Titel: Terrorist

Updike, John Terrorist

Originaltitel: Terrorist (Alfred A. Knopf: New York 2006)
Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent

Der 18-jährige Ahmed wächst bei seiner irischen Mutter in New Jersey auf. Sein Vater, ein Araber, hat die Familie früh verlassen. Ahmed ist ein ausgezeichneter Schüler und könnte im amerikanischen System Karriere machen. Aber er ist ein Grübler und ein Idealist. Und dann sitzt er am Steuer eines Wagens voller Sprengstoff.

Autor: Updike, John
Titel: Terrorist
Jahr: 2008-01
Seiten: 396 |
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24473-5
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

Preis: 9.95 EUR

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Unsere Meinung:

"Wahnsinn bei Individuen ist selten, aber in Gruppen, Nationen und Epochen die Regel."
(Friedrich Nietzsche)

John Updikes Roman "Terrorist" zeichnet ein sehr pessimistisches, wenn nicht gar bitterböses und tiefschwarzes Bild vom Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Man liest darin anrührende Porträts von Menschen, welche vom alltäglichen Leben und der allgegenwärtigen "Normalität" ihres Lebensumfelds an den Rand des Wahnsinns und der physischen Zerstörung getrieben werden.
Ein Held des Romans ist der achtzehnjährige Ahmed, der bei seiner irischstämmigen Mutter in New Jersey aufwächst, während er seinen Vater, einen ägyptischen Araber, nie richtig kennen gelernt hat. Auf der Suche nach seinen Wurzeln hat er sich schon als Jugendlicher dem Islam zugewandt und ist unter den Einfluß eines radikalen Predigers geraten. Seine ziemlich gedankenlose und naive Künstler-Mutter Teresa hat mit sich selbst, ihren immer neuen Beziehungsgeschichten und diversen Aushilfsjobs schon für sich allein zu viele Probleme, als dass sie sich eingehender um ihren Sohn kümmern könnte.
Dann betritt der andere Held des Romans die Bühne - der jüdisch-stämmige Vertrauenslehrer Jack Levy, der die Talente und Chancen Ahmeds erkennt und sich dafür einsetzt, daß dieser an eine weiterführende Schule geht. Ahmed hingegen ist wild entschlossen, auf den Rat seines Imams hin die Schule abzubrechen und LKW-Fahrer zu werden. Je mehr sich Jack bemüht, Ahmed zu einem Besseren zu bekehren, um so mehr verwickelt er sich allerdings in eine fatale Geschichte. Er beginnt mit Ahmeds Mutter Teresa eine heimliche Affäre, - während er seiner Frau Beth nach 20 Jahren Ehe völlig überdrüssig ist, in denen sie sich zu einem grotesk übergewichtigen "Wal von weiblichem Wesen" (S. 28) entwickelt hat. Irgendwie und irgendwann schwant Jack dann schließlich, dass Ahmed in ein schlechtes und geradezu gefährliches Umfeld geraten ist und deshalb womöglich eine Katastrophe bevorsteht . . .

Für meine Begriffe tut sich bei John Updikes Roman "Terrorist", der seit Dezember 2007 in einer deutschen Taschenbuchausgabe vorliegt, eindeutig eine Kluft zwischen den Vorstellungen von sogenannter "Ernster Literatur" und Genre-/Unterhaltungsliteratur auf. In "Terrorist" unternimmt Updike nämlich einen fast unfreiwilligen und eher tragikomischen Ausflug in die Kriminalliteratur, der ihm - wenn man so will - motivisch genauso aufgezwungen wurde wie er ihm leider (!) auch weitestgehend misslungen ist.
Es lag gleichzeitig eine gewisse Zwangsläufigkeit darin, dass der große amerikanische Autor und Porträtist des amerikanischen Jeder- und Biedermanns irgendwann beim großen Zeitthema des islamischen Terrorismus, also der Situation in den U.S.A. nach dem 11.09.2001 und dem Anschlag auf das World Trade Center angelangt ist.
In seinem gewohnt ironisch und satirisch durchsetzten Erzählstil schildert Updike die inneren Konflikte der amerikanischen Gesellschaft, was fraglos schon zuvor das Hauptthema seines literarischen Schaffens war. Und wie zuvor spart er dabei nicht an bitterem Realismus. Seine genauso präzise wie geschliffene Prosa spiegelt hier im Besonderen die Ängste und die Hysterie einer zutiefst verwundeten Gesellschaft wider. Der "innere Feind" geht wie ein Gespenst durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Im gleichen Zug malt der Autor allerdings auch die Naivität aus, mit der die Amerikaner diesem internationalen Konflikt begegnen. "The Land of the Brave and the Free" fühlt sich zwar ernsthaft aus seinem Inneren heraus bedroht, es begegnet dieser Situation aber weitgehend hilf- und orientierungslos. - Was dem autoritären Überwachungsstaat bereits Tür und Tor öffnete.
Letzteres ist nun schon weit weniger Updikes Thema als diese Interpretation vielleicht nahe legen mag. Er bleibt viel mehr sich selbst treu und verfolgt strikt weiter den Kurs seines bisherigen Romanwerks. Böse Kritiker mögen da mutmaßen, er verfolge halt seinen alten Stiefel einfach weiter: Denn was Updike in seinen früheren Romanen (vgl. die "Rabbit"-Tetralogie) mit dem durchaus fragwürdigen Verfall der bürgerlichen Mittelschicht beschrieben hat, nämlich ihre Bindungslosigkeit, ihre fortschreitender und grundsätzlicher Verlust miteinander zu kommunizieren, all das soll nun in "Terrorist" in der Möglichkeit einer absoluten Katastrophe kulminieren - und in der Amokfahrt des jungen Muslimen Ahmed, dem dissoziierten Sprößling aus einer völlig kaputten Einwandererfamilie, enden.

