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De Santis, Pablo Die sechste LaterneOriginaltitel: "La sexta lámpara" (Seix Barral: Buenos Aires 2005)
Unsere Meinung:"Der Beruf des Architekten ist eine abenteuerliche Tätigkeit: Ein Grenzberuf in der Schwebe zwischen Kunst und Wissenschaft, auf dem Grat zwischen Erfindung und Gedächtnis, zwischen dem Mut zur Modernität und echter Achtung der Tradition."
(Renzo Piano) "Architekten, alles Schwachköpfe! Vergessen immer die Treppen im Haus!" (Gustave Flaubert) "Die sechste Laterne" ist die abenteuerliche Geschichte des Italieners Silvio Balestri, der 1914 kurz vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs in die USA auswandert, um dort als Architekt seinen Weg zu machen. Und Balestri hat buchstäblich hochfliegende Pläne, denn er will nichts weniger, als einen zweiten Turm von Babel zu bauen. Die Pläne dazu hat das architektonische Genie bereits im Kopf, doch es gelingt ihm zunächst nicht, in New York Tritt zu fassen, wo er sich nach seiner Schiffspassage gleich niedergelassen und eine Italienerin geheiratet hat. Bis ihm ein seltsamer alter Mann auf die Sprünge hilft und das sehr renommierte New Yorker Architekturbüro Moran, Morley & Mactran ihm zumindest eine Stelle als Kopisten anbietet. Danach passieren jedoch einige seltsame Dinge: Während Balestri sich in dem Architekturbüro bald mit viel Geschick und gegen alle Widerstände einen Weg auf der Karriereleiter nach oben bahnt, verschwindet seine Frau Greta während einer psychologischen Krise spurlos und wird auch trotz der Ermittlungen der Polizei und der New Yorker Vermisstenstelle nicht mehr aufgefunden. Gleichzeitig machen ihm seine Chefs bald ein fragwürdiges Angebot: Sie verdächtigen einen von drei Architekten ihrer planerischen Spitzengruppe der Betriebsspionage. Balestri soll herausfinden, um wen es sich dabei handelt. Versprochen wird ihm als Belohnung eine Führungsposition im Unternehmen. Etwa zu gleicher Zeit stellt sich ihm eines Nachts auf einer Baustelle ein mysteriöser Mann vor, "John der Schornsteinfeger", der sich als Abgesandter der Geheimgesellschaft "Die sechste Laterne" bezeichnet. Er warnt Balestri eindringlich davor, seine Macht und sein Können zu überschätzen, und fordert ihn dazu auf, sich seine Handlungen reiflich zu überlegen, bevor er sich in Dinge einmischt, die weit über sein Vorstellungsvermögen gehen … Pablo de Santis ist ein ungewöhnlicher und phantasievoller Schriftsteller, der in seinen Romanen u.a. gerne mit literaturgeschichtlichen Verweisen wie auf seine großen Vorbilder Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares spielt. Dazu könnte man noch mühelose die Sprach- und Erzählbilder Franz Kafkas und E.T.A. Hoffmanns dazuzählen. (Natürlich fehlt hier wie in vielen sprachphilosophischen Romanen nicht der sattsam Verweis auf Dante Alighieri.) Ganz deutlich blitzt jedoch aus fast jedem seiner Romane auch seine Liebe zum Kriminalroman hervor. Dazu sagt der Argentinier nicht zuletzt selbst: "In vielen Ländern war oder ist der Kriminalroman marginalisiert, keine ernst zu nehmende Literatur. Bei uns war das dank Borges anders. Es ist hier kein Problem, Literatur mit Elementen des Kriminalromans zu schreiben." (Pablo de Santis: Die sechste Laterne, S. 184) So finden wir solche Motive fast selbstredend auch in dem vorliegenden Roman, wo hier doch eine Entführung, Betriebsspionage, eine ominöse Geheimgesellschaft, sogar eine kleine Weltverschwörung und nicht zuletzt ein Mord jeweils eine gewisse Rolle spielen, während de Santis seine philosophische Erzählung um seinen geniebegabten Architekten in kurzen und skizzenhaften Kapiteln bis zum höchst ironischen Ende des "Helden" vorantreibt. Die beiläufige Erzählweise dieser Jahrzehnte umspannenden Geschichte erscheint mir hier wie schon bei seinem Roman "Der Kalligraph" als doch recht bemerkenswert. Denn als Leser fragte ich mich während der Lektüre permanent, ob der knappe (aber nicht unbedingt präzise Stil) die Handlung über ihre ganze Dauer trägt. Trotz aller kriminellen Motive möchte man dieses Buch übrigens kaum als Kriminalroman bezeichnen. Krimifreunde und reine Spannungsleser, die zwischen Fall und Auflösung sowie Anfang und Ende ihres Krimis eine klar strukturierte Handlung erwarten, die könnten sich mit diesem Roman gar durchaus einen sonnigen Sonntagnachmittag oder die nächtliche Bettruhe verderben. Dagegen dürften literarisch anspruchsvollere Leser/innen wiederum ihren Spaß an diesem philosophischen Roman haben, wobei ich nach wiederholter Lektüre der Bücher von de Santis’ allerdings seine literarische und intellektuelle Qualität als nicht ganz so hoch veranschlagen würde, wie es die Feuilletons zum Teil taten. Dazu wirkt mir sein Erzählstil zu verkürzt, zu spröde und manieriert. (Wenn man den originalen Kafka kennt, bekommt man eben nur sehr ungern einen kopierten Kafka aufs Auge gedrückt.) Sein Plot und seine Handlungsstränge changieren zu sehr ins Vage, vor allem wenn er mit allen möglichen Wendungen und Finten erzählerische Nebenschauplätze eröffnet (hier ist es das Verschwinden und das spätere mutmaßliche Wiederauftauchen von Balestris erster Frau) und sich seine zahlreichen Anspielungen auf literarische Vorbilder nur rein impressionistisch auf den ganzen Roman verteilen. Dächte man sich jedoch die Handlung dieses Buches auf die Ausmaße von Thomas Pynchons weit über tausendseitigem Romanepos "Gegen den Tag" hochprojiziert - das wäre ein wahrhaft spannendes Experiment. Nur möchte ich bezweifeln, dass de Santis dazu die erzählerische Kraft aufbringen würde. Bewegte er sich doch bisher immer im Kleinen, in der Skizze zu größeren und großen Ideen und Gedanken. Eines ist dem argentinischen Autoren bei allem aber auf keinen Fall abzusprechen: Seine bemerkenswerte Erzählfreude und seine unbändige Lust zu Fabulieren. Deshalb können wir das Buch - mit den genannten Abstrichen und Irrtum eingeschlossen - durchaus empfehlen. [ hs/02.05.2009 ]
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Krimi-Specials
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