Reggie Nadelson

Nadelson Reggie Nadelson (Foto: Copyright © privat; mit freundlicher Erlaubnis des Piper Verlags)

Reggie Nadelson wurde wohl irgendwann in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts in Greenwich Village New York geboren – über Genaueres ihrer Kindheit, Jugend oder jüdischen Herkunft schweigen sich dabei allerdings alle biographischen Quellen (und auch R.N. selbst) aus. Zumindest wuchs die Autorin auch in den darauffolgenden Jahren in der Millionenmetropole New York City auf.

Später studierte Nadelson Englisch am Vassar College, einer Elitehochschule hundert Kilometer nördlich von New York City, worauf sie im Anschluss in Stanford noch ein zusätzliches Journalistikstudium absolvierte.

Mit ersten journalistischen und schriftstellerischen Erfahrungen reiste Nadelson in der Zeit darauf offenbar viel durch die Welt und ging schließlich nach Europa, um in Paris und London zu leben. Dort schrieb sie dann regelmäßig für verschiedene britische Zeitschriften wie dem "Guardian" oder auch der US-Ausgabe der "Vogue". Etwa seit Anfang der 80er Jahre war sie überdies als Dokumentarfilmerin für die BBC tätig. Das übrigens nicht ohne Aufsehen, denn Channel Four sendete zum Beispiel eine ihrer kritischen Dokumentationen über die Atomindustrie, die in der Folge zu einer vehementen Debatte in der britischen Öffentlichkeit führte. (Vgl. dazu auch Nadelsons Roman Red Mercury Blues.)
Während der Gorbatschow-Ära hielt sie sich dann Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre für längere Zeit in der Sowjetunion auf und verfolgte mit Spannung den dramatischen Zusammenbruch der Weltmacht mit. Bei diesen Aufenthalten in der Sowjetunion entstand 1991 u.a. auch die Biographie "Comrade Rockstar" über den Amerikaner Dean Reed, der in Zeiten des Kalten Krieges völlig überraschend "die Seiten gewechselt" hatte und hinter dem Eisernen Vorhang eine genauso bizarre wie einzigartige Karriere als Rockstar machte.

Genau diese "linken Biographien" scheinen es Nadelson, der "archetypal Greenwich Village Jewish liberal" (The Jewish Chronicle Online)*, die sich übrigens auch selbst dezidiert als linke Intellektuelle charakterisiert, schon von Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere angetan zu haben. Denn schon 1971 hatte sie eine Biographie zu der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, Schriftstellerin und Philosophin Angela Davis veröffentlicht, welche in den 1970er-Jahren zur Symbolfigur der Bewegung für die Rechte von politischen Gefangenen wurde.

Reggie Nadelson ist heute aber den meisten als Krimiautorin bekannt, wobei sie allerdings erst recht spät und Mitte der 90er Jahre zur Kriminalliteratur kam:

In ihren Kriminalromanen, die sich fast ausschließlich um ihre zentrale Figur des New Yorker Polizisten und späteren Privatermittler Artie Cohen drehen, greift sie ihre Erfahrungen des Zeitenwandels seit dem dramatischen Umbruch in der Sowjetunion auf und projiziert sie u.a. auf die russische Einwanderergemeinde in New York.

Artie Cohen ist ein solcher russischer Emigrant, der als Artemy Maximovich Ostalsky in Moskau geboren wurde und die russische Heimat als Teenager mit seiner Familie zunächst in Richtung Israel verließ. Als Neunzehnjähriger zieht es ihn mit seinen zwiespältigen Erfahrungen (sein Vater und sein Onkel Gennadij waren hochrangige KGB-Offiziere) in die USA und in die einzige – und vielleicht europäischste - Stadt, in der er dort leben möchte: Nach New York. Dabei würde Artie seine Herkunft zwar gern vergessen und versucht sie, möglichst zu verdrängen. Doch schon wegen der großen Verbundenheit der russischen Gemeinde holt ihn die Realität der Gegenwart und die Macht der Geschichte immer wieder ein. (Vgl. nur die Verwicklungen in dem Roman Russische Familie und dazu auch die spätere Fortschreibung dieser Geschichte in Kalter Verrat.)

Nadelsons Geschichten um Artie Cohen sind tendenziell Noir-Romane. Das düstere und zum Teil desolate New York ihrer Bücher ist fern von den glänzenden Glaspalästen und der Glitzerwelt Manhattans. Es ist vielmehr bevölkert von Emigranten und Zuwanderern, darunter nicht wenigen russischen Oligarchen und neuitalienischen Mafiosi, deren Aufstieg und Reichtum auf windigen Müllgeschäften beruhen.

Diese Vielfältigkeit ihrer Erzählwelt gewährt uns so vielfältige Einblicke in die heruntergekommenen Hafenanlagen und Docks in Brooklyn (bzw. der Stadtteil Red Hook in Rote Wasser), Chinatown (Heißer Mohn), der seltsamen Welt in Fresh Kills / Staten Island (Kalter Verrat) und anderen New Yorker Stadtteilen jenseits der schönen und glänzenden Welt Manhattans. Doch auch diese hat seit 9/11 mehr als nur einen Kratzer abbekommen. Die New Yorker sind bis heute noch schwer verunsichert, was sich bei Nadelson ebenfalls in überdeutlichen Stimmungsbildern abzeichnet.

