Titel: Niederschlag

Disher, Garry Niederschlag

Originaltitel: The Fallout
Aus dem australischen Englisch von Ango Laina und Angelika Müller

Nach kurzer Liaison mit der Polizistin Liz Redding will Wyatt schnellstens untertauchen. Doch er trifft seinen Neffen Raymond wieder, der ihm den Raub einer Kunstsammlung schmackhaft machen kann.
Doch Wyatt ahnt nicht, dass sein Neffe auch andere Deals am Laufen hat. In der Meerenge vor Tasmanien will er mit zwielichtigen Abenteurern eine versunkene Barke voll spanischer Goldmünzen bergen und nebenbei auch noch einen Klienten seines Anwalts aus der Untersuchungshaft befreien. Ist Wyatt bei der Einschätzung der unbekannten Faktoren diesmal ein fataler Fehler unterlaufen?
Das lang erwartete Finale der Wyatt-Saga.

Wyatt-Serie Bd.6.

Autor: Disher, Garry
Titel: Niederschlag
Jahr: 2008-05
Seiten: 263 | Taschenbuch
Verlag: Pulp Master
ISBN: 978-3-927734-37-1
Preis: 12.80 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 12.80 EUR

Unsere Meinung:

Gier, Dreck, Hinterhalt, Willkür, Port Vila Blues und schließlich Niederschlag: Das sind die Titel eines elegischen Romanzyklus, der in der Kriminalliteratur so seinesgleichen sucht. „Niederschlag“ ist darin der sechste und mutmaßlich letzte Teil der Wyatt-Serie, die uns aus der nüchternen Perspektive eines Berufsverbrechers in allen Facetten gezeigt hat, was ein Leben in Kriminalität und Gewalt bedeuten kann. Selbst den Reiz:

„Zu Wyatts eigener Überraschung sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus: `Wenn man die Nerven und die Fähigkeit dazu hat, Ray, gibt es nichts Vergleichbares auf der Welt. Ich weiß, ich habe gesagt, dass man von einer Sache Abstand nehmen sollte, wenn man auch nur den geringsten Zweifel hegt. Aber ich weiß auch, dass man nicht mehr davon loskommt, alle Chancen auszuloten, sein eigener Herr sein zu können, mit einem Schlag so viel Geld zu machen wie mit einem Bürojob in zehn Jahren. Aber das Geld ist es nicht allein, es macht nicht einmal zehn Prozent aus.´ Er hielt inne, suchte nach passenden Worten, dann sagte er: `Ich mag es, meinem Verstand und meinem Körper alles abzuverlangen, um der Herausforderung zu begegnen, die ein riskantes Spiel mit sich bringt.´
(Garry Disher: Niederschlag, S. 202)

Hier spricht ein Überzeugungstäter. Dennoch hat es Wyatt trotz einiger guter Chancen nie geschafft, zur Ruhe zu kommen. Seine kriminelle Karriere lag letztlich doch immer wie ein seltsamer Fluch auf seinem Leben und trieb ihn immer weiter und rastlos voran.
„Niederschlag“ knüpft so nahtlos an den Vorgänger-Roman „Port Vila Blues“ an. Wyatt muss hier wie dort erkennen, dass es ihm wohl auf Dauer versagt bleiben wird, einmal den wirklich großen Coup zu landen oder sich auch nur irgendwie zur Ruhe zu setzen. Die Auseinandersetzung mit dem durch und durch korrupten Polizisten Springett, der Tod seines alten Freundes und Partners Frank Jardine und nicht zuletzt die „unmögliche“ Verbindung mit der Polizistin Liz Redding haben ihm nach einem mehr oder weniger missglückten Juwelenraub diese Erkenntnis wie einen Spiegel vor die Nase gesetzt.
Doch Wyatts Denken orientiert sich selten an „alten Geschichten“. Seine Existenz als gesuchter Verbrecher bedarf nicht zuletzt und jederzeit seiner vollen Gegenwart. In diese Gegenwart eines mehr oder weniger verhagelten Coups hinein platzt dennoch ein Teil seiner verleugneten Vergangenheit. Er trifft auf seinen jungen Neffen Raymond, zu dem er, verbunden mit allerlei familiärer Schwierigkeiten, vor Jahren den Kontakt abreißen ließ.

