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Vilar, Jean-Francois Die VerschwundenenOriginaltitel: "Nous cheminons entourés de fantômes aux fronts troués" (Editions du Seuil: Paris 1993)
Unsere Meinung:"Ich verstehe", sagte die Journalistin. "Sie sind nicht auf dem Laufenden, noch ganz abgeschnitten von der Welt."
"Liege ich falsch, habe ich etwas Wichtiges verpasst?" "Seit heute Nacht ist die Berliner Mauer offen." (Jean-François Vilar: Die Verschwundenen, S. 19) Eine Entführung ist in der Regel eine recht eindeutige Sache. Die Entführer wollen meist eine größere Menge Geld erpressen oder – falls sie politisch motiviert sind – ein bestimmtes Ziel mit dem Druckmittel des Menschenraubs erreichen (so z.B. die Freilassung von politischen Häftlingen). In dem überaus vielschichtigen und spannenden Politkrimi "Die Verschwundenen" allerdings wird der Pressefotograf Victor Blainville zuerst entführt und dann fast drei Jahre lang festgehalten, ohne jemals die Motive seiner Kidnapper zu erfahren. Wir befinden uns im Paris des Jahres 1989. Es ist November und in Osteuropa kündigt sich schon seit einiger Zeit ein revolutionärer Zeitenwandel an. Der entführte Blainville wird zusammen mit seinem Leidensgenossen Alexandre Katz völlig unvermittelt auf freien Fuß gesetzt. Noch bevor sich beide Freunde über ihre wiedergewonne Freiheit so richtig freuen können, kommt Alexandre bei einem Autounfall ums Leben. Victor glaubt nicht an einen Unfall und macht sich daran, das Geheimnis ihrer gemeinsamen Entführung zu ergründen. Bei seinen Recherchen stößt er schon bald auf das alte Tagebuch von Alexandres Vater, dem Trotzkisten Alfred Katz, der im Paris der 30er Jahre engen Kontakt zur surrealistischen Avantgarde um Man Ray und André Breton pflegte. Damals lernte Alfred Katz die exzentrische Mila kennen, was Victor mitunter deshalb besonders in die Augen fällt, weil er, Victor, ganze 50 Jahre später, in die mysteriösen Ereignisse hinein selbst einer solch genauso reizvollen wie geheimnisvollen Frau begegnet. Sie ist tschechische Journalistin, heißt Solveig und ... ... und langsam wird einem beim Lesen bewusst, wie eng sich hier persönliche Biographien mit verschiedenen Ebenen der Zeitgeschichte verknüpfen. Und genau darin liegt auch die Meisterschaft von Jean-François Vilar, nämlich auf diese Weise die Verbindungen zwischen zwei Epochen und die Kontinuitäten der Geschichte(n) aufzuzeigen und auf bedrückende Art und Weise lebendig werden zu lassen. Stehen seine Protagonisten so im Mahlstrom der Zeit beispielweise 1938 vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich und vor Stalins Verfolgung und Ermordung unzähliger Trotzkisten während den Schauprozessen in Moskau und auf der ganzen Welt, während die britische und französische Beschwichtigungspolitik gegenüber den Aggressionen Hitlerdeutschlands ein Armutszeugnis darstellt – so sind es gut 50 Jahre später der Fall der Mauer, die "samtene Revolution" in der Tschechoslowakei und der anschließende Zerfall des zum Betonkommunismus erstarrten Ostblocks mit seinen gerontokratischen Herrschern, die das Vorstellungsvermögen der Menschen sprengt. "Die Verschwundenen" ist ein sehr politischer Noir-Roman und bietet sicher keine leichte Lektüre dar. Er fordert zur Auseinandersetzung heraus, zur Auseinandersetzung mit linker Ideologie und Geschichtsschreibung, zur Auseinandersetzung mit dem Zeitenbrüchen 1939 und 1989 sowie ihren geschichtlichen Querverbindungen und Kontinuitäten. Bemerkenswert ist dabei vor allem die Akribie und der Detailreichtum, mit der Vilar sowohl die Künstlerszene im Paris der 30er Jahre als auch die diversen linken Gruppen und Gruppierungen beschreibt. Dabei wirken die ideologischen Scharmützel, die er eindrucksvoll schildert, keineswegs konstruiert, sondern eher menschlich und beinahe liebevoll gezeichnet. (Eine so authentische und nachdenklich stimmende Geschichtsaufbereitung wird man in einem Kriminalroman linker Couleur übrigens wohl selten wieder so kraftvoll finden.) Muss man vor einem Buch und seiner Wirkung warnen? Bei den "Verschwundenen" kann ich da nur eine "Positiv-Warnung" abgeben: Der Roman strengt zwar buchstäblich an, aber er lässt einen eben auch nicht zur Ruhe kommen, denn man ist von seinen Geschichten buchstäblich getroffen, was sehr schnell zum Nachdenken herausfordert und was gedanklich bis hin zur Reflexion der eigenen gesellschaftspolitischen Positionierung reicht. Auf einen derart kritischen Erzählkern trifft man in der zeitgenössischen Kriminalliteratur nur selten, vor allem nicht in einer so wohltuenden Wucht, mit der einem die Gedanken und Sätze aus den Buchseiten hier entgegenspringen. "Die Verschwundenen" ist übrigens der fünfte und vorläufig abschließende Roman in der Reihe um den Fotografen Victor Blainville. Leider sind die chronologisch vorangegangenen vier Titel auf Deutsch nicht erscheinen bzw. bereits nicht mehr lieferbar.* Umso verdienstvoller erscheint damit diese Neuedition des Berliner Verlags Assoziation A. Denn mit Vilar begegnen wir einem Autoren, der sich vom klebrigen Einheitsbrei der Krimiproduktion mit ihren immer größer werdenden Zynismen und Belanglosigkeiten mehr als deutlich abhebt. Marktanteilig werden "Die Verschwundenen" wohl kaum mehr als 0,0000001 Prozent des Umsatzes an Kriminalliteratur ausmachen. Aber aus diesem Blickwinkel ist der Kauf dieses mit 24,- Euro (auf den ersten Blick) als recht teuer erscheinenden Buches buchstäblich ein anarchischer Akt. Wir hoffen, dass Jean-Francois Vilar mit seinem Buch auf viele Leser/innen stößt, die sich diesen etwas kostspieligen aber überaus lohnenswerten Anarchismus zueigen machen. * Die da waren: 1.) C’est toujours les autres qui meurent (1982) 2.) Passage des singes (1984) – Deutsch: "Affenpassage", Rowohlt Verlag: Reinbek b. Hamburg 1996 sowie Beck u. Glückler Verlag: Freiburg 1997 (beide Ausgaben vergriffen) 3.) Bastille tango (1986) – Deutsch: "Bastille Tango", Beck u. Glückler Verlag: Freiburg 1990 sowie Rowohlt Verlag: Reinbek b. Hamburg 1995 (beide Ausgaben vergriffen) 4.) Les exagérés (1989) – Deutsch: "Die Maßlosen", Beck u. Glückler Verlag: Freiburg 1995 (Ausgabe vergriffen) 5.) Nous cheminons entourés de fantômes aux fronts troués (1993) – vorliegende deutsche Ausgabe: "Die Verschwundenen", Assoziation A: Berlin/Hamburg 2008. [ ck/26.10.2009 ]
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Krimi-Specials
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