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Larsson, StiegVergebungOriginaltitel: Luftslottet som sprängdes
Unsere Meinung:Stieg Larssons „Vergebung“ ist das Buch, über das in unserer Berliner Krimibuchhandlung „Hammett“ in den letzten Monaten am meisten geredet wurde. Und tatsächlich gehört Stieg Larssons bemerkenswerte „Millenium-Trilogie“, deren Abschluß dieser Roman nach seinen Vorgängern „Verblendung“ und „Verdammnis“ bildet, fraglos zu den durchschlagenden Krimi-Überraschungen der letzten Jahre.
Unterdessen überschlägt sich das allgemeine und allseitige Lob zu Larssons Trilogie so sehr, dass selbst mutmaßliche Trendsetter wie „Der Spiegel“ dem Trend nur noch hinterher hecheln können (vgl. Urs Jennys seltsam verspätet wirkende Lobeshymne „Amazone im Internet“ in „Der Spiegel“ 13/2008, S. 166-168). – Stieg Larssons internationaler Erfolg ist aber wohl kaum am Reißbrett von Verlagen, im Büro von Bestseller- und Quotenfetischisten oder anderen Marketingabteilungen entstanden, sondern scheint tatsächlich auf einem wahrhaft märchenhaften Publikumserfolg zu beruhen. (Zu schön, um wahr zu sein, denkt sich der kritische Zeitgeist.) Leider kann der 2004 an den Folgen eines Herzinfarkts relativ früh verstorbene Larsson diese ganze Aufregung und den späten Ruhm nicht mehr miterleben, denn seine Romane um den Journalisten Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander sind allesamt posthum erscheinen. Was allerdings mag nun den überraschenden Erfolg Larssons ausmachen, wo zum Beispiel auch das „Hammett“-Team ihn anfangs nur ratlos als „weiteren schwedischen Krimiautoren“ verbucht hatte? Unabhängig von ihren einzelnen Qualitäten erscheint die Trilogie insgesamt wie aus einem Guss, so als hätte Larsson sich seine geballte Lebens- und Berufserfahrung vom Leib geschrieben. Ein solch vielseitiges episches und gleichzeitig kritisches Erzählexperiment hat man in der Kriminalliteratur seit Jean-Claude Izzo nicht mehr erlebt. Gleichzeitig zieht Larsson gekonnt und überraschend routiniert alle Register des Krimigenres und seiner Sub-Genres: Ist der erste Teil „Verblendung“ die verschachtelte Ouvertüre, die sich zwischen Psychothriller, Whodunnit und Wirtschaftskrimi bewegt, so entwickelt Larsson in den beiden folgenden Teilen buchstäblich einen erzählerischen Sog und geleitet seine Leser gleichwohl wechselweise, aber sicher durch verschiedene Sphären des Polit-, Spionage- oder gar des Justizthrillers. In diese erzählerische Gemengelage bettet er mehr oder weniger sein großes Thema ein, die ungeheuren gesellschaftlichen Umbrüche vor und nach 1989. Das wiederum wirkt bildhaft gesprochen – man verzeihe mir den Vergleich – beinahe wie in einer düsteren und überdimensionalen Skulptur von Anselm Kiefer hinmodelliert. Sicher spielen Verschwörungstheorien in dieser vielfach verschachtelten Erzählstruktur eine tragende Rolle. Es ist die Spannung zwischen dem, was für uns vor wenigen Jahren undenkbar erschien und sich dann wiederholt als Wahrheit mit hinlänglicher Vorgeschichte herausstellt. Es sind die Lügen der Mächtigen, nur dem Gemeinwohl zu dienen, während tatsächlich im Hintergrund oft hemmungslos betrogen, im großen Maßstab geschoben, mithin Existenzen zerstört werden und letztlich bestimmt nicht nur aus Ultima Ratio sogar gemordet wird. Dieser Antagonismus und Larssons entsprechenden Erzählfiguren machen wahrscheinlich den großen Reiz seiner Trilogie aus. Düstere Geschichten um „ehrbare“ Unternehmerdynastien oder auch staatliche Sicherheitsapparate, die diverse Leichen im Keller haben, internationale Verschwörungstheorien um Waffen- und Menschenhändler, die höchst fragwürdige, bis hin verbrecherische Rolle von Geheimdiensten auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft offenbaren – „Das alles ist so rasant, amoralisch und sinnlos, dass es sich um einen Spiegel unserer Gegenwart handeln muss.