Titel: Der Fahrer

Vachss, Andrew H. Der Fahrer

Originaltitel: The Getaway Man
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt

Die Karriere als Fluchtfahrer ist Eddie gewissermaßen vorherbestimmt schon lange vor dem Führerschein, war er fasziniert vom Autofahren. Sein Leben als Kleinkrimineller nimmt eine Wendung, als er J.C. begegnet. Das Superhirn einer hochprofessionellen Gang schätzt Eddies bedingungslose Loyalität ebenso wie sein Geschick am Steuer und heuert ihn für einen letzten großen Coup an. Alles läuft glatt bis eine Frau dazwischenfunkt.

Autor: Vachss, Andrew H.
Titel: Der Fahrer
Jahr: 2008-08
Seiten: 222 | Taschenbuch
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24754-5
Preis: 8.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 8.95 EUR

Unsere Meinung:

„Ich spürte, dass mich die Leute anschauten. Ich wollte sie nicht anschauen, und ich wollte nicht auf den Boden schauen, so als ob ich Angst hätte. Zum ersten Mal schaute ich zu Tim.
`Eddie ist nicht wie andere Jungs´, erklärte er den Geschworenen. `Er ist ein Schwachkopf. Begriffsstutzig.´ Tims Augen waren wie Splitter aus blauem Eis.
`Eddie ist einfach wie ein Kind´, sagt er kopfschüttelnd. `Ein simples, dummes Kid.´“
(Andrew Vachss, „Der Fahrer“, S. 71 f.)

„Die Geschworenen befanden mich wegen irgendwas für schuldig, einer Sache, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Ich war nicht des Mordes schuldig, auch nicht des Raubüberfalls. Ich nehme an, es hatte was mit dem Auto zu tun, in dem ich saß.“
(Andrew Vachss, „Der Fahrer“, S. 72)

„Im Gefängnis erfuhr ich zum ersten Mal, was ich war. Ich meine, als was ich mich bezeichnen sollte: ein Fluchtfahrer.“
(Andrew Vachss, „Der Fahrer“, S. 73)

Andrew Vachss’ Roman „Der Fahrer“ ist die tragische Geschichte eines jungen, einfältigen Kleinkriminellen: Der Autoknacker Eddie hat bereits seine Jugend in diversen Jugendstrafanstalten und Umerziehungslagern verbracht. Außerhalb des Knasts führt er das dürftige Leben eines sozial und geistig Minderbemittelten. Autos sind seine absolute Leidenschaft, oder vielmehr noch das Gefühl an sich, Autos zu fahren und dabei „der Fahrer“ zu sein. Hierin liegen sein ganzer Verstand und sein ganzes Können. Und mit dieser beschränkten Weltsicht erkämpft sich der heimatlose Junge nach einigen bitteren Erfahrungen erst im Knast zum ersten Mal so etwas wie Anerkennung.
Als er nach einem von vielen Autodiebstahlen erstmals in ein Staatsgefängnis überstellt wird, freundet er sich dort nach kurzer Haftzeit schnell mit den beiden kriminellen Brüdern Tim und Vergil an. Ihre Spezialität sind bewaffnete Raubüberfälle auf kleinere Banken und Geschäfte. Als sie sich alle zusammen wieder in Freiheit wiedersehen, nutzen die beiden Brüder Eddies heranreifendes Talent als Fahrer von Fluchtwagen. Als das Trio dann aber zum ersten größeren Banküberfall durchstartet, läuft alles schief: Vergil wird angeschossen und bezahlt den Überfall mit dem Leben, Tim, der bei dem versuchten Raub einen Bankangestellten erschossen hat, erhält im darauffolgenden Gerichtsprozess die Todesstrafe. Allein Eddie, der damit seine ersten richtigen Freunde verliert, kommt mit vier Jahren Haft glimpflich davon.
In der folgenden Gefängnishaft setzt sich Eddies kriminelle Erziehung weiter fort. Denn da hat bereits J.C., der Chef einer gut und professionell durchorganisierten Gangsterbande, ein Auge auf den naiven, weltfremden und leicht beeinflussbaren Jungkriminellen geworfen. J.C. macht sich zu Eddies Mentor und schätzt dabei u.a. dessen unbedingte Loyalität; nicht zuletzt sind auch ihm Eddies herausragende Qualitäten als Fahrer von Fluchtautos zu Ohren gekommen. Und J.C. plant aus dem Gefängnis heraus bereits von langer Hand den großen Coup, mit dem er und seine Kumpane sich endlich zur Ruhe setzen könnten. Eddie spielt in diesen Plänen bald eine nicht unwichtige Rolle, und nach Abbüßung seiner Haftstrafe wird Eddies von J.C.s Bande rekrutiert und sein Talent zum Fluchtwagenfahrer perfektioniert.
Doch dann lernt der einfältige und in vielen Dingen so unerfahrene Eddie während den Vorbereitungen zum großen Coup J.C.s Geliebte Vonda kennen. Er ist schwer beeindruckt von der eigenwilligen Gangsterbraut und beginnt sich zum ersten Mal über seine Vernarrtheit in Autos hinweg Gedanken über eine andere Zukunft zu machen …

