Titel: Portugiesische Eröffnung

Siler, Jenny Portugiesische Eröffnung

Originaltitel: An Accidental American
Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg

Nicole Blake streift durch Lissabon, vom Bairro Alto bis zum Gassengewirr der Alfama. Sie fragt in Cafés, Läden, Fälscherwerkstätten. Sie muss ihn finden, Rahim Ali, ihren früheren Geliebten. Der Auftrag kommt direkt vom US-Verteidigungsministerium. Eigentlich wollte Nicole nichts mehr mit ihrer Vergangenheit zu tun haben, und jetzt erinnert sie doch alles an früher, mit einer Ausnahme: Ihr arabischer Exfreund steht unter Terrorverdacht.
Jenny Silers atmosphärischer Thriller erzählt die Geschichte eines großangelegten Verrats, der der Vorbereitung des Irakkriegs dient. Die Suche nach der Wahrheit führt ihre Heldin zum ersten Golfkrieg und den Konflikten im Libanon der achtziger Jahre, wobei sie auch den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur kommt.

Autor: Siler, Jenny
Titel: Portugiesische Eröffnung
Jahr: 2008-07
Seiten: 267 | Taschenbuch
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-596-17715-8
Preis: 7.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„Die Portugiesische Eröffnung ist eine selten gespielte Eröffnung des Schachspiels. Sie zählt zu den Offenen Spielen und wird dabei als Königsbauernspiel eingeordnet.“
(Zitiert nach Wikipedia – die freie Enzyklopädie. http://de.wikipedia.org/wiki/Portugiesische_Er%C3%B6ffnung)

Nun liegt in deutscher Übersetzung inzwischen der zweite „Spionagethriller“ von Jenny Siler vor, der in ihrem Ursprungsland, den USA, unter einem männlich wirkenden Pseudonym Alex Carr und unter dem Titel „An Accidential American“ veröffentlicht wurde, - weil man dort Frauen offenbar nicht zutraut, einen guten Spionageroman zu schreiben.
Darüber hinaus fügen sich weder ihr Überraschungserfolg „Ticket nach Tanger“ noch die „Portugiesische Eröffnung“ einfachem Schubladendenken und lassen sich mit dem Label „Spionagethriller“ nur unzureichend beschreiben oder gar abtun. Es sei dabei übrigens angemerkt, dass Jenny Siler in Deutschland nicht erst mit diesen beiden Romanen in Erscheinung getreten ist. Bereits 2001 erschien bei Goldmann der Kriminalroman „Schnelle Beute“ (OT: „Easy Money“ von 1998), und auch darin gab es schon starke Hinweise darauf, dass sich die Autorin den Komplex Spionage und Geheimdienste auf spezielle Weise zum Grundthema ihrer Romane ausgesucht hat.
Dass Jenny Silers Bücher nicht einfach Spionageromane klassischen Zuschnitts sind (vom einfachen Schlapphut bis zum bondigen Superhelden, von dunklen Machenschaften der Geheimdienste und bis zu Intrigen auf höchster politischer Ebene), werten wir schon als erste gute Nachricht. Dass die Autorin ihre Romanen aber bewusst und gezielt mit zeitgeschichtlichem Hintergrund ausstattet und ihre Geschichten überdies glaubwürdig darin einbettet, ist eindeutig die beste Nachricht. Und wie gekonnt sie dabei in ihr Erzählmuster psychologisch so unterschiedliche Motive wie Identitätssuche, Vergangenheitsbewältigung und weltpolitischer (universeller?) Moral einflicht, das ist ebenfalls bemerkenswert. Dass ihre Helden dabei fast durchweg Heldinnen sind, dürfte das weibliche Krimipublikum außerdem besonders ansprechen. (Und das werten wir keineswegs nur als Randnotiz.)

Jenny Silers Roman „Portugiesische Eröffnung“ erzählt die Geschichte der versierten und professionellen Dokumentenfälscherin Nicole Blake, die über ihre illustre Vergangenheit und über ihren früheren arabischstämmigen Geliebten Rahim Ali in die fast surreale Geheimdienstmaschinerie der USA gerät. Ihr Exfreund steht demnach unter schwerwiegendem Terrorismusverdacht und soll nach dem Willen der amerikanischen Geheimdienste eliminiert werden. Nicole bekommt dies natürlich nicht derart brutal offenbart. So wird sie „sanft“ zur Mithilfe gedrängt beziehungsweise doch vielmehr erpresst, den Kontakt zu ihrem Freund herzustellen, während sie in Wirklichkeit schlicht als Lockvogel agieren soll. Das führt sie von ihrem Domizil in Südfrankreich in die portugiesische Hauptstadt Lissabon, wo sich Rahim Ali aufhalten soll. Für den genauso geheimnisvollen wie kaltblütigen Killer Valsamis ist sie dabei allerdings und schließlich nur Mittel zum Zweck.
Das stellt sich auch für Nicole bald immer deutlicher dar, und sie beginnt die Zusammenhänge und die perfide Intrige langsam zu erahnen. Noch mehr: Sie denkt an die Zeit zurück, als sie Rahim Ali kennen gelernt hatte, und das führt sie in der Erinnerung noch weiter zurück in ihre glückliche Kindheit in Beirut, ein Glück, das in den 70er Jahren durch den beginnenden Bürgerkrieg im Libanon und den genauso mysteriösen wie gewaltsamen Tod ihrer Mutter abrupt und brutal zerstört wurde. Und je mehr sie in der Vergangenheit forscht, um so mehr ist Nicole entschlossen, die ganze Wahrheit über das Damals und das Heute zu erfahren ...

