Titel: Die Zelle

Tex, Charles den

Die Zelle

Originaltitel: CEL
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer

Auf dem Weg zu einem Kundentermin wird der junge Amsterdamer Unternehmensberater Michael Bellicher Zeuge eines schweren Autounfalls und ruft die Polizei. Als die Beamten eintreffen, haben sie jedoch nichts Besseres zu tun, als Bellicher festzunehmen und ihn eines anderen Unfalls mit Todesfolge zu beschuldigen. Kaum ist er wieder auf freiem Fuß, erfährt er,
dass bei einer ihm fremden Bank ein Kredit auf seinen Namen über mehr als drei Millionen Euro geplatzt ist. Seinen hilflosen Erklärungsversuchen für diese Vorfälle schenkt noch nicht einmal seine Pflichtverteidigerin Guusje van Donee Glauben. Und nicht nur das: Unbekannte heften sich an Bellichers Fersen und trachten ihm nach dem Leben.
Wer versucht, systematisch die Kontrolle über seine Existenz zu übernehmen? Und warum?
Bellicher nimmt den Kampf auf und macht sich auf die Suche nach seiner verlorenen Identität. Eine rasante Jagd beginnt, durch Großstädte und niederländische Treibhauslandschaften
genauso wie durch das World Wide Web.

Autor: Tex, Charles den
Titel: Die Zelle
Jahr: 2009-02
Seiten: 446 | Hardcover
Verlag: Grafit
ISBN: 978-3-89425-659-3
Preis: 19.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Nichts ist schwerer zu bezeichnen, als die Merkmale, die uns von der Identität einer Person überzeugen. Jedermann kennt seinen Nachbar, und doch könnte man in den wenigsten Fällen den Grund anführen, warum man in dem Manne seinen Nachbar erkennt."
(Edgar Allan Poe)

"Ich bin post-alles, Post-ich, post-multinational, post-moralisch, post-wir, post-Pizza (nie wieder Quattro Stagioni, bitte!), post-neokonservativ, post-Dritter-Weg, post-Neue-Sachlichkeit, post-Cuvée-Prestige, post-Fußball, post-natal (ergibt sich von selbst), post-Marketing, post-Information, post-spirituell und post-Marlboro. Ich bin sogar post-Post, denn ich erhalte ausschließlich anonyme Reklamewurfsendungen, eine Art prähistorisches Spam, sowie Kopien von Rechnungen, die ich bereits zwei Tage zuvor per E-Mail empfangen habe ..."
(Charles den Tex: Die Zelle, S. 7 - Romanbeginn)

Wissen Sie eigentlich, wer oder was sie selbst sind? Wer (oder was) sie für andere sind? Und wie gut glauben Sie Ihre Mitmenschen zu kennen? Charles den Tex rührt mit seinem zweiten auf Deutsch erschienenen Psycho- und Politthriller "Die Zelle" an einem der größten Angstmomente unserer modernen Gesellschaften, dem Identitätsverlust. Doch der niederländische Autor macht dies in seinem spannenden Roman nicht etwa an der zunehmenden Vereinzelung und Entfremdung in der Massengesellschaft oder den Auswüchsen des längst existierenden Überwachungsstaats fest. Die andere Seite der Medaille ist in einer solchen Gesellschaft, in der alles - wirklich alles - vermarktet wird, was auch nur etwas Profit verspricht, der Handel mit Identitäten, insbesondere personenbezogenen Daten. Und sei es in letzter Konsequenz mit unerlaubten oder kriminellen Mitteln.

Sein Held Michael Bellicher, der junge Amsterdamer Unternehmensberater, der schon im Vorgängerroman "Die Macht des Mr. Miller" in ziemlich üble Geschichten hineingeraten ist, wird dieses Mal Opfer eines Identitätsdiebstahls:
Alles beginnt mit einem schweren Autounfall, bei dem Bellicher Zeuge wird und nicht ahnt, welche Folgen dies für ihn haben wird. Das tödlich verunglückte Unfallopfer war nämlich nicht irgendwer und bei dem Unfall ging es offenbar auch nicht mit rechten Dingen zu. Doch das dicke Ende kommt erst noch: Während die Polizei seine Personendaten prüft, treten Unregelmäßigkeiten auf. Bellicher soll ohne sein Wissen Besitzer eines bronzefarbenen BMWs sein, damit einen Fahrradfahrer tödlich angefahren und Fahrerflucht begangen haben. Diese heikle Situation, unschuldig in einen solch schwerwiegenden Verdacht zu geraten, bringt ihm dann prompt zermürbend viele Stunden der Untersuchungshaft ein.
Bald wird ihm klar, dass noch jemand anderes mit der Identität "Michael Bellicher" unterwegs ist und dass sich so seine Identität förmlich von ihm abgelöst hat. Allerdings ist das für die Ermittlungsbehörden ganz und gar nicht so selbstverständlich. Wieder auf freien Fuß gelangt, hat er schnell die grausame Wirklichkeit vor Augen, dass ihm da jemand mit seiner gestohlenen Identität ganz gewaltig am Zeug flickt. Ob gezielt oder nicht (seine Vorgeschichte aus "Die Macht des Mr. Miller" legt das durchaus nahe): Völlig unschuldig wird er fortwährend von Neuem in üble Betrügereien und Verbrechen hineingezogen ...

