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Walters, Minette Der Schrei des HahnsOriginaltitel: "Chickenfeed" (Pan MacMillan: London 2006)
Unsere Meinung:"Schneeschwere Wolken verdunkelten den Himmel an dem Tag, an dem Elsie Cameron das erste Mal mit Norman Thorne sprach. Vielleicht hätte Elsie die düstere Stimmung als Vorzeichen kommender Ereignisse nehmen sollen. Aber wie hätte sie ahnen sollen, dass ein Mann, den sie in der Kirche kennenlernte, sie vier Jahre später an einem Ort namens Blackness Road in Stücke hacken würde?"
(Minette Walters: Der Schrei des Hahns, S. 9) "Der Schrei des Hahns" ist ein kleines, schrecklich tragisches Sozial- und Beziehungsdrama, bei dem nach 120 Seiten wohl alles gesagt ist, was dazu gesagt werden muß: London in den 20er Jahren. - Der achtzehnjährige Norman Thorne lernt an einem schicksalsdüsteren Tag die 22jährige Elsie kennen und verliebt sich in die ältere Frau. Doch die wankelmütige Elsie leidet an Depressionen und ist seelisch überhaupt sehr instabil, wobei vor allem ihr Aussehen am eigenen Selbstbewusstsein nagt, so u.a. ihre starke Sehbehinderung, die sie zum Tragen einer starken Brille zwingt. Die beiden jungen Leute tun sich dennoch zusammen, und Norman versucht als Hühnerfarmer auf dem Land eine gemeinsame Existenz aufzubauen. Allerdings verliert Elsie in der Folge ihren Job und bleibt arbeitslos, während der unerfahrene Norman mit seinen Hühnern von Jahr zu Jahr am Existenzminimum vor sich hin wirtschaftet. In dieser Situation setzt Elsie Norman verstärkt unter Druck und möchte von ihm die Heirat erzwingen. Diese Umklammerungsversuche will sich der naive junge Mann aber bald nicht mehr gefallen lassen, vor allem nicht, nachdem er eine andere Frau, die attraktive und lebenslustige Bessie kennengelernt hat. So nehmen Schicksal wie Drama ihren Lauf . . . Minette Walters Kurzroman "Der Schrei des Hahns" ist zwar klein in der Form und wäre mithin groß in der Ausführung gewesen, hätte sie sich mehr Zeit und Raum in der Erzählung dieser wahren Tragödie im England kurz nach dem 1. Weltkrieg gelassen. Doch so wie es den beiden Protagonisten im Laufe der Handlung vor Ausweglosigkeit und Verzweiflung den Verstand verschlägt, um so mehr zieht sich Walters auf Briefpassagen und eine protokollartige Wiedergabe der Geschichte zurück. (Übrigens eines ihrer stereotypen Stilmittel, die ihr bei weitem nicht immer zum Gelingen ihrer Romane beitragen.) - Mir war diese Geschichte im Übrigen aus einer herrlich zynischen und witzigen Hitchcock-Fernsehverfilmung und aus einer frühen Kriminalerzählung von Arthur Williams bekannt.* Beide Autoren haben dort mit ihrem abgründigem schwarzen Humor mehr zum Verständnis heuchlerischer Liebe, zwanghafter Beziehungen und ihren Folgen beigetragen als die Spekulationen von Walters, die in der Geschichte zwar mit heiligem Ernst einen großen Stoff erkannt, ihn hier aber kleinmütig verspielt hat. Was sagte ich noch einmal zu Beginn: "Der Schrei des Hahns" ist ein kleines, schrecklich tragisches Sozial- und Beziehungsdrama, bei dem nach 120 Seiten wohl alles gesagt ist, was dazu gesagt werden muß. Ja, so ist es - wenn man nicht gerade wie Walters zuviel in die Sache hineininterpretiert und gleichzeitig mit in einem Schlußwort nachgereichten Spekulationen urplötzlich vom erzählerischen Zug abspringt . . . P.S.: Angesichts der knapp 120 Buchseiten dieses "Romans" halte ich es übrigens für etwas fragwürdig, dass der Verlag dem schmalen Bändchen noch eine 15seitige Leseprobe zu Walters parallel erscheinenden Großroman "Des Teufels Werk" aufgepropft hat. Da fragt man sich, ob "Der Schrei des Hahns" nicht zu einer billigen Werbeplattform für etwas Größeres verkommt, was wiederum sogar das eigentlich sehr redlich erscheinende Anliegen der Autorin in Frage stellen mag, an einen besonders tragischen historischen Kriminalfall und seine offenen Fragen erinnern zu wollen. Und dies hat das schmale und alles in allem lesenswerte Büchlein bei aller Kritik dann doch nicht verdient. * Alfred Hitchcocks und Arthur Williams Bearbeitungen des Stoffs sind nachzulesen/-schauen in: - "Arthur". Fernsehverfilmung in der Reihe "Alfred Hitchcock Presents". (Deutsch: "Ein Fressen für die Hühner"). USA 1959. Regie: Alfred Hitchcock. - Arthur Williams: "Da ich selbst ein Mörder bin . . ." (Originaltitel: "Being a Murderer Myself"). In: Mary Hottinger (Hrsg.), Mehr Morde. Neue Kriminalgeschichten aus England und Amerika. Diogenes Verlag: Zürich 1961, S. 465-484. [ hs/03.04.2008 ]
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Krimi-Specials
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