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MacShane, Frank Raymond Chandler - Eine BiographieOriginaltitel: "The Life of Raymond Chandler" (1976)
Unsere Meinung:"Ein gut beschriebenes Leben ist beinahe so selten wie ein gut gelebtes."
(Thomas Carlyle) Mit Frank MacShanes "Raymond Chandler" wird eine grundsolide und in vielen Teilen sehr aufschlussreiche Biographie neu aufgelegt, die 1984 erstmals bei Diogenes als Taschenbuch erschien. Weshalb der Verlag das Buch nach mehr als 25 Jahren in der Neuauflage als Hardcover präsentiert, das erscheint uns dann doch etwas rätselhaft, und es bleibt nur zu hoffen, dass irgendwann bald darauf die erneute Taschenbuchausgabe nachfolgen wird. (Gut: Raymond Chandler (23. Juli 1888 - 26. März 1959) ist nun seit mehr als 50 Jahren tot. Aber "feiert" man das neben einer sonst recht einfachen Taschenbuch-Gesamtausgabe so?) Inhaltlich verändert hat sich seit jener Erstausgabe jedoch praktisch nichts. (Vielleicht hatte man ja gar von damals noch ein paar Buchblöcke und hat sie schnell mal in 4000er-Auflage hochgebunden.) Allerdings zerfällt meine alte, ursprüngliche Taschenbuchausgabe (gelbes Layout) auch schon in seine 240 Teile, so dass das Hardcover für die Neuausgabe und die starken Bindungen des Diogenes Verlags an einen seiner Haus- und Hofautoren vielleicht tatsächlich angeraten war. Aber lassen wir das ... Frank MacShane ist ein sehr geradliniger Biograph. Er hält sich streng und eng an die verschiedenen Quellen, die er in den 70er Jahren neu aufgetan hat, wobei vor allem die Briefwechsel Chandlers mit seinem New Yorker Verleger Alfred Knopf + Gattin, seinem britischen Verlegerfreund Hamish Hamilton und dem Literaturkritiker James Sandoe herausragen sowie sein grundsätzliches erzählphilosophisches Gerüst, wie es in dem Buch "Die simple Kunst des Mordes" (bei Diogenes derzeit ebenfalls in Neuauflage) sehr übersichtlich wiedergegeben ist. MacShane arbeitet allerdings ohne explizite Hintergrundtheorie. Weder literaturtheoretisch, -soziologisch oder literaturgeschichtlich hebt er sich einmal erkennbar von seiner quellengeleiteten Engführung ab. Methodologisch weist er in seinem kurzen Vorwort allein auf die Tatsache hin, dass er – MacShane - Chandler "als Romancier (...) und nicht als Kriminalschriftsteller" behandelt. "Darum enthält dieses Buch, abgesehen von notwendigen Bezugnahmen auf die Geschichte der Kriminalromane und Chandlers Verhältnis dazu, keine längeren Betrachtungen über andere tote oder lebende Krimi-Autoren." (Frank MacShane: Raymond Chandler, S. 7) Schade eigentlich, denn genau das hätte uns in unserem Zusammenhang ja doch besonders interessiert. An dem Vorwort, dass sich doch sehr auf das Quellenstudium, rein Editorisches und an Dankesworten statt an Grundsätzlichem konzentriert, wird vielleicht auch die Hauptschwäche dieser Biographie deutlich: Sie wirkt etwas uninspiriert. Man findet aus ihren Quellenangaben zwar sehr viele schöne Chandlerzitate und staunt über das wechselhafte Leben des Autors, dessen Karriere als Kriminalschriftsteller recht spät anfing (mit knapp 50 Jahren und seinem Debüt "The Big Sleep" 1939), nimmt Notiz von der zentralen Rolle seiner Frau Cissy und anderen Umständen in Chandlers Leben (wie sein Alkoholproblem), doch so richtig "Leben eingehaucht" ist der 480-Seiten-Biographie und ihren knapp 850 Fußnoten damit dennoch nicht. Gleichwohl gab mir dieses Buch derart viele Aufschlüsse über Raymond Chandler, dass ich gar nicht weiter meckern will, ob und wie an Frank MacShane wohl kein großartiger Biograph verloren gegangen ist. Seine Fleißarbeit ist für Chandler-Fans und andere Orientierungssuchende allemal sehr lesenswert. Nur einen chandleresk völlig Unbeleckten wird diese Biographie als solche wohl ziemlich kalt lassen. (Emsig war MacShane als Sachbuchautor allemal, so verfasste er u.a. noch Lebensdarstellungen von Ford Maddox Ford sowie John O’Hara und betreute in den 90er Jahren die wunderbare und noch lieferbare Chandler-Klassikerausgabe bei der Library of America.) Was nun die schriftstellerische Philosophie Chandlers betrifft, war für mich in dem Buch folgendes Zitat eine buchstäblich zentrale