Titel: Das Zeichen des Widders

Vargas, Fred Das Zeichen des Widders

Originaltitel: Les quatre fleuves (Éditions Viviane Hamy: Paris 2000)
Mit Zeichnungen von Edmond Baudoin
Aus dem Französischen von Julia Schoch

Sommer in Paris. Grégoire und Vincent, zwei halbwüchsige Kleinkriminelle, klauen einem alten Mann die Tasche, deren Inhalt sie erschaudern lässt: vier Haarbüschel, ein Tierschädel, seltsame Bücher über Zauberei, eine Polizeimarke, ein Flakon mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit, eine Filmdose mit Zahnsplittern und 30.000 Francs. Am nächsten Morgen wird Vincent erstochen aufgefunden - auf seinem Körper das Mal eines roten Widderkopfes, das Adamsberg auf die Spur eines rituellen Serienmörders setzt. Auch Grégoire schwebt in Gefahr, doch anstatt sich den Bullen anzuvertrauen, versteckt er die Tasche und schnüffelt ihrem Besitzer auf eigene Faust hinterher. Wann wird der "Widder" wieder zuschlagen? - Ein Kriminalfall in Vargasscher Manier, mit dem außergewöhnlichen Pinselstrich des Comic-Meisters Baudoin.

Autor: Vargas, Fred
Titel: Das Zeichen des Widders
Jahr: 2008-09
Seiten: 230 | Hardcover
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-351-03250-0
Preis: 22.95 EUR

Status: Vergriffen

Preis: 22.95 EUR

Unsere Meinung:

Für viele deutsche Fans der französischen Krimiautorin Fred Vargas kommt ihr neues "Buch" buchstäblich als Bewährungsprobe daher, - denn es ist ein Comic. Manche Buchvorstellung, aber anfangs auch die offizielle Verlagsankündigung ließ dieses kleine, aber nicht unwichtige Detail leider vermissen. Das hat wahrscheinlich so manchen verärgert, der sich "Das Zeichen des Widders" bis dahin unbesehen in einer Buchhandlung oder gar in einem Online-Shop gekauft hat. (Was nun in gewisser Weise schon wieder amüsant wirkt, weil dies doch einerseits recht seltsame Konsumgewohnheiten offen legt, anderseits aber auch auf entwaffnende Weise die ziemliche hohle Mentalität mancher Leserschaft entblößt.)
In Deutschland bewegen sich Comics in der öffentlichen Wahrnehmung leider immer noch allzu oft auf dem Niveau von "Kinderkram" - trotz aller Aufklärung und Gegenbewegungen und trotz dem offensichtlichen Schwachsinn einer solchen Wahrnehmung. In Frankreich dagegen sehen sich Künstler und ihre Comics durchaus im Rang einer Kunstform, was natürlich auch dort nicht für die durchschnittliche Massenproduktion an Bildergeschichten zutrifft, aber zumindest gesellschaftlich und insgesamt einen anderen Stellenwert und buchstäblich ein anderes Ansehen genießt.
Nach dieser kurzen Vorbetrachtung hier nun die Frage, um die es im Blick auf die Bildgeschichte "Das Zeichen des Widders" schließlich nur gehen kann: Was ist bei der ungewöhnlichen Ko-Produktion zwischen der überaus populären Krimiautorin und Erzählerin Fred Vargas und dem renommierten Comic-Zeichner und Bildkünstler Baudoin herausgekommen?