Raymond Wyatt hat es seinem Onkel inzwischen gleich getan und seinerseits eine kriminelle Karriere begonnen. Als sogenannter „Buschbandit“ schaffte er es, sich mit diversen Banküberfallen auf kleine australische Provinzbanken einen gewissen Ruf zu erwerben, doch auch bei ihm reicht der berufliche Erfolg nicht unbedingt dazu, sich zurücklehnen zu können. Dann wird Ray allerdings von einem Gaunerpärchen ein verführerischer Deal angeboten – zu dem ihm aber vorläufig das notwendige Geld zum „Einsatz“ und zur Teilhabe fehlt: In der tasmanischen Meerenge soll eine bisher unentdeckte versunkene Barke voll spanischer Goldmünzen liegen. Das nötige Kleingeld zu diesem lukrativen Spiel und Abenteuer möchte sich Ray u.a. mit einem Auftrag seines Anwalts und Hehlers Chaffey hinzuverdienen, der ihn beauftragt, zusammen mit der einfältigen, aber sehr eigenwilligen Gangsterbraut Denise Meickle einen seiner schwierigeren Klienten aus der Untersuchungshaft zu befreien. Dieser Klient hat es in sich – das ist aber nur eine weitere Geschichte in diesem mutmaßlichen Finale des Wyatt-Epos.
Nun ist Wyatt der Jüngere jedoch längst nicht so erfahren wie sein Onkel, und seine Naivität stellt ihm zweifellos immer wieder bitterböse Fallen. Doch gerade als er sich mitten hinein ins große Schlamassel manövriert, trifft der naive Nachwuchsgangster Ray zufällig auf seinen Onkel, Wyatt dem Älteren. Und obwohl sein Onkel einige Bedenken hat, kann er ihm den Raub einer Kunstsammlung schmackhaft machen, was für Ray ein weiterer Baustein zu seinem großen Coup mit dem versunkenen Meeresschatz ist.
Wyatt der Ältere bekommt unterdessen durch seinen renitenten Neffen einen weiteren Spiegel vorgehalten. Und eine leichte Ahnung überkommt ihn, dass dieses kurzer Hand geplante „Family Business“ ganz schnell schief laufen könnte.

Meickle runzelte die Stirn. „Chaffey hat Ihnen fünfzehntausend Dollar gegeben.“
„Mein Honorar“, sagte Raymond. „Hat mit den Kosten nichts zu tun.“
Mürrisch drückte sie ihm fünfhundert Dollar in die Hand. „Ich will Quittungen.“
Raymond nahm eine Ruger Automatik und einen Schalldämpfer, verstaute beides im Handschuhfach des Jaguars und fuhr in die Innenstadt, um einzukaufen. Als Erstes standen die Läden für Campingausstattung in der Elisabeth Street auf dem Programm. Es machte Spaß, nur das Teuerste zu kaufen und Denise Meickles hart verdiente Fünfziger und Hunderter zu verprassen.
(Garry Disher: Niederschlag, S. 134)
Hinter Kriminellen verbergen sich nicht selten allzu simple und hausbackene Gemüter. Auch Raymond Wyatt hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten: jugendlichen Übermut, Gedankenlosigkeit und überspitzt gesagt eben auch ein wenig das Gemüt von Schweinchen Schlau.
Dass dies für die beiden Wyatts und alle anderen Beteiligten nicht gut enden kann, mag nun zu erwarten sein. Doch schon manches Ende hat in der Folge dann doch seine ganz eigenen Überraschungen geboten …
Garry Dishers Roman „Niederschlag“ könnte tatsächlich - wie etwas halbherzig angekündigt - das Ende einer großartigen Krimiserie sein. Die Art und Weise, wie Disher hier allerdings seinen Schluss nach einem trocken brutalen Showdown in der Schwebe hält, mag man vielleicht als schwermütiges Augenzwinkern dafür nehmen, dass jenes im Buchtitel angedeutete K.o. längst noch nicht alles sein muß …
[ hs/17.07.2008 ]
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