Titel: Kalter Wind in Genua

Morchio, Bruno Kalter Wind in Genua

Originaltitel: Bacci Pagano - Una storia da carruggi
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Bacci Pagano, Privatdetektiv und »Analphabet in Gefühlsdingen«, liebt Mozart, gutes Essen und die Literatur.
Sein Revier sind die Carruggi, die engen Gassen in der Altstadt von Genua, die er auf seiner amarantroten Vespa 200 PX durchkreuzt. Bei Ermittlungen für eine vornehme Familie aus dem Genueser Industrieadel stößt er auf pikante Liebesaffären und dubiose Millionengeschäfte. Doch plötzlich bekommt er einen noch viel heikleren Fall: Aus dem Studio eines linken Radiosenders wurde ein Gewehr gestohlen. Irgendjemand plant damit ein Attentat auf den Ministerpräsidenten, der Genua in diesen Tagen einen Besuch abstatten wird.

Bacci Pagano Bd.1.

Autor: Morchio, Bruno
Titel: Kalter Wind in Genua
Jahr: 2009-02
Seiten: 320 | Taschenbuch
Verlag: Union
ISBN: 978-3-293-20444-7
Preis: 9.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Mörderische Großstädte

"Carrugio ist nicht gleich Carrugio. Die Altstadt von Genua ist ein dichtes Spinnennetz miteinander verwobener Gassen. Je tiefer man eindringt, desto finsterer, feuchter und muffiger wird es. Zwischen Piazza Cavour, Sottoripa, Via Gramsci und den für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts gebauten verkehrsreichen Prachtstraßen mit ihren luxuriösen und gut besuchten Geschäften schlängeln sich verwinkelte Gässchen, so düster, dass sie außer Ratten nur solchen Menschen Zuflucht bieten, die sich ganz am Rande der Gesellschaft durchschlagen. Sie fürchten die Stadtplaner wie das Ungeziefer den Kammerjäger, vor ihnen haben sie mehr Angst als vor der Polizei. Viele Häuser stammen noch aus dem Mittelalter. Die Vergangenheit ist hier geradezu körperlich zu spüren, man kann sie riechen und schmecken. Das alte Herz der Stadt schlägt noch, aber seine Tage sind gezählt, denn das alte Genua sieht sich mit Immobilienspekulanten konfrontiert, die sich selbst gerne als Stadterneuerer darstellen . . ."
(Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua, S. 106)

Es sind in der Literatur seit langem und seltsamerweise vor allem die Kriminalautoren, die mittels ihrer Detektive, Kommissare und deren Ermittlungen den großen Städten der Gegenwart ein eindrucksvolles Porträt setzen. Wir erinnern uns im Zusammenhang zuerst an Léo Malet: Er hat in seinen Kriminalromanen alle Pariser Arrondissements förmlich ausbuchstabiert. Zuvor schon war für Simenon Paris das bevorzugte psychologisch-kriminologische Schlachtfeld seiner Kriminalromane. Darüber hinaus ist das Motiv natürlich durch klassische Kriminalautoren wie A.C. Doyle (mit London) oder Gaston Leroux (mit Paris) wohl vertraut.
Die Verbindung des Kriminalromans mit modernen Großstadtwelten ist also zweifellos Legion und Grundkonstante des Genres. Doch diese Binsenweisheit erfährt nun seit Jahren eine völlig neue Ausprägung. Anstelle der ungestümen und schmutzigen Beschreibungen des Molochs von Großstädten wie Chicago, London, Paris oder auch Marseille tritt allzu oft ein vielmehr touristisches Design, in dem der darin eingebettete Kriminalroman zum rein abenteuerlich-gruseligen Versatzstück eines Reiseführers verkommt.
Galt früher der genretypische Sponti-Spruch: `Jede Großstadt hat das Verbrechen, das sie verdient´, so machen sich die heutigen Story-Designer der Kriminalliteratur daran, ihre zum Teil recht dürftigen Plots mit entsprechendem Lokalkolorit aufzupeppen. Vorgeblich steht dabei immer die Liebe der Autoren zu der Stadt als Erzählmotiv im Vordergrund (nennen wir es die Gnade der örtlichen Geburt, des örtlichen Studien- oder eines zufälligen Lokalaufenthalts), - weshalb man ihnen oder ihren Vermarktern letzten Endes die Aufrichtigkeit des erzählerischen Bemühens immer weniger glauben oder abnehmen mag.
Gleichzeitig wurden übrigens in den letzten Jahren insbesondere und bezeichnenderweise italienische Städte von ausländischen Krimiautoren buchstäblich okkupiert. Die Amerikanerin Donna Leon steht so schon seit langem buchstäblich für Venedig, die Engländerin Magdalen Nabb für Florenz, ja, sogar der Deutsche Veit Heinichen entpuppt sich hierzulande mit seinen Romanen als Synonym für Triest . . .

