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Boyd, William RuhelosOriginaltitel: Restless
Unsere Meinung:"Jetzt begriff sie mit fast enttäuschender Klarheit, dass die Welt und die Menschen für einen Spion nicht dasselbe waren wie für andere Menschen ... War dies das besondere, das einzigartige Schicksal des Spions? In einer Welt ohne Vertrauen zu leben? Würde sie jemals wieder fähig sein, einem Menschen zu vertrauen?"
(William Boyd, Ruhelos, S. 71) "Verrat ist schlechter Dünger." (Bertolt Brecht, Arturo Ui) "Ruhelose Nacht." (Nicht verzeichneter Tagebucheintrag des Rezensenten) Wie würden Sie reagieren, wenn sich plötzlich herausstellen würde, dass Ihre Mutter oder Ihr Vater in sehr früher Vergangenheit - sozusagen vor Ihrer Zeit - für einen ausländischen Geheimdienst gearbeitet hat? William Boyds "Ruhelos" treibt genau mit dieser Frage ein prekäres Spiel. Nun kennt man diese literarische Wendung natürlich schon aus vorangegangenen Romanen, wobei hier meiner Ansicht nach zuletzt vor allem Michael Frayns "Spionagespiel" und Joseph Kanons "Der verlorene Spion" herausragten. Dennoch möchte ich diese voreiligen Vergleichsmaßstäbe nicht nur aus lauter Spitzfindigkeit anführen oder gar gegen den vorliegenden "unruhigen" Roman verwenden. Diese Vorbemerkung sei nur ein dezenter Hinweis darauf, dass der kritische Einfallsreichtum in den Überlegungen eines jeglichen Kritikers natürlich Grenzen hat und dass sich z. B. auch eine Elke Heidenreich, die "Ruhelos" buchstäblich über den grünen Klee lobte, ironischerweise mit ihrem Streit- oder Lustobjekt borniert. (Auch kundige Kritiker können klarerweise kaum komplett alles kennen oder gelesen haben . . .) Alldieweil findet dieses Buch über jede mögliche Anfechtung in puncto Nachahmung seinen eigenen Ton und Takt. Und der Takt des Romans "Ruhelos" ist tatsächlich der der Unruhe, die Taktlosigkeit par excellence. Nicht ohne Grund ist dieses Buch auch im englischen Original, aber fast noch prägnanter und klingender, mit "Restless" übertitelt. Ja, William Boyds viel und allseits gelobter Spionageroman findet tatsächlich seinen eigenen "Ton" Das liegt zum einen an der weiblichen Erzählperspektive aus der Sicht der jungen Historikerin Ruth Gilmartin (in der Jetzt-Zeit des Romans, im Sommer 1976, ist die Erzählfigur 29 Jahre alt), die dem großen und dunklen Geheimnis ihrer Mutter Sally auf die Spur kommt. Auf die Spur kommt? - Nein, sie wird vielmehr von ihrer Mutter darauf gestoßen! Derart liegt es dann zum anderen an der zunächst rein schriftlich überlieferten Erzählung der über sechzigjährigen Mutter, die ursprünglich Eva Delektorskaja hieß, sich dann zu Eve Dalton verwandelte und im 2. Weltkrieg zu schätzen wußte, dass der Deckname Margery Allerdice ihr einen lebensrettenden Fluchtweg offen hielt, jedoch ohne zu ahnen, dass sie sich dann mit der geklauten Identität einer Toten namens Sally Fairchild einmal tatsächlich würde das Leben retten müssen, um dann schließlich in der Nachkriegszeit als verheiratete Sally Gilmartin ein "normales" Leben führen zu können. Sodann und denn ist die Mutter für die Tochter offensichtlich nicht mehr einfach die vertraute Person, sondern trägt plötzlich genauso unerwartet wie bedrohlich eine genauso abenteuerliche wie düstere Geschichte mit sich herum, die in den russischen Emigrantenkreisen im Paris der 1930er Jahre ihren Anfang nimmt und auf verschlungenen Wegen in Ruths familiärer Gegenwart endet, in der sich nun die alte Frau, das unterschätzte Muttchen, ja Großmutter, plötzlich akut bedroht fühlt und seltsam paranoide Anwandlungen an den Tag legt. Während Ruth sich im britischen Oxford als Fremdsprachenlehrerin durchschlägt und als allein erziehende Mutter ihres fünfjährigen Jungen Jochen ihre