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Boyle, T. C. Talk TalkOriginaltitel: Talk Talk
Unsere Meinung:"Erinnerst du dich an die Fotos aus ...?" sagte er. Das letzte Wort verstand sie nicht. Es war irgendein langer Ortsname.
"Was?" "Afghanistan", sagte er und buchstabierte es. "Aus dem Krieg vor ... Wann war das? Vor ein paar Jahren. Ist dir aufgefallen, daß jeder Mudschaheddin im Kampf immer drei Sachen dabeihatte? Eine Kalaschnikow, einen Raketenwerfer und eine Literflasche Evian wie das hier [Bridger zeigt Dana seine Evian-Flasche; d. Red.]." "Ja", sagte sie, "ja, das war komisch. Da sieht man mal, welchen Wert bestimmte Dinge haben, wenn man sonst nichts hat." "Stimmt. Wenn man nichts hat, kein Wasser, keine Bäume, nichts als Steine. Darum jagt man das World Trade Center in die Luft. Darum hat man Waffen - damit man sich nehmen kann, was man haben will." (T.C. Boyle, Talk Talk, S. 315) Die Geschichte, welche die gehörlose Behindertenpädagogin Dana Halter und ihr Freund Bridger durchzustehen haben, möchte man selbst nicht erleben. Zunächst wird Dana nach einem harmlosen Verkehrsvergehen eher durch Zufall Opfer eines Justizirrtums. Doch bald stellt sich heraus, daß an Danas ganzen darauf folgenden Schwierigkeiten jemand anderes Schuld trägt. Der Justizirrtum beruht nämlich auf der Tatsache, daß sie Opfer eines sogenannten "Identitätsdiebstahls" wurde. Ein Betrüger hat sich ihre persönlichen Daten angeeignet und verkehrt offenbar ungeniert unter ihrem Namen, nutzt ihre Konten und bringt sie damit in ungeheure private und berufliche Schwierigkeiten. Danas Gehörlosigkeit, ihre schiere Fassungslosigkeit und nicht zuletzt ihre Eigenwilligkeit erschweren ihr den Weg, einfach nur die notwendigen rechtlichen Schritte einzuleiten. Gleichzeitig mahlen die juristischen Mühlen erschreckend langsam. Als Dana bewusst wird, daß ihr Polizei und Justiz lange Zeit nicht einmal ihre Version der Geschehnisse glauben wollen, geschweige denn sich ernsthaft bemühen, in dem Betrugsfall zu ermitteln, versucht sie auf eigene Faust, den Betrüger ausfindig zu machen. Zusammen mit ihrem Freund Bridger stöbert sie den Betrüger auch bald trickreich und geschickt auf. Doch dieser versierte und selbstbewusste Kriminelle lässt sich von seinen eher hilflosen Verfolgern seinerseits kaum beeindrucken und setzt sich von Kalifornien schnell in Richtung Ostküste und New York ab. Dana und Bridger nehmen die Verfolgung auf und setzen dabei schon längst ihre Jobs und ihre Existenzen aufs Spiel. Der Betrüger William Peck lebt unterdessen sein genauso kostspieliges wie riskantes Leben weiter. Er hat sich unter dem (genauso für Männer wie für Frauen verwendeten Vor)Namen "Dana" Halter nicht zum ersten Mal eine fremde Identität zueigen gemacht und vergleichbare Betrügereien abgezogen. Das bescherte ihm zwar keine sorglose, aber doch luxuriöse Existenz. Zur inneren Rechtfertigung seiner Taten ergeht er sich zwar in reichlich Selbstmitleid und sieht sich aus seiner Vergangenheit heraus eher selbst als Opfer. - In Wirklichkeit lebt er aber buchstäblich in Saus und Braus. Seine neue russische Freundin Natalia und deren Tochter Madison sind für ihn die Familie, die er sich immer gewünscht hat. Sie wissen aber nichts von seiner verbrecherischen Laufbahn, bis die Sache durch Danas Hartnäckigkeit droht aufzufliegen. Der Betrüger wird nervös und geht dabei mit seiner neuen "Familie" auch nicht immer "pfleglich" um, denn sein ganzer Ehrgeiz scheint vielmehr darin begründet, mit seinen Betrügereien und auf Kosten anderer ein großes Vermögen zusammenzuschaufeln. Dafür ist er nicht zuletzt bereit, bis aufs Äußerste zu gehen . . . Gleichzeitig lassen Dana und Bridger nicht locker und bleiben dem Betrüger auf der Spur. Dieser wiederum zeigt sich wild entschlossen, seinen Besitzstand mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Es beginnt ein grotesker Kampf um Identitäten, Gerechtigkeit und die schiere Existenz dreier Menschen. T.C. Boyle im Krimifach begrüßen zu dürfen, das ist mit dem Roman "Talk Talk" buchstäblich ein Vergnügen. Mit Anleihen an den Psychothriller liefert er aber gleichzeitig eine gallige Gesellschaftssatire.- Wir heißen Sie also wirklich herzlich in unserem Genre willkommen, Mr. Boyle! Mehr ist zu dem Buch momentan "kritisch" auch nicht zu sagen. "Talk Talk" wird wahrscheinlich noch sehr unterschiedlich bewertet werden (wie wir das auch schon aus recht kontroversen Kundenrückmeldungen im "Hammett" heraushören konnten). Doch einen neuralgischen Punkt legt der Roman auf jeden Fall offen: Wie leicht der Nerv unserer kapitalistischen Gesellschaften schon in ihrer Lebensweise getroffen werden kann. ("Kapitalistisch" klingt dabei eher unfreiwillig immer sehr marxistisch, ist hier aber gar nicht so gemeint.) Ob man nun aber Opfer von Börsenspekulationen, vom so genannten "Phishing" oder auch nur dubiosen Haustürgeschäften oder "Butterfahrten" wird (und die Steigerung lautet hier ja nicht zwangsläufig dumm, dümmer, am dümmsten), das sei dahingestellt; - "Talk Talk" geht dem vielschichtigen Phänomen mit fast allen Mitteln des Thrillers und des Spannungsromans viel tiefer und mithin "gründlicher" auf den Grund - - und das war und ist schlichtweg beeindruckend und sehr lesenswert. [ hs/06.01.2007 ]
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Krimi-Specials
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