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Beng, Beatrice & Beng, Philipp Kurz vor danach und gegenüber von immerDeutsche Originalausgabe
Unsere Meinung:"Wer `nur für sich´ schreiben will, hat vermutlich selbsttherapeutische Absichten, und da wollen wir auch nicht weiter stören."
(Thomas Wörtche, Mord in großer Stückzahl. In: Buchkultur Krimi Spezial Sommer 2008, S. 17-19.) Bei der Lektüre von Beatrice und Philipp Bengs Kriminalroman "kurz vor danach und gegenüber von immer" fiel mir zwangsläufig einiges über die allgemeinen Gebräuche des deutschen Literaturbetriebs ein, was ich den Leser/innen hier jedoch ersparen will. Denn jene kritischen Gedanken sollen nicht der Blitz sein, der auf das Krimidebüt von Beatrice und Philipp Beng, um das es hier eigentlich gehen soll, aus heiterem Himmel einschlägt. Ihr gemeinschaftliches Buch ist schlicht ein typischer Grenzfall zwischen ambitioniertem Krimiprojekt und der Selbstfindung zweier Autoren. Dennoch sind solche naiven Versuche wie ihr Kriminalroman gerade in der Häufung bezeichnend für den Zustand der Literatur im Allgemeinen und dem Krimigenre im Besonderen ... Das Autorengespann Beng setzt sich zusammen aus Mutter und Sohn; und letzterer hat sich bereits als Journalist bei der Berliner Zeitung seine ersten Sporen verdient. Ihr gemeinsames Romanprojekt, das mit besagtem Titel "kurz vor danach und gegenüber von immer" seltsam verklausuliert, verquast und seltsam bezugslos übertitelt wurde, ist "praktischerweise" aus Mutter und Sohn Bengs Leben gegriffen. Denn es spielt offenbar genauso wie die jüngere Biographie und die noch frischen Erfahrungen der Familie Beng zwischen Berlin und Buenos Aires (siehe im Buch die Kurzbiographie im Klappentext). Im Roman ist es Vincent, der 17jährige Sohn der ehemaligen Kriminalbeamtin und gegenwärtigen Sozialarbeiterin Lena, der für mehrere Monate zu einem Schüleraustausch in die argentinische Hauptstadt fliegt. Mutter und Sohn fällt die Trennung schwer, sie halten per E-Mail engen Kontakt, und so verfolgt Lena natürlich voller Sorgen mit, wie ihr blutjunger Sohn Vincent, der Verbrechen bisher nur aus den Schmökern von TKKG und anderen Kinderkrimis kannte, in ein gefährliches Abenteuer voller Kriminalität gerät: Ein Mädchen ist tot im Heizungskeller von Vincents argentinischer Austauschschule aufgefunden worden. Noch geheimnisvoller erscheint das ,als klar wird, daß sein alter Freund Richard, der eigentlich mit ihm zusammen die drei Monate des Schüleraustauschs bestreiten wollte, seit seiner Ankunft in Buenos Aires spurlos verschwunden ist. Während Vincent die fremde, neue Umgebung und nicht zuletzt jene geheimnisvollen Vorfälle schwer zu schaffen machen, bekommt es seine Mutter, die "Street-Workerin" und ehemalige Polizeibeamtin Lena, über ihre Beziehungsprobleme mit Sohnvater Laszlo im Kreuzberger Kiez gleichzeitig mit schwierigen Familien und verwahrlosten Kindern zu tun . . . Diese seltsame interkontinentale Mutter-Sohn-Geschichte ist keineswegs kompliziert konstruiert, nein, sie zeichnet sich eher durch eine gewisse Geradlinigkeit aus, die übrigens etwas an die Erzählweise von Jugendromanen erinnert. Dennoch wirkt der Roman insgesamt etwas umständlich erzählt und trägt entschieden zuviel thematischen Ballast mit sich herum. Vieles daran wirkt gewollt, so die Beschreibung der Kreuzberger Kiezatmosphäre, oder auch etwas