Titel: Im Dunkel der Kathedrale

Urban, Milos Im Dunkel der Kathedrale

Originaltitel: "Stín Katedrály" (Argo spol. s.r.o.: Prag 2003)
Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff

Eine Mordserie im Veitsdom. Ein faszinierender Prager Schauerroman mit Krimi-Elementen.Bis auf den Schein dreier Kerzen liegt das Kirchenschiff im Dunkeln. Eine anonyme Nachricht hat Roman Rops im Morgengrauen auf den Prager Burgberg gelockt. Den Kunsthistoriker erwartet ein grausiger Fund: In einem Reliquiar ruht auf einem scharlachroten Kissen eine abgehackte Hand. Noch ehe er sich von dem Schock erholt hat, steht plötzlich die Polizei vor ihm: Klara Brochová hat einen anonymen Hinweis bekommen, dass im Veitsdom jemand umgebracht worden sei. Und tatsächlich: In der Krypta findet man die verstümmelte Leiche von Pater Kalandra. Die junge Kommissarin nimmt Rops unter Mordverdacht fest, muss ihn mangels Beweisen aber wieder freilassen. Fortan lässt sie den unnahbar wirkenden Mann nicht mehr aus den Augen, der eine große Faszination auf sie ausübt. Rops sucht seiner Forschungen wegen fast täglich die Kathedrale auf. Ganz geheuer ist ihm dabei nicht, zumal einmal das Gerüst unter ihm wegrutscht. Trachtet man auch ihm nach dem Leben? Misstrauisch geworden, entdeckt er im Mauerwerk neu eingeritzte Teufelssymbole.

Autor: Urban, Milos
Titel: Im Dunkel der Kathedrale
Jahr: 2008-03
Seiten: 251 | Taschenbuch
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-21052-2
Preis: 9.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 9.95 EUR

Unsere Meinung:

"Du bist zu hastig. Auf die Weise wirst du nichts verstehen. Wenn du verstehen willst, musst du langsam und geduldig vorgehen. Und vor allem vorsichtig."
"Warum?"
"Weil . . . Nein . . . Ich sollte es dir lieber nicht sagen."
"Und warum nicht?"
"Weil die Antwort bereits Bestandteil der nächsten Antwort sein wird."
"Also ehrlich. So was nenne ich gaga."
(Milos Urban: Im Dunkel der Kathedrale, S. 154)

Irgendwie befällt mich nach der Lektüre von Milos Urbans Roman "Im Dunkel der Kathedrale" das Gefühl, dass dieses kleine Zitat ganz gut der Beipackzettel zu dem Buch sein könnte. Schon der Einstieg in dieses düstere Mysterienspiel fiel mir schwer, obwohl Urban seine zahlreichen Klischees recht gut bedient und geschickt in seine Erzählung einfließen lässt: Die dunklen Prager Altstadtgassen lassen einen schnell an Kafka, den Golem und groteske Verschwörungen denken. Das ganze Prager Programm sozusagen. Auch einen Hauch von Umberto Ecos "Der Name der Rose" mag man hier verspüren. Doch letztlich geht das Kalkül des Autors nicht auf - was wohl vor allem daran liegt, dass er sich zu deutlich und sichtbar bemüht, einen relativ einfachen Plot und Whodunnit zu verkomplizieren und mit seinen klischeehaften Versatzstücken aufzupeppen.
Worum geht’s? - Im Prager St.-Veits-Dom, zentral auf dem Hradschin gelegen, spielen sich mysteriöse Dinge ab: Eine abgehackte Hand auf einem Reliquienschrein bildet nur der Auftakt zu einer grotesken Reihe von Mordfällen. Nicht zuletzt deuten für die junge ermittelnde Kommissarin Klara Brochová im Laufe der Ereignisse weitere symbolträchtige Hinterlassenschaften an den Tatorten darauf hin, dass in dem Domkapitel womöglich ein genauso geheimnisvolles wie mörderisches Spiel unter Klerikalen, Restauratoren und Kunsthistorikern ausgefochten wird. Nur wer spielt hier welche Rolle? Doch wer ist Opfer, wer ist Täter? Und das hätte Klara vor allem gerne von dem Kunsthistoriker Roman Rops gewusst, der eine fatale Anziehungskraft auf sie ausübt. Sie stürzt sich nämlich in der Folge gemeinsam mit Rops nicht nur in ein gewagtes Liebesabenteuer, sondern bringt sich durch ihre Distanzlosigkeit bald auch selbst in Lebensgefahr.

"Im Dunkel der Kathedrale" ist eine mystisch aufgeladene Geschichte um Eifersucht, Rachegelüste und Liebeswahn. Dabei wirkt der Roman trotz seiner atmosphärischen Dichte hoffnungslos überfrachtet, denn sein gleichzeitiger Anspielungsreichtum und seine wechselnden Erzählerperspektiven erfordern zumindest einen sehr aufmerksamen und geduldigen Leser. Dazu kommt die Irritation der wechselnden Erzählperspektiven zwischen Klara und Roman. Dieses Wechselspiel in einer teilweise hemmungslosen und deftigen amour fou mag für sich genommen zwar ebenfalls sehr reizvoll sein, aber sie kann eben auch anstrengen.

Nun sind tschechische Krimiautoren in der deutschsprachigen Literaturlandschaft im Gegensatz etwa z.B. zu ihren schwedischen oder auch italienischen Kollegen hierzulande weiß Gott nicht breit gestreut. Schriftsteller wie Stanislav Komarek ("Kaplans Traum"), Jaroslav Kutak ("Strafe muss sein"), Michal Viewegh ("Der Fall untreue Klara") und nicht zuletzt Milos Urban bilden nur eine dünne Decke an Kriminalautoren, die es zu einer deutschen Übersetzung geschafft haben. Zumal mit recht unterschiedlichen Qualitäten. (Pavel Kohut läuft mit seiner grandiosen "Sternstunde der Mörder" außer Konkurrenz, da er einerseits wohl kaum als hauptberuflicher Kriminalautor zu bezeichnen ist, andererseits zweifellos in einer ganz anderen "Gewichtsklasse" schreibt.)

Ob es Tschechien nun an einer erkennbaren Krimitradition mangelt, oder ob es sich wie bei anderen ehemals kommunistischen Ländern auch in der Kriminalliteratur erst noch aus der kulturellen Lähmung des Kalten Krieges und des (ir)real existierten Sozialismus befreien muß, das vermag ich nicht zu beurteilen. Im Gegensatz zu Polen oder Rußland fehlt es den Kriminalliteraturen in Bulgarien, Rumänien oder Ungarn aber zweifellos an Leitsternen wie z.B. dem Polen Marek Krajewski ("Tod in Breslau") oder dem Russen Boris Akunin ("Fandorin").

Milos Urban hätte das Zeug dazu, sich als herausragender Vertreter der tschechischen Kriminalliteratur zu etablieren. Dennoch sehe ich ihn mit seinem sehr ambitionierten Roman "Im Dunkel der Kathedrale" letztlich und leider gescheitert. Er deutet hier sein Können zwar auf recht hohem Niveau an, lässt aber mit seinen vielen erzählerischen und mystischen Abschweifungen eine klare Linie vermissen. - Empfehlen würde ich das Buch deshalb nur Liebhabern von Kriminalromanen, die sich für Prag interessieren und die sich an den zahlreichen "literarischen" Anspielungen des Romans erfreuen können. Doch selbst solche Leser mögen dabei an solcher hundertsten Referenz an Dantes "Göttliche Komödie" keinen Gefallen mehr finden . . .
[ hs/05.06.2008 ]
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