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Lethem, Jonathan Menschen und Superhelden. StoriesIm Tropen Verlag in der Reihe ` trojanische pferde´
Unsere Meinung:Der amerikanische Autor Jonathan Lethem hat vor einigen Jahren mit "Motherless Brooklyn"(1999) und zuvor mit "Der kurze Schlaf" (1994) zwei wunderbar dichte und außergewöhnliche Romane abgeliefert, mit denen er sich allein schon eindrucksvoll in die Annalen der Kriminalliteratur eingeschrieben hat. Doch spätestens seit Raymond Chandler ist einem jeden amerikanischen Autoren klar, dass man sich mit Krimis bzw. Genreliteratur allein nicht die gewünschte Aufmerksamkeit und Anerkennung verschaffen wird können.
Lethem sattelte also in der Folge um, und das scheinbar mühelos: Mit seinem eigenwilligen, fast klassizistisch strengen Ausflug in die utopische Science Fiction "Als sie über den Tisch kletterte" ("As She Climbed Across the Table", 1997), der an die düsteren Erzählstücke eines Theodore Sturgeon erinnert, machte er früh auf seine Vielseitigkeit aufmerksam. Den völligen Durchbruch brachte ihm dann aber sein großer Roman "Die Festung der Einsamkeit" ("The Fortress of Solitude", 2003), der ihm nach den beiden "Krimis" seiner Anfangszeit die allgemeine Wertschätzung der Kritik einbrachte und ihn in deren Augen bis in die Avantgarde der amerikanischen Gegenwartsliteratur emporhob. Wer sich da nun einen kurzen Einblick in das schriftstellerische Können Lethems verschaffen will, der ist mit den Erzählungen in "Menschen und Superhelden" ganz gut bedient. Dort klingen viele Motive und Themen des Autoren wieder und dort zeigt sich in konzentrierter Form, was er kann - und was er nicht kann. Nur Kriminalliteratur darf man sich von diesem Erzählband wie auch von den letztgenannten Romanen Lethems nicht erwarten. Dieser Zug scheint endgültig abgefahren. In diesem Erzählband knüpft Lethem eher an den Grundton seines Romans "Als sie über den Tisch kletterte" an, indem er erneut auf die Realitäts- und Wahrnehmungsverschiebungen zwischen einer faszinierenden und bedeutungsgeladenen magischen Welt und einer eher drögen und problembehafteten Realität beschreibt. "Indem er eine nur minimal veränderte, nur leicht ins Ideale verschobene Welt zeichnete, warf die Fiktion des Grässlichen einen dunklen Schatten auf den Alltag. Sie löste eine verzweifelte Unzufriedenheit mit der Realität aus. Nach der letzten Seite einer seiner Geschichten hatte der Leser das Gefühl, ihm würde bei der Rückkehr in sein tägliches Leben der Boden unter den Füßen weggezogen, so morbide, erdrückend, ungerecht erschien es ihm." (Jonathan Lethem: Menschen und Superhelden, S. 119 f.) Man findet in diesem Erzählband interessanterweise noch mehr solcher - tja, wohl - Selbstcharakterisierungen des Autoren. Die Erzählungen in "Menschen und Superhelden" sind so offenbar auch Erinnerungsstücke, - ob autobiographisch oder nicht, das sei dahingestellt. Erinnerungsstücke an Kindheit und Jugend und was dort von Bedeutung war: Die eher graue und oft feindselige Welt der Schule, die geheimnisvolle Sphäre des Erwachsenenseins, die schier undurchschaubaren Beziehungsgespinste der Erwachsenen, dann die erste Liebe, . . . - doch schließlich vor all dem die magische kindliche Welt der Phantasie mit ihren Schauermärchen, ihren verwunschenen Vorstellungen und auch mit ihren Superhelden aus der anderen, weit reizvolleren und bunteren Welt der Comics. Und gerade Letzteres ist hier von besonderer Bedeutung: die Wahrnehmungen zwischen Phantasie und Wirklichkeit, die übersinnliche Suggestion der Comicwelt. - Seien Sie ehrlich: Haben Sie jemals Marvel-Comics gelesen? Wenn ja, dann können Sie sicher vieles von dem nachfühlen, was Lethem hier denkt und anspricht. Und noch eine indiskrete Frage: War Ihnen vielleicht jemals irgendetwas peinlich von dem, was Sie in Ihren frühen Jahren gedacht oder gefühlt haben? "Doch ist es wirklich wahr, dass wir jeden einzelnen Schwur, den wir in jungen Jahren ablegen, wie wir unsere Erwachsenenleben führen wollen, brechen? Alle bis auf einen, nehme ich an: den Schwur, uns selbst daran zu messen, den Schwur sich an das Kind zu erinnern, das so abgestoßen wäre von den Kompromissen, das Kind, das Abgeklärtheit so böse fände." (Jonathan Lethem: Menschen und Superhelden, S. 170) Solche bitteren Fragen und buchstäblichen Selbstbeschwörungen finden man in diesem Erzählband an vielen Stellen. Sie wirken trotz starker Passagen stellenweise dennoch ein wenig oberflächlich, so als ob Lethem nicht ganz zu dem vorgedrungen ist, was er zum Ausdruck bringen wollte. Entsprechend ist die Qualität der Erzählungen recht unterschiedlich. (Da ich diese Rezension einige Monate nach der Lektüre schreibe, ist mein Erinnerungsgrad mithin ein Grad der Bewertung:) Die Party-Szenen in den Erzählungen "Vision", "Vivian Relf" und "Superziegenmann" geben ein melancholisches bis nostalgisches von den wilden 60er- und den schrillen 70er Jahren, wirken aber letztlich doch recht verklemmt, bürgerlich und spießig. Ob das Lethems Absicht ist? Man möchte es doch meinen. Doch alles in allem wird deutlich: Kaum welche der Beziehungen der Figuren in Lethems Erzählungen sind als "heil" zu bezeichnen. Sie sind (oder werden) vielmehr durchgehend gestört. Das Wechselspiel von Magischem und Menschlichem liest sich in den meisten Erzählstücken sehr interessant, schwächere Geschichten wie der "Superziegenmann" scheitern dann aber bald an der schwachen und kaum noch eindrucksvollen Pointe. Das beste Stück des Erzählbands ist hingegen zweifellos die mit 13 Seiten kürzeste Erzählung "Die Brille", in der Lethem fast selbstironisch die realitätsnahe Verschobenheit und Verschrobenheit seines Erzählstils und die "Güte" dieses Blicks auf die Welt unter Beweis stellt. Das vollkommen Absurde und Anarchische (ohne zu realitätsstarke oder utopische Einstreuungen) scheint mithin eine der wirklichen Stärken des Autors zu sein. Fazit: Man wünscht sich von Jonathan Lethem doch irgendwann einmal wieder einen Kriminalroman. Denn mit den durchaus vielfältigen Mitteln dieses Genres konnte er den düsteren Zauber seiner Grundthematik noch am besten zum Ausdruck bringen. [ hs/02.02.2008 ]
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Krimi-Specials
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