Titel: Der Berg der toten Tibeter

Pattison, Eliot Der Berg der toten Tibeter

Originaltitel: Prayer of the Dragon
Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

Der Ermittler Shan wird in ein abgelegenes Bergdorf gerufen. Ein Fremder, der schwer verletzt im Koma liegt, hat angeblich zwei Tibeter getötet. Doch Shan stößt auf Ungereimtheiten: Die Leichen wurden bereits abtransportiert, in der Nähe befindet sich eine illegale Goldmine, und ein seltsamer Deutscher hat in einem verlassenen Turm sein Lager aufgeschlagen. Als der Fremde aus dem Koma erwacht, wollen die Dorfbewohner ihn gleich töten, doch Shan erwirkt einen Aufschub - und erlebt die größte Überraschung seines Lebens: Der Fremde ist gar kein Tibeter, sondern ein Navajo-Indianer aus den USA .

Shan Tao Yun Bd.5.

Autor: Pattison, Eliot
Titel: Der Berg der toten Tibeter
Jahr: 2008-11
Seiten: 459 | Taschenbuch
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-7466-2480-8
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Gaos Lachen war leise, aber ungekünstelt. Er stand auf, ging zu Shan und streckte den Arm aus. "Ich mag Sie Genosse. Als ich Sie vorhin mitten im Sonnenschein auf dem Hang gesehen habe, sagte ich zu mir, da kommt ein Mann ohne Furcht, das seltenste aller Geschöpfe."
Shan nahm zögernd seine Hand. "Ich heiße Shan", sagte er, "und in der Welt, in der ich lebe, ist Furcht so alltäglich wie Salz."
(Eliot Pattison "Der Berg der toten Tibeter", S. 89)

Nach langem Warten liegt nun mit "Der Berg der toten Tibeter" ein weiteres "Kapitel" der mehrere tausend Seiten langen Krimi-Saga um den ehemaligen Pekinger Ermittler Shan vor, der im fernen Tibet im Gulag fast vor die Hunde ging und nach einer langen Leidens- und Gefängniszeit seine Freiheit erkämpfte, um sich danach buddhistischen Mönchen anzuschließen und jenes genauso traditionsreiche wie von Mythen umwobene Land in seinem gewaltsamen gesellschaftlichen Umbruch zu erleben.
Unentwegt eilt Shan von Ort zu Ort, um seiner Berufung zu folgen und seine tibetischen Freunde in ihrem stillen aber beharrlichen Widerstand gegen die chinesischen Machthaber zu unterstützen. Einerseits muß er sich dabei vor seinen ehemaligen Häschern immer noch in Acht nehmen, andererseits stößt er auf seiner Wanderschaft auf immer neue Geheimnisse einer fremden Kultur, die ihm gleichwohl immer vertrauter wird.

In dieser fünften Episode seiner Wanderschaft wird er von seinen buddhistischen Freunden in ein kleines abgelegenes Dorf an einem heiligen Berg gerufen. Dort liegt ein alter Mann verletzt im Koma. Der seltsame Fremde soll zuvor zwei Dorfbewohner getötet haben, weshalb das ganze Dorf auf Rache sinnt. Allerdings ist es ein Tabu, einem solchen Besinnungslosen auch nur ein Haar zu krümmen. Er muß erst aus seinem Zustand erwachen, mithin gesund gepflegt werden, damit man ihn danach zur Sühne töten kann.
Unter dem Eindruck dieser lebensbedrohlichen Zwickmühle und einem rachedurstigen Lynchmob macht sich Shan sofort auf Spurensuche, die zumindest eines gleich deutlich zu Tage fördert: Jener seltsame alte Mann kann allen Indizien nach nicht der Täter sein. Und während sich die Lage mit dem langsamen Erwachen des Fremden zuspitzt, enthüllt Shan Schritt für Schritt die verworrenen Geheimnisse der unzugänglichen Gebirgslandschaft.
Wie einsam und verlassen das Bergmassiv nämlich vielleicht wirken zunächst mag, erkennt Shan nämlich schon bald, wie viele Mächte und Interessen hier am Wirken sind. Da betreiben chinesische Goldsucher und Schmuggler genauso ihr illegales Geschäft, wie das chinesische Militär geheime Anlagen. Und inmitten von all dem lebt gleichzeitig unbehelligt und abgeschirmt von aller Welt ein recht merkwürdiger Deutscher. Zusätzlich zu dieser befremdlichen Konstellation entpuppt sich der aus dem Koma erwachte alte Mann schließlich noch als US-Amerikaner, genauer: als Navajo-Indianer namens Hostene. Er war mit seiner Nichte Abigail auf einer Forschungsreise unterwegs, bevor es zu dem tödlichen Überfall kam, bei dem die zwei Dorfbewohner starben und Abigail verschwand. Zwar kann Hostene im Wachzustand bald zur Auflösung eines Teils der vielen Fragen beitragen, doch unterdessen fordern der heilige Berg und seine bösen Geister bereits weitere Opfer ...

