Jean-Claude Izzo

Izzo Jean-Claude Izzo (Foto: Copyright © mit freundlicher Erlaubnis des Unionsverlags)

Am 20. Juni 1945 wird Jean-Claude Izzo in Marseille geboren. Als Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Halbspanierin (sein Vater war Barmann, seine Mutter Schneiderin) wuchs er in Marseille und Umland auf. Nach einer Ausbildung zum Metallarbeiter musste er 1964 zur Armee. Zuerst nach Toulon eingezogen, wurde er nach einem Hungerstreik schließlich mit einem Strafbataillon in die Kolonien nach Djibouti geschickt.
Zurück in Frankreich, trat er der französischen kommunistischen Partei PCF bei, arbeitete in der Friedensbewegung und ergriff den Beruf des Journalisten, wobei er Anfang der 70er Jahre literarische Beiträge für die traditionsreiche "Revue Europe" verfasste und später u.a. Chefredakteur der Zeitung "La Marseillaise" war. Als 1978 in Frankreich die Einheitsfront der linken Parteien zerbrach, gab er alle Ämter auf und ging zurück in die Fabrik. 1987 ging er nach Paris, wo er wiederum als Chefredakteur die Zeitschrift "Viva" leitete, bis ihm dort erneut wegen politischer Auseinandersetzungen gekündigt wurde.

Schon Jahre zuvor hatte er als Autodidakt begonnen, Gedichte zu verfassen, die Anfang der 70er Jahre erstmals veröffentlicht wurden. Zur Kriminalliteratur kam Jean-Claude Izzo allerdings erst sehr spät, das aber mit durchschlagendem Erfolg. Denn es dauerte bis 1995, als er im Alter von fünfzig Jahren mit seinem Kriminalroman Total Khéops auf einen Schlag ins literarische Rampenlicht trat. Hatte er zuvor nur sehr zerstreut schriftstellerische Arbeiten veröffentlicht und viele Texte in "Anthologien" bzw. im Rahmen von Autorenkollektiven veröffentlicht, verfasste er später vor allem Drehbücher und erste Kriminalgeschichten. Nach seinem literarischen Durchbruch begann für Izzo dagegen eine bemerkenswerte Ausdrucks- und Schaffensphase, denn es entstanden in kurzer Folge vier weitere Romane, darunter die beiden Fortsetzungen zu Total Khéops.
Dieser Roman war 1995 bei dem angesehenen Verlag Gallimard in der legendären Série Noire erschienen. Schon im Jahr darauf folgte Chourmo. Izzo zog daraufhin von Paris nach Saint-Malo, später nach Ceyreste. 1998 erschien mit Soléa der abschließende Band der "Marseille-Trilogie", mit der sich Izzo in die Annalen der Kriminalliteratur einschrieb und überdies ganz offensichtlich den Nerv der Zeit traf.

Held der Marseille-Trilogie ist der "einfache" Polizist Fabio Montale. Der ist bei der Marseiller Polizei zwar kein großes Licht, trägt das Herz aber am rechten Fleck. So versteht er sich nicht nur auf gutes Essen, sondern auch auf Geselligkeit unter all den verschiedenen Bewohnern der Hafenstadt Marseille. Schmerzhaft wird Montale bewusst, wie sich seine Heimatstadt im Umbruch befindet. Gesellschaftliche Probleme wie Rassismus, (Jugend)Gewalt und die mafiösen Strukturen von Politik und Wirtschaft kommen hier besonders zum Tragen. Doch eines gilt dort für alle, ob für die Italiener, die Spanier, die Algerier und auch die Franzosen: Ob hier einer Polizist wird oder Gangster, das ist keinem in die Wiege gelegt und entspringt eher dem Zufall.
Nur zählen alte Werte von Gemeinschaftlichkeit, Zusammenhalt und Tradition nichts mehr in einer entmoralisierten Welt, in der (wie schon oft in der menschlichen Geschichte) nur noch die eine Moral zu zählen scheint: Das Recht des Stärkeren. Gegen diese gesellschaftliche Radikalisierung kommen weder der Gerechtigkeitssinn des kleinen Polizisten noch die Ehre des kleinen Gangsters an. Das bekommt dann schließlich auch Fabio Montale schmerzlich zu spüren.

Jean-Claude Izzo war mit der Fotografin Catherine Bouretz-Izzo verheiratet. Er starb am 26. Januar 2000 an Lungenkrebs.

Name: Izzo, Jean-Claude
Nation: Frankreich
Lebensdaten: * 20.06.1945 - † 26.01.2000
Links: Homepage zu Jean-Claude Izzo
  Autorenseite des Unionsverlags

"So offenbart sich Marseille. Vom Meer aus. So wie ein Phäake es vor Jahrhunderten an einem Morgen entdeckt haben musste. Mit dem gleichen Entzücken. Port of Massilia. Ich kannte dort ein glückliches Paar, hätte ein Marseiller Homer schreiben können, der an Gyptis und Protis erinnerte. Der Seefahrer und die Prinzessin. Hinter den Hügeln ging die Sonne auf. Lole murmelte:

`Oh Zug von Zigeunern,
Nach dem Glanz unserer Haare richte dich ...´

Eines von Leilas Lieblingsgedichten.

Alle waren eingeladen. Unsere Freunde, unsere Geliebten. Lole legte ihre Hand auf meine. Die Stadt war wie in Glut getaucht. Erst weiß, dann gelblich und rosa.
Eine Stadt nach unserem Herzen."

(Aus: Jean-Claude Izzo: Total Cheops, S. 243 f.)

