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Spillane, Mickey Das Ende der StraßeOriginaltitel: "Dead Street" (Dorchester Publishing / Winterfall LCC: New York 2007)
Unsere Meinung:"Bucky kniete auf der Erde und beugte sich über den gewaltigen Tresor, der vor so vielen Jahren im Keller des Schlupfwinkels eines Gangsters vergraben worden war. Er machte sich in mehrerer Hinsicht die Hände schmutzig - er hatte seine Seele und sein Land an einen Haufen von Mistkerlen verkauft, denen die Millionen nicht genügten, die sie mit ihrem Öl verdienten. Nein, sie mussten auch noch die Ungläubigen vom Angesicht der Erde tilgen. Teufel auch, waren wir nicht die besten Kunden? Hatten wir nicht die schwarzen Lederjacken mit den dazu passenden Hosen bezahlt, in denen diese Pappnasen herumliefen?
Natürlich konnten wir ihnen keine siebzig Jungfrauen versprechen, die im Himmel auf sie warteten - im Himmel oder im Walhalla oder wohin zum Teufel sie auch sonst dachten, dass sie nach ihrem Tod gingen. In einer Großstadt wie New York siebzig Jungfrauen aufzutreiben, war verdammt schwierig . . ." (Mickey Spillane: Das Ende der Straße, S. 174 f.) "Mein Schuss war nicht schallgedämpft, sondern klang in dem großen Raum wie eine Explosion. Auch der Kopf des Eindringlings explodierte, wenn auch lautlos, mit Ausnahme der Knochensplitter und der Hirnmasse, die gegen eines der Fenster klatschten und daran herunterliefen." (Mickey Spillane: Das Ende der Straße, S. 199 f. und Klappentext) Man liest solche Sätze und stutzt. Man kennt den Autor dieser Sätze von früher. Und nach kurzem Nachdenken stellt sich sicher bei so manchem alten und eingefleischtem Krimifan die Erinnerung ein: Ganz der alte Spillane möchte man dann sagen. Max Allan Collins ist ein renommierter amerikanischer Krimischriftsteller. Und er hat eine Vorliebe für seinen Kollegen und Freund Mickey Spillane, der 2006 in hohem Alter verstorben ist. Deshalb kam Collins wohl vor einiger Zeit auf die Idee, sozusagen "frisch aus dem Nachlaß" Spillanes posthum dessen letzten, unvollendeten Roman "Dead Street" fertig zu schreiben und bei Hard Case Crime in New York herauszubringen. Hard Case Crime hat nun einen deutschen Ableger, den neuen Rotbuch Verlag in Berlin, der quasi in einem verlegerischen Franchising-System gerade eine Auswahl der erfolgreichen amerikanischen Krimireihe auch hierzulande populär macht. In seiner zweiten Serienstaffel von HCC brachte Rotbuch Mickey Spillanes "Das Ende der Straße" nun jüngst als bisher letzten von insgesamt sieben Krimis auf den Markt und ehrt damit "einen großen Autoren" der amerikanischen Kriminalliteratur. Groß? - Über Mickey Spillane wurde schon viel gesagt und geschrieben, und auch nach dem "Ende der Straße" wäre dem eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen. Denn mithin ist Spillane in Deutschland ein Phänomen längst vergangener Krimi- und Popkultur, was schon lange keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken sollte. Seine große Zeit hatte der Autor Mitte des letzten Jahrhunderts - und das zurecht. Denn auch bei seinem letzten, "zeitgenössischen" Roman wird man trotz einiger aktueller Anspielungen das Gefühl nicht los, sich noch in den 50er Jahren und den Zeiten des Kalten Krieges zu bewegen. Spillane bleibt sich allemal treu: Er fährt in seinen Storys in schöner Regelmäßigkeit mit harten Kerlen, dumpfen Schurken, "klasse Weibern" und dazu mit viel Action und Gewalt auf. Das sind seine klassischen derben Versatzstücke, die einhergehen mit klischeetriefender Gewaltverherrlichung, einem genauso moralinsauren wie klaustrophobischen Weltbild und dazu einem latenten Sexismus, der auch hart gesottenen männlichen Krimilesern irgendwann definitiv "auf den Sack" gehen dürfte. Und so bietet "Das Ende der Straße" leider wie erwartet nur eine ziemlich krude Geschichte unter nur leicht veränderten Vorzeichen: Der Ex-Cop Jack Stang hat vor 20 Jahren seine große Liebe Bettie bei einem Raubüberfall verloren, bei dem sie entführt und mutmaßlich getötet wurde. Ihr Tod konnte aber nie restlos aufgeklärt werden, weil sie während der Entführung spurlos verschwand. Dann erfährt Jack jedoch wie aus heiterem Himmel, dass seine Bettie noch am Leben ist, aber nach einem Gedächtnisverlust nichts mehr von ihrer früheren Existenz weiß. Jack fährt nach Florida, wo Bettie inzwischen lebt. Sie ist seit den damaligen Vorfällen erblindet und lebt