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Sachar, Louis Löcher. Die Geheimnisse von Green LakeKINDER- UND JUGENDBUCH
Unsere Meinung:"Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist."
(Kurt Tucholsky) "Viele Menschen glauben nicht an Flüche. Viele Menschen glauben auch nicht an gelb gefleckte Eidechsen, aber wenn man von einer gebissen wird, dann ist es völlig egal, ob man daran glaubt oder nicht." (Louis Sachar: Löcher. Die Geheimnisse von Green Lake, S. 56) Stanley Yelnats ist 14 Jahre alt, Einzelkind und ein absoluter Pechvogel. In seinem Leben ist meist alles schief gelaufen, denn Stanley war fast immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Deshalb, und weil das Pech wie ein alter Fluch auf seiner Familie liegt, steckt er jetzt in einem ungeheueren Schlamassel. Zu Unrecht verdächtigt, die wertvollen Sportschuhe eines berühmten Baseball-Stars gestohlen zu haben, wird er zu einer Jugendstrafe verurteilt und für mehrere Monate in eine Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter gesteckt. Diese "Besserungsanstalt" nennt sich Camp Green Lake, und der übergewichtige Stanley hat dort ganz schön zu schwitzen, als er von den Aufsehern und den anderen straffälligen Jungen im Camp hart rangenommen wird. Zur "Ertüchtigung" und in schwerer körperlicher Strafarbeit müssen die Jungs hier nämlich Tag ein Tag aus in einer wüsten Einöde und in der größten Hitze Löcher buddeln. Der Sinn dieser Grabungsarbeiten bei 35° Grad im Schatten bleibt ihnen allerdings genauso verschlossen wie die geheimnisvolle Vergangenheit dieses ausgetrockneten Landstrichs, der noch vor hundert Jahren von einer blühenden Seelandschaft beherrscht worden war. In diesem rauen Gefängnisklima freundet Einzelgänger Stanley sich dann langsam mit Zero an, einem schwarzen Jungen ohne Eltern und ohne jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft außerhalb des Jugendknasts. Sie haben einen Deal: Stanley bringt Zero das Lesen und Schreiben bei, was dieser nie gelernt hat, und dafür hilft Zero Stanley zur Entlastung beim Graben der Löcher. Doch je mehr Löcher Stanley buddelt, umso mehr stößt er auch auf die seltsamen Geheimnisse dieses Ortes. Es beginnt mit der düsteren Vorahnung, dass es die erwachsenen Leiter des Camps mit den straffälligen Jungen nicht unbedingt gut meinen. Und bald wird es immer mehr zur Gewißheit, dass diese Stanley und die anderen Jungen dort etwas ganz Bestimmtes suchen lassen . . . Der stärkste Kinder- und Jugendkrimi seit Jahren! Und mit was für schrägen Figuren und was für einer "abgefahrenen" Handlung!?! Traumwandlerisch scheint uns Louis Sachar zunächst nur die unglückliche und harte Geschichte des Pechvogels Stanley Yelnats zu erzählen, der in ein Jugendstrafcamp gesteckt wird. Doch dann graben sich andere Geschichten wie Wurmlöcher in den Erzählstrom des phantasiereichen Romans: Die tragikomische Geschichte der Familie Yelnats, die vor über hundert Jahren aus Litauen nach den U.S.A. ausgewandert ist und offenbar bis heute an dem Familienfluch zu leiden hat, den Ur-Urgroßvater Elya mit einem nicht gehaltenen Versprechen über die Familie gebracht hat. Dann die genauso traurige wie abenteuerliche Geschichte der berühmten Banditin Kissin’ Kate Barlow, die irgendwann auf ihren Raubzügen auch den Urgroßvater Stanley Yelnats I. ausgeraubt hat, der es trotz des Familienfluches beinahe zu Glück und Reichtum gebracht hätte. Und schließlich die magische Geschichte von Green Lake, das sich innerhalb kürzester Zeit von einer blühenden Landschaft zu einer Wüste verwandelte, als würde wie über Stanleys Familie auch über dieser Erde ein alter Fluch liegen . . . Dieser vielgestaltige aber behutsam und geradlinig dahinfließende Erzählstrom wirkt beinahe hypnotisch: Die brütend heiße Einöde von Green Lake wird buchstäblich spürbar. Und so wie Stanley bei seinen Grabungen im Wüstensand gefährlichen Klapperschlangen und Skorpionen begegnet, so wie er in höchster Gefahr in die roten Augen der absolut tödlichen, gelb gefleckten Eidechsen blickt, so leidet man hier wie dort förmlich mit. Geheimnis, Gefahr und Verdacht verdichten sich so wahrlich zu einem spannenden Kriminalroman, der nicht zuletzt von Betrug, Menschenverachtung, Mord und Habgier handelt. Darin schließlich liefert "Löcher" u.a. eine bitterböse satirische Umschreibung der harten Realität des amerikanischen Jugendstrafvollzugs. Sinnentleerte Tätigkeiten, Desinteresse der erwachsenen Aufsichtspersonen und "Wärter", Gleichgültigkeit, Herzlosigkeit und Zynismus, all das was jugendlichen Straftätern gegenüber in den U.S.A. und auch anderswo meist nur entgegengebracht wird. (Das darin zudem ein satirischer Angriff auf den nicht selten korrupten Strafvollzug steckt, macht diese Geschichte nur noch eindringlicher.) Nun sind die Jungs in Green Lake zwar noch keine "harte Burschen", dagegen aber auch wahrlich keine Waisenknaben - vielleicht bis auf die eine Tatsache, dass sie oft tatsächlich keine Eltern mehr haben. Sie tragen Namen wie Deo, Magnet, Torpedo, X-Ray, Zickzack und Zero. (Stanley nennen sie den "Höhlenmensch"). Das sind nicht ihre wirklichen Namen, aber jeder Name hat hier seine festgelegte Bedeutung. (Zero = 0 = ein Nichts.) Unter ihnen herrscht wie unter den erwachsenen Aufsehern ein wahrer Knastjargon. Denn das Leben in dieser Einöde ist schließlich auch so beschissen wie in einem richtigen Knast. Und das alles ist in diesem Roman in einer solch herrlich absurden bis phantastischen Erzählung einflochten, die nie unrealistisch wirkt, sondern mit fortschreitender Lektüre und von Seite zu Seite eher bezaubert. Fazit: Es ist schwer über "Löcher" Vergleiche anstellen zu wollen, denn dieses außergewöhnliche Buch, das übrigens eindeutig für Jungen geschrieben ist, sucht seinesgleichen. (Das schließt Mädchen und nicht zuletzt viele Erwachsene als Leser/innen dennoch keineswegs aus.) Trotzdem: Manchmal spürte ich hierin den Hauch und die Atmosphäre von emanzipatorischen Filmen wie "Rote Tomaten" (Regie: Jon Avnet; USA 1991). Dazu kommt die herrliche Anarchie des Buches, welche sich vor einem eigentlich sehr ernsten Hintergrund widerspiegelt - und dies wiederum erinnert an die wundervoll liebevoll-sarkastischen Kinderbücher von Roald Dahl. [ hs/03.01.2008 ]
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Krimi-Specials
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