"Das Zeichen des Widders" ist eine typische vargas’sche Erzählung mit adamsberg’schem Zuschnitt. Wie gewohnt versammeln sich hier schrullige und schräge Typen, die seltsamen Gedanken und Beschäftigungen nachgehen. Jede ihrer Erzählungen ist ausgeschmückt mit solchen Skurrilitäten und einerseits genauso tief- und abgründigen Philosophie, wie anderseits ziemlich luftigen und abseitigen Lebensweisheiten. Es kommt eben jeweils auf den Blickwinkel an. Ihre Träumer und Spinner leben in einer Welt fast unsichtbarer Details, Symbole und Verhaltensmuster. Sie sind meist harmlos, selbst wenn sie den Bogen einmal überspannen und Ihre Weltsicht laut auf dem Marktplatz hinausschreien. Die "Bösen" in Vargas’ Geschichten sind dagegen fast immer ein fieser und grandioser Ausbund an Bösartigkeit, wahre Teufel, für welche die Welt als solche bereits nichts anderes als die Hölle ist.
Wie immer, möchte man dann fast hinzufügen, versteckt sich auch im "Zeichen des Widders" hinter dem Täter wieder ein obsessiver und perverser Menschenfeind als Verursacher der eigentlichen Geschichte. Und die den vargas’schen "Helden" tief eingepflanzte Humanität stößt auf die hartnäckige Mordlust von eingefleischten Menschenfeinden. - Die Handlung:

Die fast noch halbwüchsigen Kleinkriminellen und Straßenräuber Grégoire und Vincent haben nach guter Vorbereitung und gezielter Observation einen alten Mann im Visier. Sie nehmen ihn bei erstbester Gelegenheit hops, zocken ihn kurzerhand ab und klauen ihm dabei eine Tasche, - die es allerdings, wie sie bald feststellen, buchstäblich in sich hat. In dieser Tasche stecken nämlich nicht nur eine ziemliche Menge Geld und allerlei sonstiger Krimskrams, sondern auch die gruseligen Exponate eines perversen Fetischisten oder gar Mörders. - Die Sache ist beiden nicht geheuer und macht ihnen instinktiv Angst. Als Grégoire dann am nächsten Tag Vincent tot in seiner Wohnung auffindet, dämmert ihm langsam, dass er und sein Freund hier offenbar an den denkbar Falschen geraten sind. Und er weiß, dass er wohl auf der mörderischen Spur des Psychopathen als Nächster an der Reihe sein wird.
Gleichzeitig beginnt die Pariser Polizei um Inspektor Adamsberg mit den Ermittlungen und kann bald eine Verbindung zu früheren Morden herstellen: Bei dem brutalen Mord an Vincent war offenbar wieder der "Widder" am Werk, ein gnadenloser und perverser Ritualmörder, der seinen Opfern magische Symbole in die Haut ritzt und so schon mehrere Menschen auf seinem Gewissen hat.
"Gewissen" ist für den Täter allerdings außerhalb jeglicher Kategorie. Er setzt, nachdem er Vincent gnadenlos abgeschlachtet hat, alles daran, sich den jungen Grégoire zu schnappen und sich damit nicht zuletzt jene gestohlene Tasche zurückzuholen. Dass diese einen geradezu verräterischen Inhalt in sich birgt, weiß bis dahin jedoch nur er. Gleichzeitig wird ihm aber bald klar, dass er an den jungen Grégoire nicht so einfach herankommen wird. Denn der lebt wohlbehütet in seiner Großfamilie mit vier Brüdern und einem etwas verschrobenen und weltfremden Vater zusammen, welcher sich nach dem Tod seiner Frau der Kunst und einer riesengroßen Müllskulptur verschrieben hat. Grégoires eigenwilliger Vater baut so aus einer gigantischen Kronkorkensammlung den Monumentalbrunnen des Baumeisters Giovanni Lorenzo Bernini an der römischen Piazza Navona nach (also den berühmten Vier-Ströme-Brunnen, woraus sich auch der französische Originaltitel des Buches "Les quatre fleuves" herleitet).
Adamsberg wiederum kommt trotz dieser irren Konstellation der drohenden Gefahr schnell auf die Schliche, ohne dass er jedoch konkret eingreifen könnte. Alles hängt vom nächsten Schritt des "Widders" ab, der sich unterdessen eine ganze heimtückische Falle für den jungen Grégoire ausgedacht hat ...