Möglicherweise arbeitet der amerikanische Autor Eliot Pattison an einer der derzeit spannendsten Serienprojekte der zeitgenössischen Kriminalliteratur. Gleichzeitig kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, daß er sich dabei gleichzeitig an einem erzählerischen Abgrund entlang bewegt.
So mögen Kritiker schon prinzipiell einwenden, bei Pattison sei nun wirklich nichts Neues zu entdecken: Seine Variante des Ethno-Krimis sei u. a. durch Tony Hillerman vorgegeben (vielleicht spielt Pattison hier mit der Figur des Navajo-Indianers genau darauf an). Die Grundstruktur seiner Krimiplots könne im gleichen Zuge genauso simpel wie komplex wirken, weil die opulente Darstellung von Kultur, Religion und Mythologie Tibets den Plot wie Nebelschwaden umgeben. Daß sich Pattison außerdem noch stark an die Erzählmuster einschlägiger Abenteuerfilme und -romane anlehnt, ergibt sich fast zwangsläufig aus der Exotik seines Erzählgegenstands Tibet.
Wirklich originell ist an den Shan-Romanen (die in Ihrer Abfolge inzwischen sogar ein wenig an Robert van Guliks Richter-Di-Romane erinnern) unterdessen nur die Darstellung des gesellschaftlichen Umbruchs in Tibet vor dem Hintergrund der dort begangenen Verbrechen. Das Verbrechen an sich ist in einer Diktatur schon ein Grundwiderspruch, etwas, das nicht ins Selbstbild der absoluten Autorität passt und als öffentliche Tatsache und nach innen hin die Legitimation der Herrschaft aufs Gefährlichste unterwandert, wobei man nach außen hin eklatante Menschenrechtsverletzungen schon längst nicht mehr kommentiert. So darf nichts sein, wie es wirklich ist, selbst wenn der verbrecherische und schizophrene Charakter der Diktatur zumindest allen Außenstehenden schon längst kein Geheimnis mehr ist. Dagegen schert sich der Kapitalismus in Rohform, wie er sich in China gegenwärtig die Bahn bricht, einen feuchten Dreck um die Folgen seiner Verbrechen und Machenschaften.

"Der Berg der toten Tibeter" tut sich nun im Vergleich zu den vorangegangenen Romanen Pattisons keineswegs besonders hervor. Vielmehr fällt er nach "Der verlorene Sohn von Tibet" mit dem kurzen (eher unglaubwürdigen) Ausflug Shans nach den U.S.A. und der Begegnung mit seinem Sohn im Straflager auf ein gewohntes Maß zurück. So entsteht ein wenig der Eindruck, der Autor versuche sich hier auf seine alten Stärken zu besinnen. Ob ihm das mit einem etwas überladenen Plot gelungen ist, bei dem ein durchgeknallter buddhistischer Mönch und eine ehrgeizige junge Archäologin eine zentrale Rolle spielen und bei dem sich wieder letztlich die halbe Welt (Amerikaner, Chinesen, Deutsche …) mit verschiedenen Motivationen und Hintergründen an einem einsamen Ort auf dem "Dach der Welt" trifft, das sei zunächst einmal dahingestellt. Auf jeden Fall hätte man sich das alles konzentrierter und stringenter gewünscht. Pattison schwächelt hier an so mancher Figurenzeichnung und schleppt zweifellos sehr viel erzählerischen Ballast mit über den "Berg der toten Tibeter".
Doch erst mit der Sicht auf die eigentliche und ursprüngliche Originalität von Pattisons epischen Tibet-Romanen, nämlich seine in relativ konventionelle Erzählmuster verpackte Zivilisations- und Gesellschaftskritik, blicken wir - bildlich gesprochen - diesen Berg hinauf, an dessen Felswänden sich der Autor von Roman zu Roman auf einem genauso langen wie schmalen Grat fortbewegt.

