Titel: Eifel-Kreuz

Berndorf, Jacques Eifel-Kreuz

So eine Leiche haben selbst Siggi Baumeister und seine Freunde Rodenstock und Emma in der Realität noch nicht gesehen: Der 18-jährige Sven Dillinger wurde gekreuzigt und öffentlich zur Schau gestellt. Zeitgleich wird noch eine Tote gefunden, eine junge Frau, abgelegt auf einem Waldweg. Bald ist klar, die beiden kannten sich. Doch erst als sich ein katholischer Pastoralreferent das Leben nimmt, wird ein möglicher Hintergrund für die Taten sichtbar: Die Fäden laufen in einer Clique von jungen Leuten zusammen, die an der katholischen Kirche in der Eifel zweifeln und auch verzweifeln. Einer Kirche, die sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückzieht, soziale Institutionen schließt und verunsicherte Menschen zurücklässt, die es seit Generationen gewohnt sind, dass ihnen der Pfarrer den rechten Weg weist.
Aber wer kreuzigt einen 18-Jährigen? Hatte er gegen heilige Regeln verstoßen? Wollten Fanatiker ein Exempel statuieren? Baumeister begibt sich in eine'heile Welt', die niemals heil gewesen ist . . .

Autor: Berndorf, Jacques
Titel: Eifel-Kreuz
Jahr: 2008-02
Seiten: 315 |
Verlag: Grafit
ISBN: 978-3-89425-345-5
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

KRAUT UND RÜBEN IN DER EIFEL

"... Beide Bücher stehen aus einem einzigen Grund auf der Bestsellerliste: Weil ihre Leser offenbar Lokalpatrioten sind, die sich vor lauter Freude darüber, dass ihre Gegend auch einmal in einem Buch vorkommt, gleich zwei davon kaufen. Auf diese Art von Heimatliteratur kann ich gut verzichten."
(Der bekannte Literaturkritiker Denis Scheck über die beiden von ihm besprochenen Regionalkrimis "Seegrund" von Volker Klüpfel / Michael Kobrin sowie den hier behandelten Roman "Eifel-Kreuz" von Jacques Berndorf in seiner monatlichen Literaturkolumne "Aufgeschlagen" im Tagesspiegel Nr. 19362 vom 5.11.2006, S. 25)

Denis Scheck, u.a. Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, ist inzwischen einer der wenigen Chef-Kritiker der deutschen Literaturlandschaft, die auch vor Kriminalliteratur nicht zurückschrecken. Jacques Berndorfs Kriminalroman "Eifel-Kreuz" habe ich u.a. gerade deswegen (und deshalb mitunter doch noch) gelesen, weil Herr Scheck mit fast ungewohnter Häme und Radikalität kein gutes Haar an dem Buch ließ. - - - So schlecht kann `der neue Berndorf´ doch nun auch nicht sein, dachte ich mir, und wollte einmal genauer hinschauen ...

Im inzwischen 15. Eifel-Krimi um den journalistischen Ermittler Siggi Baumeister geht es zunächst um äußerst brutale Morde an zwei jungen Menschen, die sich niemand erklären kann. Mit gewohnter Nonchalance gehen nun Baumeister, sein alter Freund Kriminalrat a. D. Rodenstock und ihr ganz privates Eifel-Rat-Pack mit Ehefrauen und Tanten an den Fall heran, wobei man fast vergessen möchte, daß es in diesem Krimi noch einen ermittelnden Kommissar Kischkewitz von der Mordkommission Mainz gibt.
Nach relativ kurzer Zeit stößt die neugierige Privatermittler-Gruppe auf die ersten Hinweise zu einer Geschichte, die auf einen Ring von osteuropäischen Mädchenhändlern und Waffenschiebern hindeutet. Diese Spur würde auch die ungeheure Brutalität der Morde erklären: Beide Morde wirken buchstäblich wie Hinrichtungen, da die (fast noch) Jugendlichen jeweils mit gezielten Kopfschüssen getötet wurden. Das eine Opfer, Sven, ein Gymnasiast an einer streng erziehenden katholischen Schule, wurde nach seiner Ermordung zusätzlich noch symbolisch an ein Kreuz genagelt und als Jesus drapiert in einer einsamen Kirche aufgestellt. Die Leiche des zweiten Opfers - wie sich bald herausstellt Svens junge und erst kurzzeitige Geliebte Gabriele - wurde in einem einsam abgestellten Porsche vorgefunden.
Wenn man nun Jacques Berndorfs Bücher kennt, dann weiß man, daß es im Verlauf des Romans nicht allein bei diesen zwei Toten bleiben wird. So kann man also als Leser/in wieder einmal zum munteren Body-Counting antreten. Doch wenn es nur das wäre - nämlich Leichen als erzählerisches und dramatisches Mittel. Störend wirken vielmehr von Anfang an die unglaubwürdigen und schnoddrigen Dialoge der Protagonisten, - denn auf diese Art und Weise sprechen Leute angesichts solch drastischer Tatortszenerien einfach nicht miteinander. Folgender kurzer Dialog spielt sich z. B. nach der ersten Tatortbesichtigung Baumeisters und seiner Freundin Emma, der Ehefrau Rodenstocks, ab:

"Ich kann dich nicht heimbringen. Ich denke mal, zu der Frau [einer potenziellen Zeugin] werde ich nicht mehr fahren, ich werde Kischkewitz nach Fotos fragen. Wahrscheinlich ist sie [die gekreuzigte Leiche] ja sowieso schon auf dem Weg in die Rechtsmedizin nach Mainz. Vorher würde ich mir allerdings gern das ganze Haus [den Tatort] ansehen, die Atmosphäre einfangen."
"Gut", nickte Emma. "Ich warte so lange. Und dann mache ich [kursiv:] Spaghetti con aglio, olio e peperoncino. Du bist herzlich eingeladen. Aber nicht vor neun Uhr abends."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 27 f.)

Im Gesamteindruck wirkt dieser anfänglich vielleicht nur launisch wirkende Ton dann nicht nur schlecht im Ausdruck, schlecht im Stil, sondern das, was hier munter flockig und fast im Plauderton dahinerzählt wird, ist letzten Endes offenbar insgesamt einfach schlecht geschrieben.

"Kann man sagen, dass Sven der Häuptling der Clique war?"
"Korrekt."
"Und was zeichnete ihn dazu aus?"
Ihr Kopf kam ruckartig hoch, eindeutig sah sie mich mit Verachtung an. "Sven war faszinierend. Was denn sonst?"
"Das war eine dumme Frage", lenkte ich ein und setzte leise nach: "Kann man sagen, dass sie Sven geliebt haben?"
Sie überlegt einen Moment. "Ja, das stimmt. Ich habe ihn geliebt wie einen Bruder."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 58)

Vieles an diesem Kriminalroman wirkt psychologisch unglaubwürdig. Und weil Berndorf seine Figurenkonstellation und die Dialoge seiner neugierigen Ermittler/innen so strickt, wie er sie eben strickt, zeigt sein Roman auf einer Lesestrecke von 315 Seiten mitunter einige Längen. Verschiedene Erzählmomente mischen sich da zusammen wie Kraut und Rüben. So an einer von mehreren Stellen (im Gespräch Baumeisters mit der Schwester des ermordeten Gymnasiasten Sven) das unangemessene und schleichende Pathos:

"Und sie weinte wieder, weil sie etwas Wunderbares verloren hatte. Wahrscheinlich würden Wochen vergehen, ehe sie in der Lage war, alles zu begreifen, einzuordnen und über alles zu sprechen. Es würden Wunden bleiben. Tiefe Wunden."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 179)

Dann an anderen Stellen kurz darauf bemüht witzig umschriebene Alltagsszenen, die immer wieder so gar nicht zum Ernst der Rahmenhandlung passen möchten [der Ich-Erzähler Baumeister berichtet]:

"Wenig später herrschte eine tröstliche Geschäftigkeit: Über mir rumorten Jeanne und Julia im Bad, Clarissa war einkaufen und ich versuchte, das Wohnzimmer auf Vordermann zu bringen. Währenddessen ließ sich im Fernsehen jemand endlos über den einmaligen Torinstinkt von Miroslav Klose aus. Im Eifer der Wortfindung nannte der Journalist den Fußballer `Lieblingsklosi´. Ich wünschte dem Reporter unseren Fall an den Hals."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 181)

