Titel: Sauberer Abgang

Chaplet, Anne Sauberer Abgang

»Dalia hatte wie immer ganze Arbeit geleistet: die benutzten Gläser abgespült und poliert, den gläsernen Schreibtisch gewienert, die Telefonanlage gesäubert und sogar die Computertastatur gereinigt. Sie hatte den Papierkorb geleert und das Leder der Sitzgarnitur in der Besucherecke abgerieben. Sie hatte alles so gemacht, wie es sich gehört im Zimmer des Geschäftsführers. « Aber es gehört sich nicht, alles gründlich sauber zu machen, wenn der Geschäftsführer tot auf dem Boden liegt. Sie hätte Hilfe holen müssen, sofort, auch wenn der Notarzt nur noch den Tod feststellen konnte. Nicht nur einmal findet Dalia Sonnenschein beim Putzen der Managerbüros einen Toten. Zufall? Karen Stark ermittelt und stößt auf eine alte Geschichte von Schuld und Erpressung, Liebe und Hass.

Autor: Chaplet, Anne
Titel: Sauberer Abgang
Jahr: 2008-02
Seiten: 285 | Taschenbuch
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3-442-46411-1
Preis: 7.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 7.95 EUR

Unsere Meinung:

"Dalia Sonnenschein lag auf den Knien und sah zu, wie eine Träne auf das Parkett fiel und zerplatzte. Nicht weinen, verdammt. Sie wischte mit dem blauen Lappen über den winzigen feuchten Fleck, als ob sie nicht nur jeden Kratzer, sondern auch noch jedes Astloch wegpolieren könnte aus dem bernsteinbraunen Holz. Nicht weinen. Mutter hatte auch auf den Knien gelegen, damals, und gewischt und gewienert und geweint und gesagt: `Wir müssen diesmal ganz besonders gründlich sein, Schätzchen, hörst du?´" (Anne Chaplet, Sauberer Abgang, S. 10) Dalia Sonnenschein (sic!) ist eine Putzfrau mit "schmutziger" Vergangenheit und arbeitet in einer etablierten und streng geführten Reinigungsfirma. Sie nutzt den reinigungstechnischen Zugang zu großen Managerbüros zu kleineren "Diebstählen" und mit ihren Computerkenntnissen mithin auch zu größer angelegten Betrügereien. Doch bei einem Putzeinsatz in einem Frankfurter Büro findet sie den reichen und prominenten Büroinsassen Saitz tot vor, den Geschäftsführer des feinen Bankhauses Löwe. - Ein kerngesunder Mann Ende Vierzig, der offenbar und ominöserweise einem Herzinfarkt erlegen ist. Natürlich befürchtet Putzfrau Sonnenschein, daß mit den darauffolgenden Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwältin Karen Stark ihre Betrügereien auffliegen könnten. Gleichzeitig gehörte der Tote Marcus Saitz einer alten Freundesclique an, zu der wiederum Karen Starks Kollege Czernowitz gehört, was dann auch das besondere Interesse der Staatsanwältin an dem Fall begründet. Czernowitz will nämlich an keine natürliche Todesfolge glauben. Doch zu jenen alten Freunden, die sich bis dato regelmäßig treffen, zählt überdies noch der abgetakelte freie Lokalreporter Will Bastian, der an seinem dürftigen Leben, an seinem alten widerborstigen Vater und an seinem Zusammenleben mit diesem leidet. Bald wird aber klar: Marcus Saitz war offenbar nur das erste Opfer einer Reihe von mysteriösen Todesfällen in besagtem Freundeskreis. Und was hat es da z. B. zu bedeuten, daß sich jeweils die unscheinbare Putzfrau Dalia Sonnenschein an den mutmaßlichen Tatorten aufhielt? Und wenn hier ein Serienmörder am Werk sein sollte: Wer könnte die Racheakte gegen den alten Freundeskreis geplant und dann so kaltblütig ausgeführt haben? Über dem Plot dieses Frankfurt-Krimis liegen leider viel zu dicke Schichten an Alltags- und Beziehungsgeschichten (und türmen sich wie Hausstaub auf), um diesen Roman widerspruchsfrei goutieren zu können. Vorherrschend ist nämlich zunächst einmal ein eher biederer Grundton. Und erst nach etwa hundert Seiten kommt die eigentliche Krimihandlung - mit einer routinierten Rückblende auf Marcus Saitz’ Erwachsenwerden - in Schwung. Damit lichten sich langsam die Nebel der Beziehungsdramen, die Anne Chaplet hier in ihrem jüngsten Roman auf ganz verschiedene Weise entfaltet. Allerdings erzählt sie die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten im ständigen Wechsel ein wenig zu schematisch, als daß man mit den Figuren wirklich tief mitempfinden könnte. Erfreulicher wirken dagegen schon ihre Einsprengsel an schwarzem Humor und ihr sehr ironischer Umgang mit ihrem Krimi-Personal. In solchen Zügen erinnert Chaplet hier zuweilen an eine Altmeisterin neuerer deutscher Kriminalliteratur: einer gut aufgelegten Ingrid Noll. Gewünscht hätte ich mir nach 100 Seiten "Sauberer Abgang" jedoch vielmehr einen kriminellen Schelmenroman, den man dann z. B. und in leicht veränderter Konstellation mit "Das Ende einer Seilschaft" hätte untertiteln können. Daß die Autorin, die unter ihrem wirklichen Namen Cora Stephan heißt und vor ihrem Hintergrund als Politikwissenschaftlerin und Historikerin zahlreiche Sachbücher verfasst hat, ihren Roman unter das Motto von Bertolt Brechts Seeräuber-Jenny gestellt hat, deutete auf einen solch kritischen Ansatz hin. Aber selbst dieser Kniff (die verschiedenen Abschnitte des Romans sind den Liedzeilen aus der Moritat der starken Brecht-Figur entlehnt) wirkt zu gespreizt und motivisch zu dick aufgetragen. Zum Glück erzählt Chaplet ihre Geschichte einer Generation und deren vor sich hin brütender Vergangenheit weitgehend moralinsäurefrei. Leider gehen aber ihre zum Teil starken und intelligenten Motive in einer eher biederen Krimihandlung unter. So gewinnt der Roman nur durch die Rückblenden auf die tragischen Vorfälle in der Vergangenheit der Protagonisten Anfang der 80er Jahre bemerkenswerte Dimensionen. Sich nun angesichts einer Kritik eines Romans einen ganz anderen Roman zu wünschen, das ist müßig. Mithin ein alter, von Kritikern aber selten ausgesprochener Kritikerwunsch. Trotz allen Wunschvorstellungen steht "Sauberer Abgang" dabei schlicht als eine recht verwickelte Kriminalgeschichte da, die sich leicht oberhalb dem Niveau deutscher Krimi-Konfektionsware bewegt. Erst im Laufe der vielschichtigen Handlung gewinnt Chaplets Roman dann in einigen starken Momenten jene Qualitäten, die das Buch dann durchaus noch lesenswert machen. (Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe vom März 2006) [ hs/10.12.2006 ]
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