Amüsanterweise ist in diesem Buch die skurrile Geschichte von Fred Vargas weniger gewöhnungsbedürftig als die fast holzschnittartig in Schwarzweiß gehaltenen Zeichnungen von Edmond Baudoin. Diese sind in ihren weißen wie in ihren schwarzen Anteilen eindeutig Geschmackssache. Denn wer sich bisher aus den vargas’schen Romanen ein eigenes Bild von Adamsberg und seinem eigenwilligen Kollegen Danglard im Kopf zurechtgezimmert hat, der bekommt hier nun doch eine ziemlich garstige Vision der vargas’schen Figurenwelt vorgesetzt. Danglard kommt - wie wurde anderswo in einer wütenden Kurzrezension so schön losgebellt? - buchstäblich als "Zombie" daher. Schiefgesichtig und pockennarbig raucht er seine krummen Fluppen und pflegt ständig seinen Wissensvorsprung vor dem eher intuitiv und zweckrational handelnden Adamsberg. Und dann das Bild, das wir uns nach dem Zeichner Baudoin von Adamsberg machen sollen (es bleibt zum Glück nicht dauerhaft in der Erinnerung haften): Sein hohlwangiges und schemenhaft kantiges Gesicht und auch seine buschigen Augenbrauen verschwimmen in Andeutungen oder in schlichter Undeutlichkeit. Der Stil Baudoins ist also keineswegs prägnant, sondern perspektivisch verzerrt und bleibt dabei leider oftmals ausdruckslos. Die Zeichnungen wirken darüber hinaus auch insgesamt eher naiv und haben über weite Strecken eher die Ähnlichkeit mit einem schlichten Storyboard und Rohskizzen zu einem Filmdrehbuch als mit einer wahrhaften Bildgeschichte.

Baudoin gelingen dennoch viele interessante Perspektiven, auch das Wechselspiel zwischen Bild- und Textführung wartet mit einigen Ideen auf, die über die schlichte Sprechblase oder eine rein chronologische Bildanordnung weit hinausgehen. "Gefühlter" Hauptmangel an dem Paarlauf zwischen Text und Bildern ist jedoch das Phänomen, dass sich die Erzählung meinem Eindruck nach nur selten in den Bilder "einzunisten" vermag. Dazu fehlt es an wirklich herausragenden Bildideen und womöglich auch an einem Mehr an Ausdrucksvermögen Baudoins, mit dem dieser seinen tendenziellen Manga-Stil und dessen formale Kraft hätte vielleicht doch noch entfalten können. Baudoins strenger und einfacher Stil und seine fast expressionistische Figurenzeichnung werden der prallen und viel farbigen Erzählkunst von Vargas schließlich einfach nicht gerecht. - Und wer zum Teufel hat die beiden Künstler zusammengebracht? Eine vargas’sche Meditation wie "Vom Sinn des Lebens, der Liebe und dem Aufräumen von Schränken" oder ein lichter Augenblick Baudoins, der einmal etwas anderes als wandelnde Totenschädel zeichnen wollte? Interessiert hätte es mich dabei übrigens anderseits, wie ein farbenfroh düsterer Comiczeichner vom Schlage eines Benoît Sokal (bekannt vor allem durch seinen "Inspektor Canardo") eine solche Adamsberg-Erzählung umgesetzt hätte ...

Edmond Baudoin mag sich mit seinem Stil meinetwegen fernab von irgendwelchen Stereotypen und Klischees bewegen, doch überzeugend wirkt das meiner Ansicht nach nicht. Und das ist im Wechselspiel zwischen der Erzählerin Vargas und dem Zeichner Baudoin auch keinesfalls schlichte Geschmacks- oder Ansichtssache. Bei aller Kritik ist der Versuch der beiden Künstler gleichwohl aller Ehren wert und stellt für den deutschsprachigen Genrebetrieb und das Krimijahr 2008 eine ziemliche Besonderheit dar. Deshalb möchte man "Das Zeichen des Widders" trotz aller Vorbehalte leiden und auf seine Weise auch schätzen.

Insgesamt wendet sich hier aber leider der alte Satz, dass ein Bild oft mehr besagt als tausend Worte, zu sehr in sein Gegenteil. Vargas detaillierte und verschrobene Erzählphantasie besagt da nämlich im einzelnen Gedankenspiel doch mehr als tausend baudoin’sche Bilder.

[ hs/30.12.2008 ]
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