Titel: Zugzwang

Bennett, Ronan Zugzwang

Originaltitel: Zugzwang (Bloomsbury Publishing: London 2007)
Aus dem Englischen von Stefanie Röder


Das Jahr 1914. Die europäischen Großmächte steuern auf den Ersten Weltkrieg zu und der Stadt Sankt Petersburg steht ein bedeutendes Schachturnier bevor: Awrom Rozental fordert den amtierenden Schachweltmeister Emanuel Lasker heraus. Rozental ist genial, aber labil und daher Patient des Psychoanalytikers Dr. Otto Spethmann. Der wiederum hat nicht nur mit seinen Patienten zu kämpfen, sondern auch mit dem Verlust seiner Frau und mit seiner rebellischen Tochter. Zu allem Überfluss wird er des zweifachen Mordes angeklagt. Jeder weitere Schachzug will nun gut überlegt sein.

Autor: Bennett, Ronan
Titel: Zugzwang
Jahr: 2008-11
Seiten: 315 | Taschenbuch
Verlag: BVT Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-8333-0565-8
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„Während Kopelzon redete, versuchte ich, die Sache mit Lytschew mit derselben Logik anzugehen wie die verschiedenen Varianten in einem Schachspiel. Beim Schach kann man angesichts einer komplizierten Stellung und eines aggressiv manövrierenden Gegners leicht in Panik geraten. Man braucht immer einen kühlen Blick und einen klaren Kopf. Berechne. Berechne konkrete Varianten im Voraus. Was tue ich, wenn mein Gegner dies tut? Was, wenn er jenes tut?“
(Ronan Bennett: Zugzwang, S. 151)

Über Ronan Bennetts ausgefeilten historischen Kriminalroman „Zugzwang“ möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Ich möchte ihn schlicht nur allen und vor allem jenen empfehlen, die gleichzeitig dem geheimnisvollsten Spiel der Menschheitsgeschichte und dem geheimnisvollsten Genre der Weltliteratur, nämlich dem Kriminalroman, frönen.
„Zugwang“ ist mithin einer der besten Romane, den ich bisher persönlich zum Thema des Schachspielens gelesen habe. (Herrlich dabei: Der Originaltitel entspricht dem deutschen Titel so sehr wie die anglizierten Begriffe „Baumsterben“ oder der „Blitzkrieg“, für den die Englischsprachigen ebenfalls keine adäquaten eigenen Worte gefunden haben.) – Nun habe ich mir schon einiges in der spannenden Schnittmenge zwischen Krimi und Schachspiel zu Gemüte geführt, und bis dahin konnte mich eigentlich nur Paolo Maurensigs „Lüneburg-Variante“ überzeugen. Dieses Buch wie auch Stefan Zweigs fast zeitlose „Schachnovelle“, die eines Spannungsromans im Grunde mehr als würdig ist, bewegten sich für mich fast wie selbstverständlich über den unzähligen (vor allem) historischen Kapriziosen, die sich sonst noch in Kolportage-Romanform zu mehr oder weniger gelungenen Erzählungen über Schachautomaten und ähnlichen – dann oft schon frankenstein’schen – Figuren aufschwangen.
„Zugzwang“ selbst spielt 1914 in Russland kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs und der Russischen Revolution. Der Roman dampft förmlich vor Anarchismus, rasputin’schem Obskurantismus und definitivem Fin de Siècle respektive Weltuntergangsstimmung. Ob nun gewollt oder nicht – es weht überdies ein romantischer Hauch in der Art von Pasternaks „Dr. Schiwago“ durch den atmosphärisch dichten, knapp 300seitigen Roman.
Wollte man die Handlung gerafft wiedergeben, so ist der Roman die abenteuerliche Geschichte des jüdischen Psychoanalytikers Otto Spethmann, der dem gleichfalls jüdischen Schachgenie Awrom Rozental bei dem großen Schachturnier in St. Petersburg 1914 (das - ohne diese Romanfiguren - in der geschichtlichen Realität tatsächlich (!) stattgefunden hat) aus einer Psychokrise heraushelfen soll und dabei unweigerlich in eine politische Intrige und in der Folge sogar noch in ein genauso turbulentes wie verhängnisvolles Liebesabenteuer verwickelt wird ...

Will man sich Bennetts Buch „Zugzwang“ metaphorisch als Kutsche vorstellen und seine erzählerische Begabung als das Pferdegespann, das diesen Roman antreibt, so hat man als Leser/in wahrlich eine spannende Fahrt vor sich ...
... – Die sich allemal lohnt. „Zugwang“ ist der ideale Schmöker für herbstliche und winterliche Ruhe- und Feiertage. Und nebenbei zeigt der Berliner Verlag u.a. nach William Boyds „Ruhelos“ erneut sein bemerkenswertes, aber bisher zu wenig gewürdigtes Gespür für Kriminal-, Spionage- und anderer, ähnlich gelagerter (Genre-)Literatur, die in unseren Hammett-Regalen jederzeit eine Heimat finden werden.

Fazit: Meine Güte, wer dies alles hier in der gebotenen Kürze einigermaßen nachvollziehen konnte, der muss diesen Roman dann wohl letztlich und wirklich auch lesen ...

[ hs/13.12.2008 ]
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