Man sieht ganz nebenbei, die Handlung spielt – und offenbar nicht ganz unabsichtlich - zur Zeit der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Das hätte in der Folge und im Zusammenhang zwar eine kritische und dramatische Rolle spielen können, tut es dann aber nicht wirklich.
Gleichzeitig ist unser dieser schulterklopfende Humor ja bemerkenswerter- wie seltsamerweise schon aus vielen anderen Regionalkrimis vertraut. Und bezeichnenderweise wird der Witz dann oft zusätzlich noch aus Scherzen rund ums allgemeine Speisen gespeist:

"Die Königsberger Klopse waren hervorragend, allerdings schmeckten sie nicht nach Königsberg, sondern eher nach solider Bergmannskost aus der Gegend von Dortmund-Aplerbeck. Aber man muss dem Nachwuchs eine Chance geben."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 127)

Ach ja, dann noch die liebe, gute alte Erotik. Die darf da als Zutat in einem solchen Roman offenbar nicht fehlen:

"Ich bin müde, ich will jetzt nicht mehr über mich reden."
"Dann gehen wir schlafen. Ich falle auch nicht über dich her."
"Das ist aber schade. Schon gut, ich nehme das Sofa, ich muss sowieso in vier Stunden wieder raus."
"Wie du willst."
(Berndorf, Eifel-Kreuz, S. 197)

Selbst das wirkt ein wenig lahm, doch spätestens auf S. 232 geht es dann in dieser Hinsicht doch noch heftiger zur Sache. - Daß Berndorf sich im Zusammenhang aber u. a. bemüßigt fühlt, eine wiederum nur vermeintlich witzige Klischee-Tunte namens Herbert (in diesem Fall ein Freund und Angestellter der ermordeten Gabriele) lose in die Handlung einzufügen (S. 132 ff.), daran könnte man wiederum en détail die Probleme mit diesem Kriminalroman aufzeigen. (Von der Nebenhandlung mit Baumeisters Tochter Julia, die eine lesbische Beziehung eingeht, ganz zu schweigen.)

Zweifelsohne mag über diese Tirade an Beispielzitaten ganz verloren gehen, daß sich Jacques Berndorf trotz seines aufgeregten (aber weiß Gott nicht unberechtigten) Exkurses über die schädliche Wirkung des Katholizismus im Allgemeinen und in der Eifel im Besonderen an einen sehr sensiblen und brisanten Stoff (Mädchenhandel) und zudem an die Zusammenhänge einer (mitunter durch Waffenhandel ausgelösten) großen Tragödie unter Jugendlichen gemacht hat. Da hatte der Autor - nach den "Raffkes" möchte man sagen "mal wieder" - einen großen Stoff vor sich liegen ... und hat dabei am Ende denkbar wenig daraus gemacht. Das und nur das ist an diesem Kriminalroman letztlich wirklich ärgerlich, fast weniger das, was Denis Scheck aus dem Affekt des literarischen Großinquisitors heraus gegenüber solchen Regionalkrimis hinrichtend bemerkte:

"Sie sind grausig schlecht geschrieben, psychologisch unglaubwürdig, dramaturgisch langatmig und selten ungeschickt konstruiert."
(Denis Scheck, "Aufgeschlagen", in Tagesspiegel Nr. 19362 vom 5.11.2006, S. 25)

Fazit: Der "Hammett"-Kritiker bittet nun schließlich zu entschuldigen, daß er so offen und vielleicht gnadenlos auf die seiner Meinung nach wunden Punkte des Romans gezielt hat. Es gäbe sicher noch weit würdigere Opfer für einen solch kritischen Angriff. Die wären mithin ganz mühelos aufzufinden. Dennoch bleibt die Grundlinie der Kritik bestehen: Dieser Roman stellt sich als weites Feld von Kraut und Rüben dar und ist wohl nur durch wirklich eingefleischte Fans vorbehaltlos zu genießen.

HINWEIS DER HAMMETT-REDAKTION:
Die Rezension bezog sich ursprünglich auf die Hardcover-Ausgabe von 2006.

[ hs/14.02.2008 ]
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