zusammen mit einem treuen Blindenhund zurückgezogen in einer Seniorenwohnanlage. Aus einem dumpfen Rachegefühl heraus beginnt Jack dann bald, zu den niemals aufgeklärten Vorfällen vor zwanzig Jahren neue Nachforschungen anzustellen. Das tut er aber nicht zuletzt deshalb, um die immer noch attraktive Bettie wieder vollkommen ins Leben zurückzuführen und sie für sich zurückzugewinnen. Bei seinen hartnäckigen Nachforschungen stößt er aber überraschenderweise auf einen ominösen Verbrecherring mit terroristischem Hintergrund. Doch was haben diese modernen Schurken, die offenbar hinter einer größeren Menge hochgefährlichen Urans her sind, mit seiner und der Vergangenheit Betties zu tun? Bezogen auf seine erzählerischen Absichten und seine recht simplen Erzählmuster sind Mickey Spillane die handwerklichen Fähigkeiten kaum abzusprechen. Gleichzeitig mag seine schriftstellerische Intelligenz zwar actiongeladene und nach wie vor massentaugliche Spannungsliteratur hervorbringen, doch dies vor einem geistigen Horizont, der einen angesichts seines menschenverachtenden Zynismus, seinem unerträglich klischeetriefenden Helden- und Macho-Gehabe und nicht zuletzt seinem kruden politischen Weltbild nach wie vor frösteln lässt. (Nur dass von Spillane hier statt seinem früheren hasserfüllten Anti-Kommunismus eine gesichtslose Schurkenbande von arabischen Terroristen dargeboten wird.) Ich rate deshalb schlicht davon ab, sich dies alles freiwillig aufs lesende Auge drücken zu lassen. Gleichzeitig halte ich es mit dem französischen Schriftsteller Jean-Patrick Manchette, der einmal darauf hingewiesen hat, dass es sich bei Autoren wie Mickey Spillane ja nur um zynische "Ersatz-Händler" handele, die sich der verschiedenen Formen des Kriminalromans bedienten, um mit ihren schlechten Phantasien weniger die vorgeblich "böse" Welt und die gesellschaftliche Realität "schonungslos" darzustellen als vielmehr und schlicht die niedersten Bedürfnisse ihrer Leser gnadenlos und im Maschinentakt der Millionenauflage auszubeuten. Das steht übrigens ganz im Gegensatz zu den wirklichen Größen wie Hammett, Chandler oder Woolrich, deren Tradition bis in die Gegenwart hinein von Schriftstellern wie Donald Westlake alias Richard Stark, Jason Starr oder auch Dennis Lehane intelligent und phantasievoll fortgeführt wird und deren schriftstellerische Integrität dabei außer Frage steht. Nun wurde ausgerechnet jener Westlake zeitgleich mit Spillane und ebenfalls bei Rotbuchs Hard Case Crime-Reihe in einer Neuauflage seines Romans "361" (deutsch: "Mafiatod") herausgebracht. (Unserer Meinung nach 8 von 10 Patronen!) - Schließlich mag ja Spillane (laut dem Kritiker Thomas Wörtche die "Stimme des McCarthysmus") aus bestimmten Erwägungen heraus in das bei genauerem Hinsehen etwas seltsame HCC-Konzept gehören, doch er senkt meiner Ansicht nach dabei das bisherige Niveau der Reihe beträchtlich. Denn allein schon der Qualitätsunterschied zwischen Westlake und Spillane ist frappierend. Und genau deshalb rate ich Ihnen hier zuletzt einfach noch zum Folgenden: Vergessen Sie getrost Spillane & Konsorten! Lesen Sie Westlake! P.S.: Wo ich zuletzt noch auf eine witzige Betrachtung des Kritikers Thomas Wörtche gestoßen bin - der hat das rotbüchlerische Hard Case Crime-Projekt und seine Autoren wie Mickey Spillane hier schlicht und böse folgendermaßen zusammengefasst: "Schon okay - also werden aus ein paar Titeln der fünften Garnitur (wie der notorische Roman von Allan Guthrie: `Abschied ohne Küsse´, den seit Jahren nun wirklich gar kein anderer deutscher Verlag wollte), der lauen Blödelabteilung (Bruen/Starr: `Der Flop´) und einer frühen, mäßig gelungenen Fingerübung in James-M.-Cain-Manier (Lawrence Block: `Der Abzocker´) plus demnächst noch ein paar ganz olle Kamellen von der Stimme des McCarthysmus, Mickey Spillane, ein ganzer Trend hin zum hardboiler gebastelt. Und siehe: Man kann es allenthalben lesen - der Trend geht zum hardboiler. Ein Hoch auf den kritischen Kulturjournalismus! Meine Güte - die Dinger sind so geschmacklos und böse wie Blümchentapeten und so provokant hartgesotten wie Florian Silbereisen." (Thomas Wörtche in der Krimi-Kolumne "Markt & Totschlag". In: http://www.titel-magazin.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=7137&mode=thread&order=0&thold=0 vom Samstag, den 05. Juli 2008.) [ hs/12.11.2008 ]
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