“ (Denis Scheck, „Von Zwergen und Rittern“, in: Der Tagesspiegel Nr. 19866 vom 6.4.2008, S. 25.) Ja, Stieg Larsson hat mit dem Rundumschlag seiner „Millenium-Trilogie“ tatsächlich alle Register gezogen und damit in der Kriminalliteratur fraglos auf Dauer Spuren hinterlassen. Vor diesem Hintergrund ist „Vergebung“ der genauso würdige und gelungene Abschluß seines vielschichtigen Epos um … - ja, um wen oder was letztlich genau? Ist es wirklich die in eine Allegorie gefasste jüngere Geschichte der westlichen Demokratie und freiheitlicher Gesellschaften, die drohen, einem Wirtschaftsprinzip und seinem globalen Verwertungsprozess auf den Leim und dabei langsam vor die Hunde zu gehen? Oder ist es – weit bescheidener – „nur“ die Geschichte des kritischen Journalisten Blomkvist und der eigenwilligen jungen Computer-Hackerin Lisbeth Salander, welche nach den höllischen Erfahrungen ihrer Kindheit und Jugend den Kampf gegen ihre eigene brutale Vergangenheit und Biographie aufnimmt und zusammen mit Blomkvist buchstäblich zur Freiheitskämpferin wird? (Die hohe Meinung Larssons über die „Vierten Gewalt“ lässt übrigens tief blicken.) - „Vergebung“ liefert die Antwort auf diese Fragen, denn der Roman zeigt über alle Genregrenzen hinweg, dass die abenteuerliche Trilogie nicht zuletzt von einer mehr oder weniger verhinderten „amour fou“ geleitet wird: „Dann betrachtete sie ihn und stellte plötzlich fest, dass sie keine Gefühle mehr für ihn hegte. Zumindest nicht solche Gefühle. Im letzten Jahr war er ihr wirklich ein Freund gewesen. Es irritierte sie fast ein wenig, dass einer der wenigen Menschen, denen sie vertraute, ein Mann war, dem sie konsequent aus dem Weg ging. Da entschied sie sich. So zu tun, als würde er nicht existieren, war einfach albern. Es tat nicht mehr weh, ihn zu sehen. Sie machte die Tür ganz auf und ließ ihn wieder in ihr Leben.“ (aus: Stieg Larsson, Vergebung) Weitere Romane wird es von Stieg Larsson nicht geben. Das wäre wohl auch zuviel des Guten. Und schließlich liegt sein „Vermächtnis“ mit seiner Trilogie bereits vor. Gleichwohl hatte sich Larsson offenbar geschickterweise ein mögliches Hintertürchen offengelassen, diese Geschichte weiterzuführen. Doch und selbst wenn nach der Logik der deutschen Buchtitel, die übrigens ziemlich konträr zu den schwedischen Originaltiteln liegen, ein solches „Vermächtnis“ vielleicht einen weiteren noch möglichen Schlusspunkt des Romanzyklus bilden könnte: Wozu? Larssons deutscher Verlag Heyne schickt uns mit der „Verblendung“, der „Verdammnis“ und der „Vergebung“ in seiner etwas eigentümlichen Lesart ohnehin schon jetzt durch ein buchstäblich biblisch anmutendes Fegefeuer, dem man seine suggestive Kraft nicht absprechen kann. Fazit: Zwei Dinge fallen bei Larsson besonders auf: Anders als z.B. zuletzt bei Henning Mankell ist er in seinen Romanen geschickt darauf eingegangen, dass das Publikum von Kriminalromanen vor allem gut unterhalten und nicht ständig belehrt werden will. Dabei ist wichtig anzumerken: Seine Romane schärfen den Blick für das, was in unseren modernen Gesellschaften vor sich geht. Und das ist beileibe nicht wenig. Natürlich hat Stieg Larsson mit seiner „Millenium“-Trilogie den Krimi nicht neu erfunden, dennoch zeigt sich hier in einem der wirklich seltenen Momente und in aller Virtuosität jene anhaltende Kraft, die gute Kriminalliteratur zu entfalten vermag. P.S.: Wir bitten darum, die hier beigefügte Bewertung als Gesamteinschätzung der Larsson’schen Trilogie zu verstehen. [ hs/04.07.2008 ]
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