Titel: Abschied ohne Küsse

Guthrie, Allan Abschied ohne Küsse

Originaltitel: Kiss her Goodbye
Aus dem Englischen von Gerold Hens

Als seine Tochter tot aufgefunden wird, ist der Geldeintreiber Joe Hope nicht mehr aufzuhalten. Er wird den Mörder finden und ihn stellen ...
Doch die Polizei verhaftet Joe. Wegen Mordes. Aber dieses eine Mal ist er wirklich unschuldig. Gnade demjenigen, der ihn ans Messer geliefert hat!

Autor: Guthrie, Allan
Titel: Abschied ohne Küsse
Jahr: 2008-03
Seiten: 256 | Taschenbuch
Verlag: Rotbuch
ISBN: 978-3-86789-024-3
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Und was taten Sie in Tinas Wohnung?"
"Wir haben Kamillentee getrunken und Gurkensandwiches gegessen. Wir haben uns Beethovens späte Streichquartette angehört, während wir die Verdienste verschiedener Dramatiker aus der Zeit Jacobs des Ersten erörterten. Was glauben Sie, was wir gemacht haben? Gefickt haben wir."
(Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse, S. 132)

"Ach ja", sagte Brewer. "Und worin besteht mein Verbrechen?"
Joe zerquetschte die Plastiktasse und warf sie auf den Fußboden. "Woher soll ich das wissen, verfluchte Scheiße? Sie sind ja noch nicht erwischt worden."
(Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse, S. 126)

Allan Guthries "Abschied ohne Küsse" ist der erste Band der formidablen neuen Krimireihe Hard Case Crime, die im Berliner Rotbuch Verlag erscheint. Und wie man an den oben angeführten Zitatbeispielen ganz gut sehen kann, geizen da Autoren nicht mit coolen Sprüchen. Vor allem aber stellt der Rotbuch Verlag mit Talenten wie dem in Edinburgh geborenen Guthrie unter Beweis, wie ernst es ihm mit seinem Konzept ist, bei Hard Case Crime eine gelungene Mischung aus Noir-Klassikern und moderneren Pulp-Krimis herzustellen.

"Abschied ohne Küsse" ist die Geschichte des Geldeintreibers und Gangsters Joe Hope. Und Joe gehört wie auch sein Boss Cooper nicht unbedingt zu den angenehmen Zeitgenossen auf schottischer Erde. Wo Joe aber bisher nur anderen Leuten Probleme bereitet hat, steckt er nun selbst bis zum Hals in Problemen. Seine 19-jährige Tochter Gemma wird tot aufgefunden. Die Polizei geht hier zwar zunächst von einem Selbstmord aus, verdächtigt dann jedoch bald Joe des Mordes. Und der steht kurze Zeit später noch aus ganz anderen Gründen unter dringendem Mordverdacht ...

Selten habe ich einen Kriminalroman gelesen, in dem so durch und durch unsympathische Typen die Handlung bestimmten. (Wobei man ständig mitraten darf, wie weit zu gehen die einzelnen "bad guys" bereit sind und wann sie ihr wahres Gesicht zeigen.) Andererseits mag das aber auch nur eines der Zeichen dafür sein, wie trocken und nüchtern "Abschied ohne Küsse" das kriminelle Milieu seiner Figuren abbildet. So entpuppt sich die Geschichte um Joe Hope auch bald als eigenwilliger Noir-Roman, in dem frisch und munter von der ganzen Hoffnungslosigkeit milieugeschädigter Menschen und ihren verkrachten Existenzen erzählt wird. Wohl auch kaum zufällig heißt Joe mit Nachnamen Hope ("Hoffnung"). Er vermag im Strudel der Verdächtigungen und dem Ruin seiner vernachlässigten Familie kaum zu fassen, welcher Alptraum ihn plötzlich in seiner beschränkten Welt des Verbrechens überkommt.

In "Abschied ohne Küsse" vereinen sich alle grundsätzlichen Momente des klassischen Noir-Romans. Das Milieu, die desillusionierte Grundstimmung, daraus hergeleitet die Härte und der Zynismus der Figuren, dann u.a. die tragische bis fatale Komponente in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, . . . - Dennoch fällt auf, wie sehr Guthrie es bei seinen (Anti-) Helden an Identifikationsmomenten fehlen lässt. "Harte Burschen" und "toughe Weiber" sind ja nur eine Seite der Pulp-Medaille, doch wenn man sich hier (bei relativ vorhersehbarer Handlung des Romans) fühlt wie auf einer 286-seitigen Beerdigung, dann ist der Gesamteindruck des Kritikers mit Verlaub schon ein wenig getrübt.

"Ich muß mir was zum Anziehen kaufen", sagte Joe. Einen schwarzen Anzug für die Beerdigung morgen. Endlich konnte er von seiner Tochter Abschied nehmen.
(Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse, S. 286)

An dieser Grundstimmung ändern schließlich auch Figuren wie die schlagfertige Bordsteinschwalbe Tina nichts (die mit ihrem Baseballschläger Eingang in die Cover-Abbildung gefunden hat). Sie würzt das Ganze nur zusätzlich mit "Sex and Crime" und ist das Glutamat zum durchaus lesenswerten Pulp der besonderen Zynismus-Klasse.
Allan Guthrie ist ein Autor mit viel Potenzial, von dem hoffentlich bald mehr - und noch Besseres - zu erwarten ist. "Abschied ohne Küsse" schreckt allerdings ab durch sein gnadenloses und fast zielloses Wühlen im psychologischen Morast seiner Figuren. Allein die "Katharsis", die reinigende Wirkung mochte mir am Ende dieses kleinen Pulp-Gewitters fehlen . . .
[ hs/06.08.2008 ]
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