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Nabb, Magdalen Eine Japanerin in FlorenzOriginaltitel: The Innocent
Unsere Meinung:"Santini schnaubte verächtlich. `Was die Menschen zu wollen meinen und was sie wirklich brauchen, muß nicht unbedingt dasselbe sein. Da kommen dann diese >absichtlichen Unfälle< ins Spiel. Die Kräfte der Natur scheren sich nicht um unsere halbgaren Vorstellungen über unser Leben. Leben ist das, was mit uns passiert, während wir etwas ganz anderes planen.´"
(Magdalen Nabb: Eine Japanerin in Florenz, S. 209) Dies ist wohl die Quintessenz eines durch und durch bemerkenswerten Kriminalromans der Engländerin Magdalen Nabb, die sich mit dem dreizehnten Fall ihres Serienhelden Maresciallo Guarnaccia auf einen Höhepunkt ihres Könnens geschrieben hat. Nun hat fast jede Stadt Italiens inzwischen einen ausländischen Krimischriftsteller für sich gewonnen, der ihr eine Krimiserie widmet. "Speerspitze" dieser Italo-Krimis ist aber immer noch die Amerikanerin Donna Leon. Und mithin bildet die breite Karawanenspur, die in ihrer Nachfolge entstanden ist, derzeit in Kriminalliteratur und Fernsehkrimi wohl den sogenannten Mainstream (zusammen mit einer Unmenge an blutrünstigen Serienmörder-Geschichten). Doch die Karawane holpert und stolpert meist mehr oder weniger laut und seicht vor sich hin. Mit weitaus leiseren Tönen (und in der Regel auf höherem Niveau) bewegt sich da seit Anfang der 80er Jahre die Engländerin Magdalen Nabb in der italophilen Krimiszenerie. Geradezu zuverlässig legt sie nun auch mit "Eine Japanerin in Florenz" einen subtilen und psychologisch sehr fein gezeichneten Kriminalroman vor. Dieser schildert eine sehr bittere und tragische Liebesgeschichte, wobei sich die englische Autorin mit dieser subtilen Romeo-und-Julia-im-Heuschreckenkapitalismus-Variante, die sie in diesem Roman unaufdringlich darbietet, stellenweise förmlich in einen Rausch schreibt. Florenz in einem ungewöhnlich heißen Frühsommer: Polizeiinspektor `Maresciallo´ Guarnaccia ist angesichts der Umstände eines Falls um eine weibliche Wasserleiche bald ziemlich verwirrt. Die Tote ist eine Japanerin, die in ihrer Heimat alles aufgegeben hatte, um nach Italien zu kommen und bei einem berühmten Florentiner Schuhmacher in die Lehre zu gehen. Doch was war das mögliche Motiv, die junge Frau umzubringen? Sex und Eifersucht? Geld und Habgier? Nun begeht Guarnaccia während seinen einsamen Ermittlungen einige unbewusste, aber vermeidbare Fehler. Das lässt ihm bald keine Ruhe mehr und beschert ihm Alpträume. (Und unterschwellig leiden wir Leser hier bereits mit.) Bald plagen Guarnaccia während seinen behutsamen, fast umständlichen Ermittlungen an einem bestimmten Punkt bittere Gewissensbisse, weil er zu erkennen glaubt, Mitschuld an dem Verschwinden eines jungen Kollegen und Tatverdächtigen zu haben. Während einer Zugfahrt überfallen ihn dann diese bösen Schuldgefühle im unruhigen Schlaf so heftig und überfallartig, dass er kaum noch zwischen Realität und Traum zu unterscheiden vermag ... Die Sinnlichkeit, mit der Nabb allein schon einen solchen Alptraum zu beschreiben vermag, ist nicht nur irritierend, sondern geradezu kunstvoll inszeniert. Die Figuren in ihrem Roman leben und atmen buchstäblich. Mit nur wenigen Sätzen vermag sie es oft, die vielen kleinen Geschichten hinter der großen Geschichte zu erzählen. So wenn Guarniccia nach der Bestandaufnahme über die Inhalte einer Damenhandtasche feststellt: "Weiter und weiter ging die Liste und erzählte von einem Leben, in dem es reichlich Geld, wenig Sinn und keinerlei Ordnung gab." (S. 46) An zahlreichen anderen Stellen funkelt dann vor allem die liebevolle Ironie der Autorin auf, so wenn sie den heftigen Ehestreit eines pensionierten Bahnbeamten und seine amourösen Eskapaden umschreibt: "Nardi, ein pensionierter Bahnbeamter, der immer noch seine Sinatra-Nummer bei den Jahrestreffen der Bahnarbeiter zum besten gab, war über siebzig Jahre alt. Constanza, seine schlanke und resolute Frau, und Monica, seine großbusige, füllige, kleine Schwäche, waren beide Ende sechzig. Offenbar eine Generation, der Leidenschaft noch etwas bedeutete." (S. 49) Und einen Sonntagmorgen ihres Polizeihelden Guarnaccia beschreibt Nabb nicht nur so voller Licht und Schatten, voller Gerüche und Geräusche, dass man die Szenerie buchstäblich vor Augen hat, sondern fügt mit einem lakonischen Pinselstrich gerade die Nuance an Menschlichkeit und Lebendigkeit hinzu, die ihre Erzählung dann wirklich atmosphärisch wirken lässt: "Die Gesetzesbrecher schliefen noch den Schlaf des Gerechten, und der Schreibtisch des Maresciallo war so rein und unberührt wie sein Gewissen." Großer Schlusspunkt in diesem Roman ist schließlich die überraschende Entdeckung des Täters, der in einer haarsträubenden Rechtfertigungsstrategie sein "Verhalten" zu entschuldigen sucht. Spätestens diese scharfe Charakterzeichnung von der Erbärmlichkeit und Gedankenlosigkeit des Täters (in dürftigen Heuschreckenzeiten) wird manchen vielleicht noch recht lange an dieses Buch zurückdenken lassen. Das ist stark. Das ist lesenwert! [ hs/11.03.2006 ]
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Krimi-Specials
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