Titel: Liebeskrank. Ein Interview mit List. Kriminalstück für Solostimme

Wolfensberger, Kaspar Liebeskrank. Ein Interview mit List. Kriminalstück für Solostimme

Deutschsprachige Originalausgabe

Der Chefarzt einer Klinik wird ermordet. Vor seinem Tod gibt er eine Reihe von Interviews über die sogenannte "Liebeskrankheit". Doch was sind das für seltsame Gespräche: Auf den Mitschnitten ist allein seine Stimme zu hören, der Reporter stellt keine einzige Frage. Was spielt sich hinter den Kulissen ab?

Autor: Wolfensberger, Kaspar
Titel: Liebeskrank. Ein Interview mit List. Kriminalstück für Solostimme
Jahr: 2007-11
Seiten: 128 |
Verlag: Oesch
ISBN: 978-3-0350-9003-1
Preis: 16.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Mit seinem "Kriminalstück für Solostimme" ist dem Schweizer Autoren Wolfensberger eine bemerkenswerte Psycho- und Milieustudie gelungen, die uns von seinem Protagonisten List in einem genauso eigenartigen wie eigenwilligen Monolog vorgetragen wird:

Dr. Horst-Günther List ist Chefarzt einer renommierten psychiatrischen Klinik am Zürichsee. Der selbstherrliche Mediziner steht kurz vor dem Gipfelpunkt seiner Karriere, nachdem er sich öffentlichkeitswirksam als "Entdecker" der "Liebeskrankheit" darstellen und sich sogar im Fernsehen mit einer eigenen Sendung als Experte etablieren konnte. Seine Zukunft ist also rosig, und ihm winken vor dem Hintergrund der Entwicklung einer medikamentösen Therapie der Liebeskrankheit bereits fette Aufträge aus der Pharmaindustrie.
Doch seine auf den ersten Blick so lupenreine Mediziner-Karriere hat schwarze Flecken. Das wird dem Halbgott in Weiß eines Tages bei einem Interview bewusst, dass er trotz gewisser Bedenken einer fremden und eigenartigen Person gewährt. Es kommt zu mehreren Treffen, bei denen der eitle List sich zwar zunächst als Heilsbringer inszeniert, dann aber ob dem befremdlichen Verhalten seines stummen Gegenübers, bald in einem ausgedehnten Monolog sein Innerstes nach außen kehrt.
Dabei geht es vor allem um den Tod eines siebzehnjährigen Patienten, der von seiner Liebeskrankheit hatte therapiert werden sollen. Aber offenbar standen sich in der Fachklinik während der Behandlung zwei konkurrierende Therapieansätze unversöhnlich gegenüber, was letztlich zum Tod des unglückseligen Patienten führte. Der Verdacht eines Kunstfehlers liegt seither in der Luft und trübt Lists bis dahin so glänzende Erfolgsbilanz.
Daß hinter diesem "Fall" aber noch weit mehr steckt, offenbart der von krankhaftem Ehrgeiz zerfressene Chefarzt dann in einer Serie von bizarren Zwiegesprächen mit seinem stummen Gegenüber, welches List schließlich zur bitteren Lebensbeichte und zu einer Art von Geständnis gerät . . .

Die Kriminalliteratur ist nicht unbedingt die literarische Sphäre, in der Autoren sich auf stilistische Versuche oder gar experimentelle Texte kaprizieren. Wolf Haas’ Detektivromane um Brenner, die mit einer eigenwilligen Sprache und der seltsam verschobenen Erzählperspektive operieren, oder auch die frühen Kriminalromane des amerikanischen Autoren Jonathan Lethem, die in fremde Sprach- und Denkwelten führen, sind da schon eher Ausnahmen von der Regel. Denn nach allgemeiner Ansicht hat ein "Krimi" vor allem spannend und unterhaltsam zu sein. Und nicht mehr. Das legt eine geradlinige Erzählweise nahe, das pocht geradezu auf Wiederholung, Klischees und eingespielte Erzählmuster. Das ist die weithin unterstellte Funktion des Kriminalromans in der literarischen Welt und das ist mithin auch der Fluch des Genres: Keine Experimente!
Dennoch gibt es immer wieder (und glücklicherweise nicht einmal wenige), die sich über diese bornierten Genre-Grenzen hinwegsetzen. Anstelle der allgemeinen Definition der Kriminalliteratur, wonach sie eine

"Sammelbezeichnung für auf Spannung orientierte erzählende Literatur, in der die Durchführung und Aufklärung eines Verbrechens und dessen soziale und psychologische Hintergründe im Mittelpunkt der Handlung stehen"
(Zitierbeispiel nach "Der Brockhaus in Text und Bild", CD-ROM-Edition 2002)

darstellt, sollte vielleicht schon längst eine andere Definition stehen, um den Erfolg diesen so vielschichtigen Zweigs der Literatur zu verstehen. Längst vereinnahmen "große" Autoren ohne Scheu die früher so als "trivial" verachteten genretypischen Erzählmuster, um die persönlichen wie gesellschaftlichen Dimensionen von Gewalt und Verbrechen, Betrug und Korruption bis hin zu organisierter Kriminalität erzählerisch zu verarbeiten. Auch vor Versuchen der quasi philosophischen Behandlung des Bösen scheuen wiederum Kriminalautoren heutzutage kaum mehr zurück.

Eine insgesamt bemerkenswerte und gute Entwicklung. Also: Mehr Experimente bitte!

Kaspar Wolfensberger "wagt" das Experiment. Seine Versuchsreihe endet dabei in mehrerlei Sinne tödlich und mörderisch, doch bietet uns die Psychostudie seines Halbgotts in Weiß List, die im Monolog praktisch zur schockierenden Lebensbeichte ausartet, gleichzeitig eine anspielungsreiche Milieustudie zum Selbstverständnis und zu den Lebenslügen der medizinischen Zunft. Sicher gibt es denkbare Vorbilder für Wolfensbergers beinahe virtuos durchkomponiertes "Kriminalstück für Solostimme" (so sah ich mich z.B. unwillkürlich an Amelie Nothombs "Die Reinheit des Mörders" erinnert), doch sein bitterböses Capriccio kann genügend Originalitäten für sich beanspruchen, um hier ohne Vorbehalte als lesenswert eingeschätzt zu werden.
[ hs/15.03.2008 ]
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