"Alle zwei Sekunden wird irgendwo auf der Welt die Identität einer Person missbraucht oder ein Bankkonto auf den Namen eines anderen eröffnet. In Amerika schätzt man die Anzahl der Opfer von Identitätsdiebstahl auf fünfundzwanzig Millionen, in England auf vier Millionen. In den Niederlanden sind es bisher noch weniger als eine Million. Doch ihre Zahl wächst jedes Jahr mit einer Rate von hundert Prozent.
(...)
Ich bin ein Produkt auf einem Wachstumsmarkt."
(Charles den Tex: Die Zelle, S. 234)

Dies alles bringt den Unternehmensberater wieder in die Mühlen der Polizei- und Ermittlungsbehörden und fast um den Verstand, mitunter sogar in Lebensgefahr. Zu allem Überfluss gerät er nämlich innerhalb der verrückten Entwicklungen um seine Identität in den zusätzlichen Verdacht, ein islamischer Terrorist zu sein.

"Nackt in einem Zimmer mit einem Militärarzt, der mir in den Arsch guckte – nein, ich hegte keinerlei Illusionen mehr über das Ziel der ganzen Aktion. Wenn ich in diesem Moment vor Nervosität einen fahren gelassen hätte, hätten mich die Soldaten auf der Stelle erschossen, aus Angst, ich könnte Senfgas pupsen. Der Kampf gegen den Terrorismus war ein Krieg, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. An jedem erdenklichen Ort. Aber mein Anus war der letzte Ort, der mir dabei in den Sinn gekommen wäre."
(Charles den Tex: Die Zelle, S. 299)

Alfred Hitchcock hat uns in Filmen wie North by Northwest gelehrt, wie Menschen völlig unverschuldet, oft nur durch einen kleinen Zufall oder auch durch abgründige Intrigen in bitterböse und lebensgefährliche Abenteuer geraten können. Eine Geschichte dieser Art erzählt uns nun auch Charles den Tex, allerdings härter, direkter, unmittelbarer und absurder.
Charles den Tex jagt seinen Helden Bellicher dabei durch die niederländischen Treibhauslandschaften wie einst Hitchcock seinen Roger Thornhill durch die Agrarwüste des Mittleren Westens. Bellicher ist Unternehmensberater, Thornhill war Werbefachmann. Beide stehen als Erfolgsmenschen mitten im Leben, sind gut funktionierende und sympathische kleine Rädchen im Getriebe des Big Business. Bis sich das System mehr oder weniger durch einen Zufall gegen sie wendet. Als Unwissende werden sie zu Betrogenen, als Unschuldige zu Verdächtigen und bald zu Ohnmächtigen, bis sie mit dem Brandzeichen des Verbrechers auf der Stirn auch noch zu Gehetzten und Flüchtigen mutieren, die dann aus ihrem puren Überlebenstrieb heraus zu allen ihnen noch verbliebenen Mitteln der Gegenwehr greifen.

Der Vergleich mit dem unvergleichlichen Meister Alfred Hitchcock ist an dieser Stelle natürlich übertrieben. Gleichwohl ist Charles den Tex ein überaus ambitionierter Thrillerautor, dem wir auch in Zukunft werden Beachtung schenken müssen.
Bisher gilt dieses Lob allerdings noch mit Einschränkungen: Zu sehr spielt den Tex bisher mit verschwörungstheoretischen Elementen. Er trägt in seinen Geschichten dabei zudem mächtig dick auf und fordert seinem Helden Bellicher dabei schier Übermenschliches ab. Dann ist da noch sein lakonischer und mit eigenwilligem Witz vorgetragener Erzählstil: Er ist sicher ein wenig gewöhnungsbedürftig und nicht jedermanns Geschmack, so dass mit ein wenig Zurückhaltung darin für den Autoren sicher einiges gewonnen wäre.
Schließlich haben wir vor dem Roman "Die Zelle" in punkto Identitätsdiebstahl oder dem Spiel mit Identitäten auch schon weit Besseres gelesen (um nur T.C. Boyles "Talk Talk", Michael Connellys "unbekannt verzogen" oder Cornell Woolrichs beide Klassiker "Ich heiratete einen Toten" und "Walzer in die Dunkelheit" zu nennen) ...
Doch trotz all dieser "Einwände": Dem Autoren könnte (so mein Kritikergefühl), falls er sich auf seine Fähigkeiten besinnt und sich mit seinen etwas ausschweifenden Erzählideen auf ein Substanzielles reduziert, bald ein großer Wurf gelingen.

Fazit: Ein solcher "großer Wurf" ist sein Roman "Die Zelle" noch nicht. Charles den Tex bietet seinen Lesern bisher nicht mehr und nicht weniger als recht gute, intelligente und vor allem spannende Unterhaltungsliteratur. Das ist doch auch schon etwas.

[ hs/30.06.2009 ]
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