie schärfer verfolgt und härter bestraft. In Südafrika nicht. Niemand interessiert sich für die Verbrechen in den Flats. Deshalb können die Gangster ihre Terrorherrschaft inszenieren, indem sie ihre Opfer absichtlich quälen, vergewaltigen und zu Tode foltern.
Diese Wissen macht mich irre. Ich schreibe darüber, weil ich sonst durchdrehen würde. Manchmal glaube ich, es ist die einzige Möglichkeit es in Südafrika auszuhalten.

Trotzdem gibt es in Ihren Romanen keine Moral. Ihre Helden sind Söldner oder sogar Kids, die morden, um in eine Gang aufgenommen zu werden.
Propere Mittelschichtstypen oder pittoreske Arbeiterklasse-Helden interessieren mich nicht besonders. Ich schreibe lieber über Menschen, die am Rand der Gesellschaft entlang balancieren. Fast alle meine Charaktere haben Schuld auf sich geladen. Das macht sie interessanter. Und realistischer. Sie sind tatsächlich amoralisch, in ihnen spiegelt sich eine amoralische und korrupte Gesellschaft. Allerdings behaupte ich, dass meine Bücher gerade deshalb sehr moralisch sind. Ich will nicht über Gut und Böse urteilen. Aber es gibt eine gewisse Gerechtigkeit. Nicht die des Gesetzes, aber die der Straße. Die Bösen erwischt es ziemlich übel, und die nicht ganz so Bösen kriegen auch was ab. Keiner kommt ungeschoren davon.

"Kap der Finsternis" wird demnächst mit Samuel L. Jackson in der Hauptrolle verfilmt. Sind Sie an der Produktion beteiligt?
Nein, am Film bin ich nicht beteiligt. Als Drehbuchautor habe ich schon die Romane anderer Autoren bearbeitet und meine Erfahrung ist, dass man als Autor am besten im Hintergrund bleibt. Aber ich habe vollstes Vertrauen in Kelly Masterson, der das Drehbuch schreibt, und Philip Noyce, der Regie führen wird. Ende 2010 beginnen in Kapstadt die Dreharbeiten. Ich bin wirklich neugierig wie mein Buch auf der Leinwand rüberkommen wird und freue mich darauf es mit einer Tüte Popcorn in der Hand zu sehen.

Glauben Sie, die WM kann Südafrika wieder so zusammenschweißen wie der Rugby-Worldcup in den Neunzigern?
Die WM wird dem Land sicher einen gewaltigen Schub geben, und ich bin auch überzeugt, dass sie ein Erfolg wird. Aber das Südafrika von 2010 ist ein ganz anderes Land als das von 1995. Der Erfolg von 1995 verdankt sich einzig der einigenden Macht eines Mannes: Nelson Mandela. Und weil unser Team gewonnen hat. Als die Apartheid abgeschafft wurde, mutierte Südafrika vom boykottierten Paria zur von allen gehätschelten Nation. Heute jedoch ist der Traum von der Rainbow Nation ausgeträumt. Wir haben unsere Unschuld verloren. Verbrechen und Korruption sind an die Stelle der Apartheid getreten.

Werden Sie sich das ein oder andere Spiel ansehen?
Ich kann zwar von meiner Wohnung aus das Stadion sehen, aber ich bin kein großer Fußballfan. Kann gut sein, dass ich mich für eine Weile aus der Stadt verziehe und mir vielleicht ein paar Spiele im Fernsehen ansehe.

Was macht Sie so sicher, dass Südafrika die WM bewältigen wird?
Ich bin kein Experte, aber es sieht so aus, als habe man die notwendige Infrastruktur geschaffen, um die Zuschauer- und Touristenmassen zu bewältigen.

Aber werden die Besucher sich sicher fühlen können?
Wie gesagt, Südafrika ist ein Hort der Kriminalität. Trotzdem kommen jedes Jahr zehntausende Touristen. Das Leben in den gesicherten Mittelklasseenklaven ist einigermaßen sicher. Einigermaßen, weil Carjacking und Einbrüche schon häufig vorkommen. Ich selbst wurde auch schon einmal mit dem Messer bedroht und ausgeraubt. Aber es ist doch so, dass die meisten Verbrechensopfer in den Ghettos oder in den ländlichen Elendsgebieten leben, weit ab von den gut bewachten Luxushotels, Safari-Ressorts und Strandcafés.

Glauben Sie, dass Jacob Zuma, der neue Präsident, die nötigen Reformen einleiten kann, oder wird er das Land noch weiter entzweien?
Unglücklicherweise ist Zuma besser bekannt dafür uneheliche Kinder in die Welt zu setzen und seinen Harem zu erweitern, als die Problem des Landes in Angriff zu nehmen. Ihm hängt immer noch der Vorwurf der Korruption an.  Und viele betrachten ihn als die zentrale Figur einer Machtelite, die sich auf Kosten der Armen bereichert. Die Kluft zwischen Arm und Reich war nie größer. Was den Armen versprochen wurde, wurde nie eingelöst.

Denkt man da nicht manchmal selbst daran Südafrika zu verlassen?
Ja, das schießt einem tatsächlich durch den Kopf. Ich bin hier geblieben, als viele meine Freunde in den Achtzigern das Land verlassen haben, um der Apartheid zu entkommen. Ich bin auch geblieben, als viele in den Neunzigern gegangen sind, um der wachsenden Kriminalität zu entkommen. Aber langsam, glaube ich, ist es für mich und meine Lebensgefährtin Zeit, mal woanders unsere Zelte aufzuschlagen. Wir werden sehen …

 

Das Interview mit Roger Smith führte Gunter Blank im Frühjahr 2010 und wurde erstmals in dem Kulturmagazin "BÜCHER" (Heft 3/2010) abgedruckt. Die Hammett-Redaktion bedankt sich bei dem Autoren noch einmal ausdrücklich und herzlich für die Abdruckgenehmigung.

(© 2010 by Gunter Blank)

 

Quellenangaben:

Deutsche Nationalbibliothek; Roger Smiths offzielle Website; Tropen Verlag bei Klett Cotta; Spinetingler Magazine, Internet Movie Database.

 

Diese Seite gibt es seit dem 4. Juli 2010. Die letzte Prüfung und Aktualisierung dieser Seite nahmen wir am 6. Juni 2011 vor.

 

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