"Auf diesem speziellen Berg sind Morde allenfalls Fußnoten in der Dynamik des neuzeitlichen Wettbewerbs. Lediglich eine weitere Ressource, die von Angebot und Nachfrage gesteuert wird. Sogar so sehr, daß man, wenn einem die Morde ausgehen, sich irgendwo eine Leiche besorgt und sie als Mordopfer bezeichnet."
(Eliot Pattison "Der Berg der toten Tibeter", S. 281)

Tibet ist bei Eliot Pattison als Gesellschaft dargestellt, deren buddhistische Kultur und Jahrtausende alte animistische Traditionen auch in ihren letzten Rückzugsgebieten gnadenlos mit dem chinesischen Expansionsdrang und einer globalisierten Warenkultur konfrontiert werden. Pattisons Tibet-Romane sind in dieser kritischen Gemengelage, während sie mit den gewohnten Requisiten des Kriminalromans daherkommen, oft mit sehr viel Pathos und beinahe heiligem Ernst eingekleidet. Seine politische Kritik an Chinas Tibet-Politik zieht sich davon dennoch relativ unbeschadet wie ein roter Faden durch seine Romane. Und vor dem Hintergrund seiner quasi ethnologischen Beschreibungen gelingt es ihm immer wieder prägnant, seinen Protagonisten genauso einfache wie eindrucksvolle Wahrheiten in den Mund zu legen. Gleichzeitig fällt allerdings ins Auge, wie sehr sich seine Erzählung sentimental auflädt und am Rande der Sozialromantik oder gar des Sozialkitsches bewegt:

Hostene schaute gen Himmel. "So endet die Welt, und große Zivilisationen gehen unter, hat meine Frau mal gesagt. All die alten Dinge, die überliefert werden müssten, haben sich im Laufe von tausend Jahren Erfahrung als wertvoll erwiesen. Doch irgendwann im letzten Jahrhundert haben wir alle beschlossen, unsere Leben seien zu wichtig, denn wir mit unseren schnellen Autos, Fernsehgeräten und Computern seien etwas Besseres als unsere Vorfahren. Und das ist die Lüge, an der alle großen Dinge zugrunde gehen."
(Eliot Pattison "Der Berg der toten Tibeter", S. 353)

Bildlich gesprochen blicken wir also hoch zum Berg, wo er, Pattison, seinen schwierigen Balanceakt vollbringt, und hoffen, daß der geschätzte Autor nicht abstürzen möge. Denn am Ende dieses steil abfallenden Grats und seines ambitionierten Romanprojekts könnte immerhin ein großer Entwurf des Kriminalromans stehen, der über die fiktionale Verdauung der Probleme von Gut und Böse, von Wahrheit und Lüge, eine genauso politische wie sozialkritische wie spirituelle Erfahrung solcher geronnenen Existenzgründe bietet.

Um die Bewertung des vorliegenden Romans schließlich auf den Punkt zu bringen: Dieser Roman legt einige bedauerliche Schwächen an den Tag, lässt aber über weite Strecken immer noch die herausragenden Fähigkeiten des Autors aufleuchten.
Und um in einem solchen Fazit noch einmal im Bild zu bleiben: Pattison tritt hier auf seinem schmalen Grat lange Zeit auf einer Stelle, blickt tief in den Abgrund, strauchelt ein wenig und tastet sich nun hoffentlich bald wieder furchtlos voran ... - Wir sind wirklich gespannt, wie es weitergeht.

[ hs/23.02.2007 ]
Diese Rezension bezieht sich auf die Ausgabe vom Februar 2007
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