Updike beschreibt auch in "Terrorist" die substanzielle Katastrophe des "normalen" amerikanischen Bürgers mit seinem Verlust von Idealen und Orientierung. Christliche und andere religiöse Traditionen können sich danach offenbar nur noch in dem vergifteten reaktionären Klima von machtgeilen Fernsehpredigern und durchgeknallten Eiferern entfalten. In ähnlicher Fragwürdigkeit tun dann von anderer Seite die Götzen der Konsumgesellschaft wie Sex und Drogen das Übrige dazu, um in ihrer verheerenden Wirkung den hochgelobten amerikanischen Individualismus nur noch als reine Farce dastehen zu lassen.

Updike bewegt sich damit auf vertrauten Terrain. Zwar hat er somit sein kritisches Feld erneut sorgfältig abgesteckt, doch eines bereitete ihm in seinem Roman ganz offensichtlich Unbehagen: In dieser Geschichte muß er seine kritischen Gedanken leider mit den genretechnischen Mitteln des Kriminalromans ummänteln. Allein schon in den Schilderungen der gefährlichen Aktivitäten islamistischer Terroristen stand er zwangsläufig vor der Aufgabe, deren kriminelle Machenschaften glaubwürdig darzustellen und darüber hinaus die Motivationen dieser Kriminellen zu hinterleuchten. Natürlich bieten solche Motive allerhand Möglichkeiten, die Story als solche spannend zu gestalten - aber das gelingt im Grunde nur, wenn man sich mit den erzählerischen Mitteln der Kriminal- und Thrillerliteratur vertraut zeigt.
Genau darin liegt nun aber Updikes Können offensichtlich nicht. Die Darstellung der Täter gerät ihm im Ganzen und gelinde gesagt sehr oberflächlich, sie erscheinen fast wie Phantombilder. Ihr "Opfer", der zum Selbstmordattentäter herangeführte und geschulte Ahmed, wirkt in seinem monologischen Denken und Fühlen schon ein wenig plastischer, obwohl sich aus seiner Darstellung keineswegs plausibel erschließt, wie ein intelligenter junger Mensch sich zu einer Wahnsinnstat hinreißen lässt. (Die Parallelen zu den britisch-muslimischen Attentätern in London 2005 und den entsprechenden öffentlichen Diskussionen sind offensichtlich, gleichzeitig aber auch in keiner Weise "aufgeklärt".)
So befindet sich Updike nicht erst mit seinem Showdown auf gefährlichem Glatteis. Sein spannender Höhepunkt, in dem es sich entscheiden wird, ob die Planung eines perfiden Bomben- und Selbstmordattentats Hunderte oder mehr Menschen in den Tod reißt, wirkt fragwürdig und nach allen vorangegangenen Monologen fast zu sprech- und dialoglastig:

Mr. Levy seufzt. Feuchtigkeit, hört Ahmed, rasselt in seinen Atemzügen, ein Niederschlag von Angst. "Ja, klar, auch in der Thora steht haufenweise abstoßendes, lächerliches Zeug. Seuchen, Massaker - Jahwe liefert sie dir ins Haus. Stämme, die nicht das Glück hatten, auserwählt zu sein - in Acht und Bann mit ihnen - erbarmungslos. Auf die Idee mit der Hölle waren sie noch nicht so recht gekommen, die kam erst mit den Christen. Schlaue Priester versuchen, die Leute durch Angst unter ihre Fuchtel zu bekommen. Die Hölle heraufbeschwören - die älteste Bangemache-Taktik der Welt. Zusammen mit der Folter. Im Grunde ist die Hölle Folter. Und all das kaufen Sie denen wirklich ab? Gott als der höchste Foltermeister? Gott als der König des Völkermords?"
(John Updike: Terrorist, S. 377)

So "schön" sich dieser halbgare Hollywood-Showdown in der Folge auch herunterlesen mag. Glaubwürdig ist er nicht, wo das ganze Buch doch eigentlich nach Glaubwürdigkeit schreit.

Fazit: Mit der Lektüre des Romans "Terrorist" wird man weder Terroristen noch den Terrorismus verstehen lernen. Updikes Leistung liegt wahrscheinlich allein darin, dass er über zahlreiche Stereotypen und Klischees hinweg dem vagen Typenphänomen "Terrorist" hier ein menschliches Gesicht zu verleihen vermag. Und dennoch scheitert der Roman bezeichnenderweise genau an seinem zentralen Thema - und das wiederum vertrackterweise auf einem zweifellos erfreulich hohen stilistischen und sprachlichen Niveau. Läßt sich ein Zwiespalt besser formulieren?
Einerseits versucht Updike verbissen, seine früheren Grundthemen am inzwischen reichlich überreizten Komplex der Terrorismusbedrohung weiter zu entwickeln, andererseits wagt er sich damit auf das heikle Gelände religiösen Wahns und moralischen Zerfalls, nimmt also mithin teil an einer Ausweitung der Kampfzonen, die in den U.S.A. schon in vollem Gange ist und die in Europa bereits wie ein stürmisches Meer an die Dünen und Dämme schlägt . . . - Allerdings, und das ist unser Haupteinwand für interessierte Leser/innen: Genau diese Figurenstudien religiösen Wahns und moralischen Zerfalls wurde uns von anderen Autoren wie Yasmina Khadra viel genauer, eindringlicher und mithin aufklärerischer vor Augen geführt.
[ hs/19.01.2008 ]
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