Relativ fernab von diesen seltsamen literarischen Pfaden verfaßte Bruno Morchio in "Kalter Wind in Genua" eine genauso kriminalistische wie durchaus aufrichtige Hommage an seine Heimatstadt Genua. Gleichsam liebevoll wie kämpferisch beschreibt er die jüngere Geschichte der Stadt mit ihren schon seit längerem andauernden Umwälzungen. Der wild umstrittene Weltwirtschaftsgipfel von Genua 2001 ist dabei nur ein Brennpunkt seiner persönlichen Stadthistorie. Morchio zeichnet sein Porträt von Genua gezielt mit den Motiven des klassischen Detektivromans à la Chandler, dem er sich offenbar genauso verbunden fühlt wie mit dem Spanier Vázquez Montalbán und dem französischen Krimiautoren Jean-Claude Izzo. Und genau dieses herausragende Stilmittel der alten wie neuen Klassiker ist bei ihm vielleicht auch der gelungenste Teil eines recht zwiespältigen Detektivromans, der insgesamt nicht ganz zu überzeugen vermag.

In oft schnoddrigem Ton tritt uns Morchios Held, der Genueser Privatdetektiv Bacci Pagano, gegenüber. Er ist ein desillusionierter Linker, der für seine politische Vergangenheit sogar einmal unschuldig im Gefängnis saß. Er liebt Mozart, gutes Essen und die Literatur (mit solchen Mustern verfällt der Autor allerdings dem routinemäßigen Setting des derzeit gängigen Kriminalromans!). Und Bacci Pagano ist ein "Analphabet in Gefühlsdingen", was sich dann allerdings nur schlicht mit einem banalen Machismo umschreiben lässt, der den Blick des Lesers allzu oft auf das hügelige Gelände sekundärer weiblicher Geschlechtsmerkmale verweist und die Tiefe der Beschreibung weiblicher Psychologie an der zweifelhaften Länge von bestrumpften oder unbestrumpften Damenbeinen festmacht. Dieser latente aber weitgehend relativ kindische Sexismus nervt jedoch zwangsläufig und mit fortschreitender Dauer.
Doch abgesehen von weiblichen Brüsten, Schenkeln und Schamhaaren einerseits und dem voyeuristischen männlich steifen Blick darauf andererseits, hätte der Autor im Grunde durchaus mehr mitzuteilen.

So ist z. B. seine Beschreibung der italienischen Politszenerie genauso scharfsinnig wie scharfzüngig. Das "System Berlusconi" skizziert er als das, was es ist: Als offenbar zutiefst korrupte und brandgefährliche politische Bewegung. Darüber hinaus beschreibt Morchio im engen Zusammenhang auch den wieder erstarkten italienischen Faschismus als das, was er ist: Ein zutiefst unmenschliches und perverses Vorstellungs- und Normensystem, dass praktisch immer und von Grund auf mit Verbrechen und Korruption einhergeht . . .

Hier liegen also die Stärken des Romans. Doch insgesamt fällt auf, dass der Autor sich in seiner ersten Geschichte der Bacci Pagano-Serie noch zu sehr bemüßigt fühlt, alle Dinge auf seltsam entschiedene Weise erklären zu wollen. Darunter leidet hingegen eindeutig die Spannung des Romans, genauso wie der Plot leider zu zwanghaft am genretypischen Klassizismus des Detektivromans haftet. Nun: Vielleicht bereitet Morchio aus dem Nebel seiner zum Teil langatmigen Ausführungen nur das weite und klare Feld für weit überzeugendere Geschichten ...

- Wir sind darauf kritisch gespannt!

[ hs/20.09.2007 ]
Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe vom August 2007
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