diffus, was vor allem die anstrengenden Beziehungskisten der weiblichen Heldin Linda betrifft. Dazu kommt die stellenweise und in gewisser Hinsicht etwas gespreizt wirkende Sprache: "Ach so", sagte die Sekretärin und hörte kurz auf, ihrer Tätigkeit als Kaugummiterminator nachzukommen. (Beatrice und Philipp Beng: kurz vor danach und gegenüber von immer, S. 40) Solche Albernheiten wechseln sich ab mit anderen tendenziellen Peinlichkeiten. So erwecken die E-Mails zwischen Mutter und Sohn zwar durchaus einen intimen Eindruck der familiären Beziehung, doch in ihrer Ausführlichkeit und erzählerischen Distanzlosigkeit wird man den Eindruck nicht los, es hier nicht mit den fiktiven Erzählfiguren Lena und Vincent, sondern mit der Wirklichkeit, also den Autoren Beatrice und Philipp Beng selbst zu tun zu haben. Das stellt für sich genommen in seiner Naivität eine überaus kritische und aufdringliche Erzählfigur dar, denn schließlich können sich die Leser nicht dagegen wehren, solcherlei Intimitäten aufgedrängt zu bekommen. "kurz vor danach und gegenüber von immer" kann insgesamt nicht überzeugen. Es fehlt diesem Kriminalroman schlicht an einem: die Konzentration auf ein Wesentliches, z.B. die Psychologie des Verbrechens oder der Gewalt - ob es nun ein Doppelmord in Buenos Aires oder ob es die sozialen Verhältnisse in Berliner Problemkiezen ist. Was das betrifft, ist die Geschichte viel zu naiv und in eine viel zu formelhafte Krimihandlung eingefasst. Mithin hätten die Bengs zur Beschreibung der Leiden der Trennung zwischen Mutter und Sohn, nicht unbedingt einen Kriminalroman verfassen müssen. Vielleicht stand dem Autorengespann zu sehr der Wunsch nach Ausdruck der Selbsterfahrung im Weg. Hätten Sie alles, was hier dicht gedrängt auf fast 400 Seiten steht, z.B. nicht in ein einziges Buch gepackt, hätten sie sich knapper und deutlicher auf ein zentrales Thema konzentriert, das sich hier durch die doppelte Handlungsführung und weitere schlecht gewichtete Handlungsstränge leider kaum festmachen lässt, - wer weiß ... Aber was nicht ist, das kann bei den beiden Bengs durchaus noch werden. Ihrem ambitionierten Roman, der übrigens schon durch sein eigenwilliges und interessant gestaltetes Cover (die nackte, tätowierte Brust eines jungen Mannes, die sich über die gesamte Klappenbroschur hinzieht) auffällt und sich inhaltlich durchaus mit einiger Ideen- und Gestaltungskraft glänzt, mangelt es letzten Endes nämlich nicht unbedingt an erzählerischer Phantasie, sondern vor allem an Klarheit, Deutlichkeit und weniger Worten. - Oder vielleicht einfach `an Gesicht´. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, weshalb so viele "belehrenden Worte" für eigentlich recht simple Feststellungen? Das deshalb, weil so wie ich den Roman "kurz vor danach und gegenüber von immer" kennen lernte, schien er mir exemplarisch für die Kakophonie der ungeheuer breiten und publikationsträchtigen Krimi- und Literaturszenerie, in der potenzielle Schreibtalente aus dem Nichts heraus einen "Krimi" oder "ihren Roman" platzieren und sich mit zum Teil recht hohen Erwartungen auf ein Genre oder Themen festlegen, wozu ihnen in der Folge aber fast zwangsläufig die Kraft fehlt, mehr zu sagen oder etwas wirklich Originelles beizutragen. [ hs/24.07.2008 ]
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Krimi-Specials
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