Dissertation als Historikern angeht, überreicht ihr "Sally" in schriftlicher Form, Kapitel für Kapitel, ihre abenteuerliche Lebensgeschichte: Das Leben als britische Geheimagentin russischer Herkunft und mit unterschiedlichen Identitäten ("Legenden"). Was soll Ruth davon glauben und was nicht? Sie ist von diesen Enthüllungen zunächst ziemlich befremdet und bald reichlich schockiert. Während sie von Muttern häppchenweise deren heikle Vergangenheit präsentiert bekommt, versucht sie mit ihrer eigenen schwierigen Lebenssituation zurecht zu kommen. Unterdessen spürt sie schon bald, wie sehr sich mit den Enthüllungen ihrer Mutter eine unheimliche Gefahr zusammenbraut . . . William Boyds vielschichtiger Roman hat also einiges zu bieten: Eine ziemlich realistische und gut erzählte Spionagegeschichte; dazu Liebe, Verrat und Mord. (Was will man mehr? - Und das alles) Ohne melodramatisch zu werden. Boyd erzählt die Lebensgeschichte Sallys kühl beobachtend und mit bemerkenswertem britischem Understatement. (Beinahe klassisch: Man fühlt sich oft an den trockenen Ton John Buchans oder Eric Amblers erinnert.) Was "Ruhelos" allerdings noch mehr auszeichnet: Dies ist tatsächlich eine Geschichte, die - wie der Titel verspricht - "unruhig" macht. Denn neben der klassischen Spionagegeschichte entwirft Boyd mit seiner Figur Ruth, der Heldin der romanhaften Gegenwart, vor dem Hintergrund der "großen europäischen Wunde" - den Weltkriegen I. und II. - gleichzeitig ein Porträt der wilden wie politisierten 1960er und 1970er Jahre, die sich in ihrem Protest direkt auf die Vergangenheit der Elterngenerationen bezogen. Dieser Jugendaufstand repräsentierte europaweit meist den Widerstand gegen den heldenhaften "Glanz" wie gegen das abgrundtiefe Elend des 2. Weltkriegs und vor allem eines (bis heute) unbewältigten Faschismus. So sehr manche Momente in "Ruhelos" auch an populäre Vorbilder erinnern mögen (zu oben genannten Beispielen gesellen sich mit dem "Bild" der jungen Historikerin zwangsläufig Motive aus William Goldmans "Marathon Man"), umso mehr entwickelt dieser Roman gleichzeitig seine eigenen Erzählabsichten. Das Grundmotiv dieses Romans ist die Unruhe. Die Unruhe der Zeit, der Stürme zwischen den vorgeblichen Lebenswahrheiten und den krankhaften Lebenslügen. Die Moral zerbröselt in schicksalhaften Lebensläufen, die in die Zwänge eines unmenschlichen Systems eingepasst wurden, das sich Geheimdienst und Staatsraison nennt. Sally ist sich so sicher, dass sie nach all den Jahren von ihren alten Geheimdienstkollegen beseitigt werden soll. Und das aus einem ganz bestimmten Grund. Ihre Unruhe wächst angesichts der Bedrohung, weil ihr schon als junge Frau bewusst wurde, auf welch lebensbedrohliches Abenteuer sie sich da eingelassen hatte, als sie sich von dem britischen Geheimdienst anwerben ließ. Diese Geschichte ließ Eva/Eve/Margery/ Sally nie los, und sie spürt, wie vergänglich ihre eigene Lebenszeit ist und wie sehr sie ihr Leben verderblichen Mächten ausgeliefert hat. Ihre Unruhe beherrscht sie und blüht mit jeder panikartigen Attacke angesichts der nahenden Begegnung mit dem Tod. Besonders dieses Moment von Sallys wiederholten Todesahnungen fängt der Roman genauso "dezent" wie beeindruckend ein. Und das macht ihn letztlich zu etwas Besonderem, selbst wenn er dieses Todesmotiv dann nicht wirklich "vollendet" auszumalen vermag. Doch nun seien Sie ehrlich, - in welchem Spionage- oder Kriminalroman werden Sie neben der spannenden "Unterhaltung" so ernsthaft (wie unverfänglich) vor die Frage Ihrer eigenen Existenz und Ihrem eigenen zwangsläufigen Tod gestellt? [ hs/06.04.2007 ]
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Krimi-Specials
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