Jenny Siler entfaltet in „Portugiesische Eröffnung“ eine Geschichte im Zeitraum von etwa 40 Jahren, beginnend im Rückblick auf die späten 60er Jahre, in denen die Libanonkrise ihren Ursprung hat, bis kurz nach den Terroranschlägen 2001 in den USA, wo sich die Welt im Großen wie im Kleinen begann grundsätzlich zu wandeln. Beides stellt sich in dem Roman überraschenderweise als tragischer Sinnzusammenhang dar, der in seinen fatalen Antrieben von Reaktion, Gegenreaktion und Überreaktion mit entsprechenden Abwandlungen bis in die Gegenwart seine zerstörerische Wirkung entfaltet.

Jenny Silers Roman wirkt trotz aller Fiktion ziemlich glaubwürdig und nachvollziehbar. Gleichzeitig vermag man bei ganz genauem Hinschauen aber leider noch die „Konstruktionslinien“ des Roman zu erkennen, so wenn sich zum Beispiel sehr spät und überraschend die wahre Haltung von Nicole Blakes Vater offenbart. Hier hätte man sich eine bessere Figurenzeichnung gewünscht. Solche Zusammenhänge und Erzählpassagen wirken deshalb psychologisch ein wenig unglaubwürdig, ähnlich wie man auch der erzählerischen Linienführung `Libanonkrise – ambivalente Haltung der US-Außenpolitik – Wachsen terroristischer Bewegungen bis zur Al-Kaida´ etwas misstrauen mag.
Die Autorin selbst versucht in einem dezidierten Nachwort die feine Trennstriche zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufzuzeigen. Damit zeichnen sich gleichzeitig die feinen geistigen Horizontlinien ihres Schreibens ab:

„In den letzten Jahren herrscht wachsende Unsicherheit, wie man Fiktion und Sachbuch voneinander trennen kann. Der kometenhafte Aufstieg des `erzählendenden Sachbuchs´ hat die ohnehin undeutliche Grenze zwischen kleinen Ausschmückungen und kompletter Erfindung weiter verschwimmen lassen. Die Beliebtheit einer bestimmten Art von Fiktion, die angeblich lange verborgene Wahrheiten enthüllen will, hat dazu geführt, dass die Leser clevere Erfindung mit Tatsachen verwechseln, was wiederum zu zornigen Reaktionen führte. Ich muss gestehen, dass ich die Aufregung nicht ganz verstehe. Geschichten wollen etwas vermitteln – historische Romane können uns im Idealfall sogar neue Perspektiven für unsere Zeit eröffnen -, und wenn man den Lesern das Vergnügen raubt, ihre Zweifel vorübergehend auszuschalten, brauchen sie tatsächlich nicht erst zu lesen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir die historische Wahrheit durch die verwässerten Wahrheiten historischer Fiktion ersetzen dürfen. Die Loyalität der Schriftsteller gilt letztlich immer der Story, die der Historiker und Journalisten der Wahrheit. Und wir leben in einer Welt, in der wir uns keine Unwissenheit leisten können.“
(Jenny Siler, Portugiesische Eröffnung. Nachwort mit den „Anmerkungen der Autorin zur Bombardierung der amerikanischen Botschaft in Beirut“, S. 261-267)


Fazit: Jenny Siler ist eine hoffnungsvolle Autorin, von der wir uns in Zukunft noch viel mehr erwarten. Das schon allein deshalb, weil sie den kompletten erzählerischen Durchbruch unserer Meinung nach noch keineswegs geschafft hat. So sehr ihre bis dahin immer knapp 250seitigen Thriller durch einen genauso schnörkellosen wie vor allem temporeichen Erzählstil geprägt waren (absolut begrüßenswert!), so sehr wünscht man sich bei ihr die stärkere thematische Verdichtung ihrer Romanerzählungen – ob das Pendel dabei nun eher in eine psychologische Richtung ausschlägt, ob sie also vor allem auf die Wirkung der Machenschaften der Geheimdienste auf Menschen abhebt, oder vielmehr in eine zeitgeschichtliche Richtung weist, womit etwas Licht ins Dunkel des weltpolitischen Dschungels gebracht werden könnte, das mag dahingestellt bleiben (und uns hoffentlich weiterhin überraschen).

Nachtrag: Mit Schach hat der Roman übrigens ganz und gar nichts zu tun.

[ hs/08.12.2008 ]
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