Titel: Verluste

Block, Lawrence Verluste

Originaltitel: Everybody Dies
Aus dem Amerikanischen von Katrin Mrugalla

Mick Ballou, New Yorker Gangster alten irischen Schlags, hat zwei seiner Leute verloren. Sie wurden brutal und scheinbar völlig sinnlos ermordet. Mick bittet seinen alten Freund Matthew Scudder, ein paar Nachforschungen anzustellen. Kaum hat Matt angefangen, sich umzuhören, wird er von zwei Männern überfallen, die ihn schlagkräftig zu überzeugen suchen, sich aus der Sache herauszuhalten. Was Matt nur zu gern täte, doch irgend jemand hat inzwischen beschlossen, alles und jeden in Micks Umgebung aus dem Weg zu räumen. Mick hat keine Ahnung, wer der Feind sein könnte. Gemeinsam versuchen die ungleichen Freunde herauszufinden, wer ihnen nach dem Leben trachtet. Ein Zufall führt sie auf die Spur eines viele Jahre zurückliegenden Verbrechens und eines Gegners, der nur ein Motto zu kennen scheint: Jeder muß mal sterben, aber nicht unbedingt eines natürlichen Todes.

Autor: Block, Lawrence
Titel: Verluste
Jahr: 2008-02
Seiten: 296 | Taschenbuch
Verlag: Shayol
ISBN: 978-3-926126-75-7
Preis: 14.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

ABGESANG AUFS ALTE GANGSTERTUM

"Die meisten harten Jungs haben ziemlich oft Angst. Darum bemühen sie sich ja so sehr, hart zu sein, Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, daß er beunruhigt ist, und dazu hat er ja auch allen Grund. Irgend jemand hat zwei seiner Männer völlig grundlos hingerichtet. Sie hätten niemanden erschießen müssen."
"Dann war das also eine Botschaft?"
"Sieht so aus."
"Aber offensichtlich keine sehr verständliche, wenn er nicht weiß, was es damit auf sich haben könnte. Wie geht es jetzt weiter?"
(Lawrence Block: Verluste, S. 45)

Hart und brutal geht es weiter. Und dem New Yorker Privatdetektiv Matthew Scudder wird aufs Heftigste bewusst, wie gefährlich sein Beruf ist. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für seine Freunde. Einer von diesen, der nicht gerade zimperliche Berufsverbrecher Mick Ballou, ist ein New Yorker Gangster alten irischen Schlags. Eines Tages werden dessen Kumpane allerdings wie aus dem Nichts angegriffen und buchstäblich hingerichtet. Doch Ballou kann sich nun absolut nicht erklären, wer da eine Rechnung mit ihm offen haben sollte.
Da sich in den Vorfällen aber bereits buchstäblich ein aufkeimender Gangsterkrieg andeutet, beauftragt er seinen alten Kumpel Scudder, der Sache nachzugehen - was dieser dann aber schon bald bereuen wird. Doch wer immer auch ihm und seinem Freund Ballou hier am Zeug flicken will, mit der Auswahl seiner Helfershelfer ist er nicht gerade wählerisch: Statt mit professionellen Auftragskillern bekommt er es mit einfältigen Schlägern und durchgeknallten Killern zu tun, für welche die alten Regeln der Unterwelt und der Gangsterehre ein Buch mit sieben Siegeln ist . . .
Bei diesem Roman erschien es mir, als ob ich dort einen alten Freund wiedertreffen würde, den ich jahrelang nicht mehr gesehen und schon verloren geglaubt hatte. Vielleicht geht es den geneigten Lesern und nicht zuletzt vielen deutsche Block-Fans ebenso. Gleichzeitig können wir Lawrence Blocks deutschsprachige Version seines Romans "Everybody Dies" insgesamt schon jetzt als eines der bemerkenswertesten Krimi-Neuveröffentlichungen des Jahres 2008 verbuchen. Nach fast zehn Jahren Abstinenz kehrt der Alt- und Großmeister des amerikanischen Kriminalromans, Lawrence Block, auf die deutsche Bühne zurück. Seltsam genug, dass nach seinen früheren Verlagsheimaten Scherz, Piper, Haffmans/Heyne erst der kleine, aber genauso innovative, mutige wie nicht zuletzt sehr gewitzte Shayol Verlag in Berlin daherkommen musste, um dieser eher unfreiwilligen Abstinenz ein Ende und dem Meister Block ein neues Feld zu bereiten.
Verständlich, dass der Verlag diesen Auftritt mit einer deutschen Erstausgabe bestreiten wollte, selbst wenn es für das Verständnis der Block’schen Erzählwelt für Unkundige sicher günstiger wäre, mit einem der früheren Scudder-Romane einzusteigen. Doch die alten Ausgaben sind allesamt vergriffen und leider nur noch in Antiquariaten wie dem "Schönen Antiquariat" der Hammett Krimibuchhandlung zu finden. Und welcher Herausgeber oder Verleger backt schon alte Brötchen, wenn das Publikum schon (viel) zu lange nach frischer Ware verlangt?
"Verluste" ist der bisher blutigste und härteste Matthew-Scudder-Roman. Auf fast dreihundert Seiten mag da den Kenner vielleicht stören, wie Block seinen Helden Scudder lang und breit das `Wieso, weshalb, warum´ der angestellten Brutalitäten und Blutbäder beinahe herunterbeten lässt, doch der lakonische bis zynische Erzählstil hat nach wie vor auch einiges für sich. Er zeigt in aller Ambivalenz, wie Scudder in der Bedrohung der eigenen Existenz buchstäblich zur Selbstjustiz genötigt wird. Der Grundton der Geschichte ist melancholisch. Beiden Freunden, Ballou und Scudder, werden ihr Alter und ihre Hinfälligkeit deutlich vor Augen geführt. Alte Regeln zählen nicht mehr. Doch mehr als dieser Abgesang aufs alte Gangstertum wirken hier die prekären Beschreibungen von Kriminellen, die nicht nur aus der Gesellschaft "gefallen", sondern schon für wenig Geld dazu bereit sind, blind Gewalt anzuwenden und letztlich auch vor völlig beliebigen Morden nicht zurückzuschrecken.
Doch dass wir uns da nicht missverstehen: "Verluste" ist ganz sicher kein kritischer oder aufklärerischer Kriminalroman. So viel bzw. Zuviel ist da gar nicht hinein zu interpretieren! Es ist schlicht ein überaus harter und nüchterner Detektivroman, der uns vielleicht gerade mal wieder unterhaltsam vor Augen führen will, wie hemmungslos brutal und zum Teil gnadenlos dumm die Unterwelt tickt . . .

P.S.: Bemerkenswert übrigens nicht erst seit diesem Roman bei Shayol: Das Übersetzer-Gespann Richard Betzenbichler/Katrin Mrugalla treffen den Hardboiled-Ton derzeit wohl wie kaum ein anderer Übersetzer in der deutschsprachigen Krimi-Szenerie.
[ hs/13.03.2008 ]
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