Die Marseille-Trilogie um den Polizisten Fabio Montale

  1. Total Khéops
    1995
    Total Cheops
    (Unionsverlag: Zürich 2000)
  2. Chourmo
    1996
    Chourmo
    (Unionsverlag 2000)
  3. Solea
    1998
    Solea
    (Unionsverlag 2001)

Andere dem Genre nahen Romane und Werke

  1. Les marins perdus
    1997
    Aldebaran
    (Unionsverlag 2002)
  2. Vivre fatigue
    1998
    Leben macht müde (Erzählungen)
    (Unionsverlag 2005)
  3. Le soleil des mourants
    1999
    Die Sonne der Sterbenden
    (Unionsverlag  2003)

Beiträge zu Autoren-Kollektiven oder Krimi-Anthologien (Auswahl)

  1. Noces d'or. 1945-1995
    1995
    Nicht auf Deutsch erschienen.
  2. Les Treize morts d'Albert Ayler
    1996
    Zusammen mit 13 anderen Autoren (so u.a. Jerome Charyn, Thierry Jonquet, Jean-Bernard Pouy).
    Nicht auf Deutsch erschienen.
  3. 13, rue Saltalamacchia 06000 Nice
    1998
    Zusammen mit 13 anderen Autoren (so u.a. Brigitte Aubert, Jean-Bernard Pouy, Patrick Raynal)
    Nicht auf Deutsch erschienen.
  4. Blue polar
    1999
    Zusammen mit Jerome Charyn, Jean-Bernard Pouy u.a.
    Nicht auf Deutsch erschienen.

 


Andere Schriften (überwiegend Gedichtbände)

  • Poèmes à haute voix
    1970
  • Terres de feu. Poèmes
    1972
  • État de veille
    1974
  • Braises, brasiers, brûlures. (Poèmes illustrés par E. Damofli)
    1975
  • Paysage de femme
    1975
  • Le réel au plus vif
    1976
  • Clovis Hughes, un rouge du Midi
    1978
  • Lieu d'elle
    1984
    (Mit Illustrationen von Brigitte Masquelier)

  • Loin de tous rivages. (Poèmes illustrés par Jacques Ferrandez)
    1997
  • L'Aride des jours
    1999
    (Mit Photographien von Catherine Izzo)
  • Un temps immobile
    1999

  • Marseille
    2000
    (Mit Photographien von Daniel Mordzinski)
    Izzos Marseille
    (Unionsverlag 2003)
    (In der Taschenbuch-Neuausgabe als: Mein Marseille, Unionsverlag 2010)
    Textsammlung, die in der deutschen Ausgabe mit Fotografien von Edwin Gantert erschienen ist.

Sekundärliteratur (Auswahl):

  • "Entretien avec Jean-Claude Izzo". Gespräch mit Hervé Delouche
    1997
    (In: Regards vom 01.04.1997)
  • "Begegnung am Ende der Trilogie. Jean-Claude Izzo im Gespräch" mit Alexandra Schwartzbrod
    1998
    (Erstmals erschienen in: Libération vom 22.05.2008. Deutsche Übersetzung in: Jean-Claude Izzo, Chourmo. Unionsverlag: Zürich 2000. S. 263-265.)
  • "Hommage à Jean-Claude Izzo"
    2000
    (In: La pensée de midi 1/2000 (N° 1), S. 168-180.)
  • Stephan Güss u.a.: "Fabio Montales Musik" [Diskographie zur Marseille-Trilogie]
    2001
    (In: Jean-Claude Izzo, Solea. Unionsverlag: Zürich 2001. S. 218-224.)
  • Tobias Gohlis: "Requiem für den Süden"
    2001
    (In: Die Zeit Nr. 29/2001 vom 12.07.2001)
  • Jochen Schmidt: Der Geruch von Meer und Süden, Gewalt und Tod. Jean-Claude Izzo und seine Marseille-Trilogie
    2009
    (In: Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive. KBV: Hillesheim 2009. Kapitel IV., S. 623-627.)
  • Daniel Winkler: "Mediterrane Nostalgie in Serie. Die intertextuelle Ästhetik von Jean-Claude Izzos Kriminalromanen und der Fall Alain Delon"
    sowie
    Beate Burtscher-Bechter: "`Ma Méditerranée n'appartient pas aux cartes postales´". Zur Darstellung des Mittelmeer(raum)s im Romanwerk von Jean-Claude Izzo"
    2010
    (Beide Aufsätze in: Elisabeth Arend u.a. (Hrsg.): Mittelmeerdiskurse in Literatur und Film. Verlag Peter Lang: Frankfurt a.M., Berlin u.a. 2010.)

Anmerkungen:

  • Auf der "offziellen Homepage des Schriftstellers Jean-Claude Izzo", die von seinem Sohn Sebastien betrieben wird, sind übrigens einige journalistischen Texte einzusehen, die Izzo in den 70er Jahren bei der Zeitung "La Marseillaise" veröffentlicht hatte.
  • Wem die Romane von Jean-Claude Izzo gefallen haben, dem empfehlen wir zur weiteren Lektüre u.a. Andrea Camilleri, Petros Markaris, Bruno Morchio, Leonardo Padura und nicht zuletzt Izzos persönliches Vorbild Leonardo Sciascia.

Auszeichnungen:

  • 1996
    Prix Sang d'encre für Chourmo
  • 2001
    Deutscher Krimi Preis in der Kategorie International (1. Platz) für Chourmo

Quellenangaben:

Deutsche Nationalbibliothek; BNF - Bibliothèque nationale de France; Homepage zu Leben und Werk Jean-Claude Izzos; Unionsverlag; Wikipedia; Pressenachricht: Alain Delon, in: Der Spiegel Nr. 52/2000, S. 214.

 

Diese Seite gibt es seit dem 26. September 2010. Die letzte Prüfung und Aktualisierung dieser Seite nahmen wir am 18. Mai 2011 vor.

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