Der nasse Fisch - <a href='krimi_autoren/autor/15-Volker_Kutscher'>Kutscher, Volker</a> - Kiepenheuer

Kutscher, Volker Der nasse Fisch

Gereon Rath, neu in Berlin und abgestellt bei der Sitte, erlebt eine Weltstadt im Rausch und voller sozialer und politischer Spannungen. Nach dem Fund einer unidentifizierten Leiche schaltet sich der junge ehrgeizige Kommissar ungefragt in die stagnierenden Ermittlungen der Mordkommission ein - und stößt in ein Wespennest.
Ein Toter ohne Identität, der Spuren bestialischer Folterung trägt, gibt der Mordkommission Rätsel auf. Rath entdeckt eine Verbindung zu einem Kreis oppositioneller Exilrussen, die mit geschmuggeltem Gold Waffen kaufen wollen, um einen Putsch vorzubereiten. Auch andere sind hinter dem Gold und den Waffen her. Rath bekommt es mit Paramilitärs und dem organisierten Verbrechen zu tun. Er verliebt sich in Charly, Stenotypistin in der Mordkommission, und missbraucht ihr Insiderwissen für seine einsamen Ermittlungen. Dabei verstrickt er sich immer weiter in den Fall und macht sich schließlich selbst verdächtig.

Kommissar Rath Bd.1.

Autor: Kutscher, Volker
Titel: Der nasse Fisch
Jahr: 2008-08
Seiten: 528 | Taschenbuch
Verlag: Kiepenheuer
ISBN: 978-3-462-04022-7
Preis: 9.99 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Die 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts sind die Geburtsjahre des modernen Kriminalromans. Vielleicht kaprizieren sich auch deshalb viele heutige Autoren mit ihren historischen Kriminalromanen auf diese Zeit, in der sich mit den Gangstern von New York, Chicago und Berlin die organisierte Kriminalität erstmals weltweit manifestierte. Nicht zuletzt wirkt ja auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten wie ein Ausbund dieses Gangstertums, wobei die gemeinen Gangster aus der Gosse amerikanischer, deutscher oder französischer Großstädte vielleicht noch mehr Menschlichkeit und Seele hatten als die skrupellosen politischen Amokläufer des Faschismus.

Vor diesem Hintergrund ist eine Vielzahl von bemerkenswerten Kriminalromanen entstanden, unter denen bisher Philip Kerrs "Berlin Noir"-Trilogie herausragte. (Im September 2007 soll diese Trilogie übrigens mit dem Roman "Das Janusprojekt" fragwürdigerweise fortgesetzt werden, um wohl auch den letzte Fetzen Ideengehalt der Welt des Bernhard Gunther zu vermarkten. Wir haben das Buch zwar noch in keinem Vorabexemplar gelesen, aber uns gruselt ja beinahe schon vor dieser Vorstellung.) In Deutschland hatte 2002 das Autorengespann Birkefeld/Hachmeister mit dem furiosen Roman "Wer übrig bleibt, hat recht" ein Glanzstück für dieses Subgenre geschaffen. Doch ein genauso kritisches wie kohärentes Bild ergibt sich erst, wenn man noch Romane wie Pavel Kohouts "Sternstunde der Mörder" (1995) oder Marek Krajewskis Serie um den Breslauer Kommissar Mock ("Tod in Breslau", 1999) mit in Betracht zieht. Hier haben wir eine Reihe von kritischen Autoren, die zum Gefallen des Publikums nicht nur einen exotischen und spannenden "Krimi" mit Zeitkolorit verfertigen wollten, sondern mit Könnerschaft und den reichen erzählerischen Mitteln des Kriminalromans versuchen, eine bis heute unbegreiflich erscheinende und schrittweise bereits ins Vergessen geratende Zeit begreiflich zu machen.

Zu diesen illustren Vorbildern gesellt sich nun mit Volker Kutscher ein weiterer deutscher Autor, der mit seinem Roman "Der nasse Fisch" durchaus für einiges Aufsehen sorgen dürfte. "Der nasse Fisch" (im Berliner Polizeijargon der 20er Jahre ein `unaufgeklärter Fall´) ist ein bemerkenswertes und intelligentes Stück Kriminalprosa, von dem man sich wirklich einmal wünscht, dass es sich zu einem ernstzunehmenden Serien-Epos weiterentwickelt.

Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Polizisten Gereon Rath, der im Einsatz und in Notwehr einen Menschen aus einflussreichen Kreisen erschossen hat. Dieser Fall wächst sich für ihn zu einem Existenz bedrohenden Skandal aus, weshalb er seine kriminalistische Karriere in Köln abbrechen muß und nur aufgrund seiner familiären Beziehungen nach Berlin versetzt wird, wo er mehr oder weniger anonym einen Neuanfang im Sittendezernat versucht.
Rath ist ehrgeizig und fühlt schnell den Puls der Metropole Berlin. Dort brodelt in der reichlich überhitzten Atmosphäre und unter der dünnhäutigen Schicht der Weltstadt ein wahrer Vulkan. Doch die, die über die Situation nachdenken könnten, erleben die Stadt wie im Rausch. Andere haben sich gleich völlig hemmungslos dem wilden Leben mit Kokain und Drogen, Prostitution und illegalen Nachtklubs sowie revolutionärer Schwärmerei hingegeben. Während die Massenarmut naturgemäß schweigt, mögen es andere handfester und betreiben politische Agitation und Konspiration. In einem wilden Gemisch aus Gangstern, Nazis und Kommunisten wird so bis aufs Bitterste um Geld, Einfluß und Macht gekämpft. Nicht zuletzt ist Berlin Ende der 20er Jahre auch in anderer Hinsicht ein wahrer Schmelztiegel. Die Stadt wird bei ständigem Zustrom unzähliger Menschen verschiedener Herkunft und Nationalitäten bevölkert: Jüdische Einwanderer aus Osteuropa, russische Emigranten, verzweifeltes Landvolk und über verschiedene Künstler"völker" auch alle möglichen Hasardeure, die von der Stadt wie magisch angezogen werden.
Im Berliner Blutmai, als vom Berliner Polizeipräsidenten am 1. Mai 1929 kommunistische Demonstrationen hemmungslos und brutal niedergeschlagen werden, eskaliert die Situation zum ersten Mal. Es kommt zu vielen Opfern, die ein Menetekel für die noch kommende Gewalt und Kämpfe werden soll.
In diesem Kampfgetümmel hält es den jungen Polizisten Rath nicht lange im Sittendezernat, sondern als sich die Gelegenheit ergibt, schaltet er sich ungefragt in die Ermittlungen der viel gerühmten Berliner Mordkommission ein. Das bringt ihn schnell in ziemlich heftige Schwierigkeiten, weil er damit nicht nur in eine undurchschaubare Verschwörung zwischen reaktionären deutschen Nationalisten und russischen Emigranten gerät, sondern bald auch einen weiteren Toten auf dem Gewissen hat. Mit seinen genauso eigenwilligen wie forschen Ermittlungen scheint er buchstäblich in ein Wespennest gestoßen zu haben.

"Der nasse Fisch" ist ein Kriminalroman, der sehr viele unterschiedliche Elemente in sich vereinigt. Wir lesen hier gleichzeitig sehr geschickt und spannend verpackte Zeitgeschichte, die detailliert auf viele verschiedene Gebiete des Berliner Stadtlebens eingeht. Ob Kutscher über die Polizeiarbeit und die berühmte Mordkommission der Inspektion A unter Oberkommissar Böhm schreibt, ob er ein differenziertes Porträt über die politischen Kämpfe in Berlin und die Rolle bestimmter Figuren wie dem damaligen Polizeipräsidenten Zörgiebel zeichnet, oder ob er das damalige Berlin mit seinen Straßen, Mietshäusern, Nachtklubs und der brodelnden Ahnung des kommenden Untergangs beschreibt:
Er behält seinen Stoff immer im Griff. Dabei ließ sich der Anklang bestimmter Manierismen wie z. B. die stadtführerhafte Nennung von Straßennamen und Plätzen oder den Klischees der "Roaring Twenties" nicht immer vermeiden. Doch Kutscher wendet solche Momente fast immer in eine positive Erzählrichtung, weil es ihm ganz offenbar nicht nach Effekthaschereien steht, sondern weil er offenbar wild entschlossen ist (und hoffentlich bleibt), seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. So umgeht er dem touristischen Leserblick mitunter dadurch, dass er wichtige Handlungsmomente mehr oder weniger beiläufig und geschickt an solchen gewöhnlichen Orten und Plätzen ansiedelt, die mit dem Untergang Berlins 1945 tragischerweise für immer verschwunden sind. So fügt sich selbst die "obligatorische" Love Story, die der junge und abenteuerlustige Rath mit einer Kollegin eingeht, weitgehend in die spannende Handlung ein und ist dabei doch mehr als nur Mittel zum Zweck.

Kutschers Erzähllust springt einem aus diesem Buch förmlich entgegen. Und selbst wenn man diesen Roman auf den ersten Blick als durch und durch "noir" bezeichnen muß, so durchbricht dessen Autor auch solcherlei genretypische Farb- und Erzählmuster souverän mit seinem eigenen Erzählstil. Sein Held Gereon Rath stellt sich als eine ziemlich gebrochene bis ambivalente Figur dar. Der Polizist erscheint als kalter Karrierist, scharfsinniger Opportunist und nicht zuletzt als begabter Ermittler, der sich mehr als einmal am Rande der Illegalität geschweige denn innerhalb der Dienstvorschriften bewegt. Und dennoch, Volker Kutschers Protagonist ist seltsamerweise gleichzeitig auch das Licht, der uns durch das Dunkel des brodelnden Berlins des Jahres 1929 führt . . .

"Der nasse Fisch" erscheint mir als ein ganz und gar spannendes und lesenswertes Buch. Und mit diesem Roman dürfte sich Volker Kutscher endgültig einen Namen als Krimiautor gemacht haben. Wäre dies sein Debüt, so könnte man den Roman als grandios bezeichnen. Doch offenbar waren sein vorangegangener historischer Kriminalroman und seine beiden Köln-Krimis nur Studien und Fingerübungen zum ersten großen Wurf. So ist Kutschers vierter Kriminalroman für mich die bisher bemerkenswerteste deutschsprachige Krimiüberraschung des sich langsam dem Ende zuneigenden Jahres 2007.
[ hs/23.08.2007 ]
Diese Rezension bezieht sich auf die Ausgabe von Juli 2007.
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