„Der Fahrer“ ist nach vielen Jahren die erste deutschsprachige Übersetzung eines Vachss-Romans. Seit seinem Ausstieg aus dem Taschenbuchgeschäft bei Ullstein und Heyne veröffentliche er in Deutschland lediglich noch seinen Roman „Safe House“ (1999) und einen eher dürftigen Erzählband bei Eichborn („Born Bad“, 2002). Zwischenzeitlich gab der Leipziger Kreuzfeuer Verlag Ende 2004 zwar noch sein Erstlingswerk „Eisgott“ von 1973 heraus (der übrigens im amerikanischen Original nie in Buchform erschienen ist und laut Autor auch nie erscheinen wird), aber abgesehen davon war Vachss in der deutschen Verlagslandschaft lange Zeit mehr oder weniger ein toter Mann.
In den U.S.A. veröffentlichte er jedoch ungehindert und unverdrossen weiter seine Kriminalromane und darüber hinaus genauso gesellschaftskritische wie polemische Schriften zu Themen wie Kindesmissbrauch, Jugendstrafrecht und Todesstrafe. Deutschen Verlegern war der streitbare Autor dabei offenbar ein zu heißes Eisen und eine kaum kalkulierbare Größe.
Mit „Der Fahrer“ liegt nun seit August 2008 im Rowohlt Verlag endlich ein neuer Titel von ihm vor, der in etwa den Zuschnitt von James Sallis’ Roman „Driver“ (Liebeskind 2007) hat. Obwohl sich in beiden Büchern Themen und Motive ähneln, hat man es hier mit zwei völlig verschiedenen Helden und Romanen zu tun. Sallis’ Held „Driver“ ist der coole ehemalige Stunt-Fahrer aus Hollywoodfilmen, der nun bei Raubüberfällen Fluchtwagen steuert, um sich nach vielen Jahren im Gefängnis endlich seine Existenz in Freiheit zu sichern. Als ihm genau das verwehrt wird und er bei einem der Deals zudem übel gelinkt wird, schlägt er in gnadenlosem Selbstbehauptungswillen und unter Einsatz aller Mittel zurück.
Eddie, „Der Fahrer“ aus Vachss’ Roman, ist dagegen eher ein Anti-Held. Ein armer, einfältiger und heimatloser Tropf, alles andere als „tough“, der erst durch seine Leidenschaft und seine professionelle Kenntnis von Autos so etwas wie Freunde und Anerkennung gewinnt. Doch lässt ihn seine zunächst wenig professionelle Autoknacker-Karriere einige Stufen des amerikanischen Gefängnissystems durchlaufen. Dabei ist es bemerkenswert, wie nüchtern und lakonisch Vachss diese „education criminelle“ seines Protagonisten beschreibt. Trotzdem gibt es rührende Szenen der Einfalt und Weltfremdheit Eddies, so wenn er durch Zufall und dann buchstäblich im Studium einiger alter Hollywoodfilme sein eigenes, auf Autos fixiertes Lebensgefühl wiederzuentdecken glaubt oder wenn er seine ersten unbeholfenen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht macht.
Man ahnt also schon früh, dass das alles für Eddie nicht gut enden kann. Dennoch folgt auf den letzten Seiten des Buches ein durchaus überraschendes Ende, und mit diesem Ende weht mithin ein romantischer Hauch von Krimi-Klassikern wie die eines James M. Cain durch diesen Roman.

Fazit: „Der Fahrer“ ist ein überraschender und guter Vachss-Roman, der in eindringlicher Erzählweise und ohne falsche Moral den genauso hoffnungslosen wie selbstbeschränkten Lebensweg eines gesetzesbrecherischen „Narren“ nachzeichnet. In weitgehend realistischen Zügen beschreibt Vachss die Beschränktheit eines jungen Kriminellen, dem die Einsicht in sein verbrecherisches Handeln im Grunde genommen weitgehend fremd bleiben muss. Und nur solange sich der Sinn seines Lebens wirklich ausschließlich an Autos, im Fahren von Autos und noch mehr im Steuern von Fluchtwagen misst, tritt eines lange nicht wirklich offen zutage: Die frappierende Gedankenlosigkeit und Banalität des Bösen, in der er, „der Fahrer“, buchstäblich geschult wurde und in deren brutalen Realität er, ohne jegliche Chance daraus ausbrechen zu können oder nur zu wollen, fast zwangsläufig scheitern muss ...
[ hs/31.08.2008 ]
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