Die verschiedenen "Inseln" und Lebenswelten in New York, die Nadelson selbst einmal und nicht zu unrecht als "Archipel" bezeichnete, sind nicht etwa - wie zum Beispiel bei Walter Mosley und seinen prekären L.A.-Porträts - nur reine Ghetto-Darstellungen. In der Vitalität ihrer Erzählungen erscheint uns Reggie Nadelson wohl nicht zu Unrecht als eine ausgesprochen urbane Autorin. (Dass sich eine ihrer Geschichten zum Beispiel einmal in den Weiten Montanas abspielen könnten, wirkt unvorstellbar und widersinnig.) Mit dem eingefleischten New Yorker Artie Cohen hat Reggie Nadelson eine ideale Figur geschaffen, um ihre schriftstellerischen Absichten zu verwirklichen. Denn ihren Helden lässt sie nicht einfach nur so in den Straßenschluchten New Yorks ermitteln und nach der Wahrheit suchen. "Artie" gibt ihr Gelegenheit, einen genaueren und sehr menschlichen Blick auf die Menschen und Viertel der Stadt zu werfen, Orte und Milieus in all ihrer Menschlichkeit und Unmenschlichkeit zu beschreiben, die andere (Spannungs)Autoren mithin oft links liegen lassen. Nicht zuletzt ist in diesem Zusammenhang anzumerken, welche Rolle Nadelson in ihren New-York-Romanen der Jazz-und Blues-Musik zuweist. Ihrer Meinung nach ist so der `Jazz der einzig wirkliche Beitrag Amerikas zur Weltkultur´.

Es gibt bisher insgesamt acht Kriminalromane in der Serie um den Privatermittler Artie Cohen. Auf Deutsch erschien zuletzt 2009 der siebte Teil Kalter Verrat. Doch Nadelson ist den deutschsprachigen Ausgaben ihrer Romane unterdessen um einiges voraus. Für Oktober 2010 hat ihr amerikanischer Verlag Walker Books bereits den 9. Artie-Cohen-Roman mit dem Titel Blood Count angekündigt.

Die gelernte Journalistin Nadelson ist bis heute immer noch journalistisch tätig und schreibt u.a. für Reisemagazine. In einem solchen Artikel gibt sie unter dem Titel Books that Transport ** nicht nur ihre persönlichen regionalen und literatischen Vorlieben, sondern auch ihre literarischen Vorbilder preis.

Reggie Nadelson lebt derzeit wechselweise in London oder New York, wo sie im Stadtteil Soho, "nur wenige Blocks" von ihrem Geburtsort entfernt, in einem Loft eines alten Fabrikgebäudes wohnt.

Name: Nadelson, Reggie
Lebt in: London und New York
Nation: USA
Lebensdaten: k.A.
Links: Reggie Nadelsons offizielle Homepage
  Website zu Artie Cohen

Das Ende des Sommers. Alles strömt aus der Stadt. Die Republikaner rücken zu ihrem Parteikongreß an. Das Leben in den Zeiten von George W. Bush, denkt Sid. Jede Menge Gebete. Jede Menge Propaganda in den Nachrichten. Die Republikaner kommen. Die Invasion, denkt er.
Wieder sieht er hinaus aufs Wasser. Wie bei jedem hier wandert Sids Blick zuerst zu der Lücke in der Skyline. Unwillkürlich. Wie die Zunge, die immer wieder nach dem fehlenden Zahn tastet. Bald sind es drei Jahre, seit die Twin Towers eingestürzt sind. Drei Jahre, seit alles anders geworden ist.

(Reggie Nadelson: "Rote Wasser", S. 15)

Serie um Artie Cohen:

  1. Red Mercury Blues
    1995

    (auch als: Red Hot Blues, 1998)
    Red Mercury Blues (Ammann Verlag: Zürich 1997)
  2. Hot Poppies
    1997

    Heißer Mohn (Ullstein Verlag: München 2000)
  3. Bloody London
    1999
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  4. Sex Dolls
    2002

    (auch als: Skin Trade, 2006)
    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  5. Disturbed Earth
    2004

    Russische Verwandte (Piper Verlag: München 2005)
  6. Red Hook
    2005

    Rote Wasser (Piper 2007)
  7. Fresh Kills
    2005

    Kalter Verrat (Piper 2009)
  8. Londongrad
    2009

    Noch nicht auf Deutsch erschienen.
  9. Blood Count
    2010

    Noch nicht auf Deutsch erschienen.

Andere Krimis:

Sachbücher:

  • Who is Angela Davis? The Biography of a Revolutionary
    1972

    Nicht auf Deutsch erschienen.
  • Comrade Rockstar. The Search for Dean Reed
    1991

    (Chatto & Windus: London 1991; Neuauflage bei Walker & Co.: New York 2006)
    Nicht auf Deutsch erschienen.

Sekundärliteratur/-werke:

Anmerkungen:

  • Zitat-/Artikelnachweise in der biographischen Kurzbeschreibung:

    * Jenni Frazer, "Stay cold-blooded in the sun". In: The Jewish Chronicle Online vom 25. Juni 2009.
    ** Reggie Nadelson, "Books that Transport". In: Travel + Leisure, Juni 2003.
  • Reggie Nadelsons Romane sind in mehrere Sprachen übersetzt, so u.a. noch ins Französische (Éditions du Masque) und Schwedische (Norstedts Förlag)  
  • Wem die Bücher von Reggie Nadelson gefallen, dem empfehlen wir u.a. auch folgende Krimiautoren zur weiteren Lektüre: Lawrence Block, Harlan Coben, Martin Cruz Smith oder z.B. auch Sara Paretsky.

Quellenangaben:

Deutsche Nationalbibliothek; Reggie Nadelsons offzielle Homepage; Piper Verlag; Kaliber .38; Wikipedia.


Diese Seite gibt es seit dem 18. September 2010.
Die letzte Prüfung und Aktualisierung dieser Seite nahmen wir am 21. Mai 2011 vor.

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