Passage: "Die psychologische Grundlage dafür, warum Romane, die von Mord und Verbrechen handeln, bei allen möglichen Leuten derart beliebt sind, ist nie auch nur angekratzt worden. Ein paar oberflächliche und unerhebliche Versuche, aber nichts sorgfältig, kühl und gelassen. Es steckt viel mehr in diesem Thema als die meisten Menschen meinen, selbst die, die sich dafür interessieren. Man hat das Problem meistens zu leicht genommen, weil man es fälschlicherweise für logisch zu halten schien, daß Kriminalromane, da sie einfach zu lesen sind, auch eine leichte Lektüre seien. Sie sind keine leichtere Lektüre als Hamlet, Lear oder Macbeth. Sie grenzen an die Tragödie, ohne jemals ganz tragisch zu werden. Ihre Form verlangt eine gewisse Klarheit des Aufbaus, die nur in den gelungenen `richtigen´ Romanen zu finden ist. Und zufällig – ganz zufällig natürlich – hat ein großer Anteil der Weltliteratur, der die Zeit überdauert hat, sich in irgendeiner weise mit dem Tod durch Gewalt beschäftigt. Und wenn man unbedingt `Signifikanz´ haben muß (die Forderung nach Signifikanz ist das unvermeidliche Kennzeichen jeder halbgaren Kultur), dann ist es doch durchaus möglich, daß die Spannungen in einem Mordroman das einfachste und doch umfassendste Symbol für die Spannungen darstellen, denen wir heutzutage unterworfen sind." (Raymond Chandler in einem Brief vom 17.10.1948 an James Sandoe. Zitiert nach: Frank MacShane: Raymond Chandler, S. 216 f.) Bis heute und nach mehr als 10 Jahren soziotopischer Existenz als Krimibuchhändler hielt ich bisher noch nie und auch nur ansatzweise eine vernünftige und lesbare "Sozialpsychologie des Kriminalromans" in den Händen. Ich empfinde Raymond Chandler in dieser Hinsicht deshalb als "Bruder im Geiste". Und ich bin förmlich "gespannt", ob sich in der globalen Literaturwissenschaft (?) irgendwann einmal jemand ernsthaft und gleichzeitig verständlich an diese Aufgabe heranmacht. Schließlich und endlich ist es über Chandlers Biograph Frank MacShane ja nicht das schlechteste, was man über ihn sagen kann, dass er eine durchaus vorzügliche Zitatauswahl getroffen hat, mithin also damals (1976) vielleicht eine Ahnung davon hatte, wie viel mehr in seinem "Stoff" dringesteckt hätte. Über Chandlers Leben selbst wollen und können wir dagegen nicht urteilen. Frank MacShane tut es als pflichtgetreuer Biograph, und mithin mag sein Urteil für Sie auch ein weiterer Beweggrund sein, hinter die Kulissen der sogenannten Weltliteratur – zu der Chandler fraglos zählt – zu schauen und ein in mehrerlei Hinsicht ambivalentes Leben auf sich wirken zu lassen: "Er war ein Prophet des modernen Amerika; von der literarischen Tradition Europas herkommend schrieb er über eine Welt, die ihn ebenso abstieß wie anzog. Er verallgemeinerte nicht, noch stellte er Theorien auf. Viel lieber vertraute er seinen Eingebungen; wie Chaucer oder Dickens beschrieb er die Menschen, die Orte und die Dinge, die er sah, spöttisch, doch auch voller Liebe. Das machte ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit – und zu einem der unterhaltsamsten." (Frank MacShane: Raymond Chandler, S. 431) Fazit: Insgesamt gelungene Biographie. Es fehlt ihr zwar etwas an "Esprit", macht das aber durch gelungene Quellenarbeit und dem sehr nützlichen Zusatzmaterial (15seitige Bildstrecke im Mittelteil des Buches, ausführliche Bibliographie und Anmerkungsapparat am Ende des Buches) weit mehr als wett. Vermisst haben wir dabei allerdings ein Personenregister, diverse Personenerklärungen und einen leichter handhabbaren Anmerkungsapparat. P.S.: Würde ich nun zuletzt meiner permanent unterdrückten marktschreierischen Ader doch ausnahmsweise einmal nachgeben, dann würde ich jetzt laut herausbrüllen: "Wat wolln se denn noch ham? Koofen se, koofen se. – Und am besten die neue Chandler-Taschenbuch-Gesamtausgabe noch dazu ..." – Aber so bin ich, so sind wir vom "Hammett" nun einmal ganz und gar nicht, deshalb lassen wir Sie in Ruhe nachdenken, ob Ihnen Mr Chandler auch noch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod - mit seinem Leben - zu denken geben sollte ... [ hs/15.01.2010 ]
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