Titel: Andalusisches Requiem

Wilson, Robert Andalusisches Requiem

Originaltitel: "The Ignorance of Blood" (Harper Collins: London 2009)
Aus dem Englischen von Kristian Lutze

Während Inspektor Javier Falcón versucht, die genauen Hintergründe eines blutigen terroristischen Anschlags in Sevilla aufzuklären, dem viele unschuldige Menschen zum Opfer fielen, wird er zu einem tödlichen Autounfall gerufen. Im Wagen des Toten befinden sich 7,8 Millionen Euro und mehrere DVDs, auf denen hochrangige Männer aus Wirtschaft und Politik beim Sex mit Prostituierten zu sehen sind.
Falcón findet schnell heraus, dass es sich bei dem Toten um Vasili Lukyanov handelt, einen russischen Mafioso, der im Begriff war, innerhalb der Mafia die Seiten zu wechseln und zum Paten Yuri Donstov überzulaufen.
Diesem werden enge Verbindungen zur sogenannten katholischen Verschwörung nachgesagt, die Falcón als Drahtzieher hinter dem Attentat vermutet. Er hat schon länger den Verdacht, dass fundamentalistische Christen den Anschlag inszeniert haben, um ihn islamistischen Kräften anzulasten und so die rechtskonservative Partei Fuerza Andalucía zu stärken.
Als Falcón aber erfährt, dass einige seiner marokkanischen Verwandten in die Angelegenheit verwickelt sind, droht ihm der Fall zu entgleiten. Und sein Chef, Comisario Elvira, denkt laut über Falcóns Suspendierung nach.

Javier Falcon Bd.4.

Autor: Wilson, Robert
Titel: Andalusisches Requiem
Jahr: 2009-03
Seiten: 560 | Hardcover
Verlag: Page & Turner
ISBN: 978-3-442-20316-1
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Der Roman "Andalusisches Requiem" knüpft nahtlos an seinen Vorgänger "Die Masken des Bösen" an, wo ein terroristisches Bombenattentat die Stadt Sevilla bis in die Grundfesten erschütterte und Inspektor Javier Falcón an der Welt verzweifeln ließ.

Nach wie vor ist dieses Attentat nicht aufgeklärt. Die Erklärungsversuche reichen von einer radikal-katholischen und faschistischen Verschwörung bis hin zu dem islamistischen Generalverdacht, dass die Al-Kaida ihre Finger im Spiel hatte. Was Falcón jedoch ziemlich irritiert, weil sich die verschiedenen Gegenspieler in ihren Methoden offenbar allzu sehr ähneln.

"Das ist richtig, Javier, wir sind alle im selben Geschäft. Die Guten und die Bösen. Was also willst du mir sagen?"
"Versuch doch mal, Lösungen statt Drohungen anzubieten", sagte Falcón.
(Robert Wilson: Andalusisches Requiem, S. 277)

Dann stirbt eines Nachts der russische Mafioso Lukjanov unter seltsamen Umständen bei einem Autounfall. Die russische Mafia hat sich in den Jahren zuvor mit Drogengeschäften, Frauenhandel und Immobilienspekulationen an der spanischen Mittelmeerküste und in Andalusien festgesetzt. Zudem werden Lukjanov und seinen Spießgesellen enge Verbindungen zu der radikal-katholischen Gruppe nachgesagt.
Doch so einfach und plausibel es sich zunächst darstellt, umso schwieriger wird es für Falcón, sich in diesem Schmelztiegel des organisierten Verbrechens und der systematisierten Gewalt zurechtzufinden. Weitere Verstrickungen und äußerst brutale Morde und Todesfälle vor Augen, sieht Falcón genauso überraschend wie plötzlich auch seine marokkanischen Verwandten in Gefahr, wobei sie sich wie in einem Strudel auf den Schlund des internationalen Intrigenspiels hinzubewegen.

Wilson zeigt hier in seinem jüngstem Roman, da muss man gar nicht lange um Fiktion und Wirklichkeit seiner Bücher herumreden, wie sehr sich in Europa reaktionäre bis faschistische Kräfte gefestigt und sich dabei gerade in Südeuropa ein besonderes Gravitationszentrum herausgebildet hat. Gleichzeitig arbeitet er in seinem großen, über zeitausendseitigen Epos deutlich und plausibel heraus, wie manipulativ die klassischen Geheimdienste weiterhin tätig sind, mit welcher Beharrlichkeit sich das organisierte Verbrechen und vor allem die Russenmafia sich ausbreitet, und mit welchem Kalkül radikale islamische Gruppen die Legende vom "Kampf der Kulturen" herbeibeschwören. Und das vor dem Hintergrund, dass jeder Teil der Sevilla-Tetralogie eigentlich und ursprünglich jeweils in einen Polizeiroman verkleidet ist. Mit all dem hätte man am Anfang des Romanzyklus nicht gerechnet. – Das ist ein starkes Stück Kriminalliteratur!

Dabei stellt Robert Wilsons "Andalusisches Requiem" den würdigen Abschluss seiner weittragenden Sevilla-Tetralogie dar, die mit "Der Blinde von Sevilla" so furios begann, dessen Niveau in den nachfolgenden Bänden in diesem Maß leider nie wieder erreicht werden konnte. Am ehesten ist dabei noch das "Andalusische Requiem" mit der grandiosen Ouvertüre zu vergleichen, weil sie zumindest einige erzählerische Kreise schließt – und das gekonnt.

"Das Rätsel war gelöst, die Suche beendet, und zurück blieb nur ein überwältigendes Gefühl von Verlust und Sinnlosigkeit."
(Robert Wilson: Andalusisches Requiem, S. 474)

Fazit: Wir sind gespannt auf die nächsten Neuigkeiten von Robert Wilson, einem wirklich bedeutenden Autor der internationalen Kriminalliteratur.

[ hs/18.07.2009 ]
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