Titel: Der verbotene Ort

Vargas, Fred Der verbotene Ort

Originaltitel: Un lieu incertain
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

Ein internationaler Polizeikongress führt Kommissar Adamsberg und seinen Adlatus Danglard nach London. Bei einer abendlichen Sightseeingtour durch die schillernde Metropole machen die beiden Franzosen einen grausigen Fund: Vor dem ebenso berühmten wie berüchtigten Friedhof Highgate entdecken sie siebzehn fein säuberlich aufgereihte Schuhe, in denen herrenlos gewordene Füße stecken. Und zurück in Paris, wird Adamsberg zum Schauplatz eines fürchterlichen Verbrechens gerufen: Pierre Vaudel, pensionierter Jurist, wurde auf unerklärlich gnadenlose Weise in seinem Haus hingerichtet; als einziges Indiz verweist ein kryptischer Brief auf ein serbisches Dörfchen.
So wenig den schaurigen Fund in London und den Mord in Paris verbinden mag, so hellhörig wird Adamsberg, als Danglard behauptet, unter den Schuhen von Highgate die seines serbischen Onkels wiedererkannt zu haben. Adamsberg nimmt die Fährte auf und reist in das einstige Transsilvanien, das Ursprungsland des Vampirglaubens, wo Wagemut und Unbedachtheit ihn an die Grenze von Leben und Tod bringen.

Autor: Vargas, Fred
Titel: Der verbotene Ort
Jahr: 2009-04
Seiten: 480 | Hardcover
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-351-03256-2
Preis: 19.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

„Die Gegenwart ist im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen.“
(Lü Bu We, chinesischer Kaufmann und Politiker; geboren um 300 v. Chr. – gestorben 235 v. Chr. Durch Selbstmord im Kerker!)

Fred Vargas und ihre genauso tiefgründigen wie fast zeitlosen Geschichten erscheinen dem wohlwollenden Leser, der fast alle Romane von ihr gelesen hat, bald wie eine Freundin im Geiste oder wie alte Bekannte. Dem vielleicht einmal weniger wohlwollenden Leser allerdings geht es mit der Zeit auf den Geist, dass diese „Freundin“ immer wieder dieselben Geschichten erzählt und sich damit buchstäblich im Kreise dreht.
Und das erscheint mir von Roman zu Roman umso abgedrehter. Ihre neue Krimigroteske „Der verbotene Ort“ ist noch mythischer, noch schräger und noch turbulenter als alle vorangegangenen Teile der Adamsberg-Serie. Vargas bleibt sich also treu, geht sozusagen streng nach Schema-V(argas) vor und baut zunächst wie üblich sorgfältig die Bühne für ihr Mysterienspiel auf:
Adamsberg befindet sich, begleitet von seinem treuen Assistenten Danglard, (wie schon in „Der vierzehnte Stein“) im Ausland auf einem Polizeikongress in London. Dort werden beide mehr oder weniger zufällig Zeuge eines obskuren Leichenfundes. Abgeschnittene Füße in alten Schuhen deuten auf einen geheimnisvollen Ritualmord hin – doch das ist nun ja zunächst einmal Sache der englischen Kollegen.
Vargas wäre nicht Vargas, wenn sie dieses Detail einfach so stehen lassen würde. Alles hat seine Bedeutung, so sehr verschlungen das anfangs auch wirken mag. Die Katze spielt mit dem Wollknäuel und schafft ein fadenscheiniges Chaos – aber man kann die Wolle ja schließlich wieder zu einem Knäuel aufrollen, nicht wahr!?
Zurückgekehrt nach Frankreich werden die beiden Polizisten der Pariser „Brigade criminelle“ (vgl. S. 6 ff.; - eine frühere Vargas-Übersetzerin hatte das in „Der vierzehnte Stein“ noch mit „Mordbrigade“ eingedeutscht) mit dem brutalsten Verbrechen Ihrer Karriere konfrontiert. Pierre Vaudel, ein alter Journalist und juristischer Quertreiber von Rang, wurde auf seinem Anwesen förmlich bis auf seine kleinsten Einzelteile zerlegt und zermalmt. Adamsberg und Danglard bietet sich eine surreale Vision der Zerstörung menschlichen Lebens, ein buchstäblicher atomisierter Leichnam:

„Wie hat der Typ das gemacht? Dass muss verdammt harte Arbeit gewesen sein.“
„Auf den ersten Blick mit einer elektrischen Säge und einem Vorschlaghammer. Zwischen elf Uhr abends und vier Uhr morgens. In aller Ruhe, jede Villa ist von den umliegenden durch einen großen Garten und eine Hecke getrennt. Keine unmittelbaren Nachbarn, die meisten sind übers Wochenende verreist.“
„Und der alte Mann? Was weiß man von ihm?“
„Dass er allein hier lebte und sehr vermögend war.“
(Fred Vargas: Der verbotene Ort, S. 53)

Zunächst erscheint der Sohn des Ermordeten als Tatverdächtiger, bis sich der Verdacht auf einen Angestellten des Toten, den mehrmals vorbestraften Schläger Émile konzentriert. Und der Ermordete war reich, das Versprechen einer großen Erbschaft könnte ihn deshalb das Leben gekostet haben. Am Gelde mag zwar viel hängen, doch in diesem neuen Fall von Adamsberg spielt es wie schon in den früheren Geschichten kaum eine Rolle.
Beim Mörder in „Der verbotene Ort“ bekommen wir es zum wiederholten Male mit einem reichlich durchgeknallten und perfiden Serienmörder zu tun. – Und der hat ganz anderes und „tieferes“ im Sinn als persönliche Bereicherung. Die eigentliche Geschichte des Romans handelt von einer sehr außergewöhnlichen „Vendetta“, die so phantastisch ist, dass sie beinahe schon surreal wirkt. In märchenhafter Versponnenheit entführt uns Vargas dann schon bald in eine Welt der Mythen und Gespenster.
Dabei ist das ganze Buch noch mehr als in früheren Vargas-Romanen fast ausschließlich von seltsamen und skurrilen Figuren bevölkert. Das ist man von der Autorin ja schon gewohnt, gerade dafür lieben viele Leser/innen sie, doch selten hatte man ein Romanpersonal in solch ausschließlicher Exzentrik. (Etwa nach dem Prinzip: Jeder Mensch hat seine ganz spezielle Macke oder Besonderheit. Lass uns darüber reden! Und kurz darüber nachdenken!) Nun fehlt hier allerdings, wie soll ich sagen, deutlich die „Differenz zur Normalität“. Es wirkt alles nur noch skurril und abgedreht. Und so märchenhaft versponnen sich der Roman im Laufe der Handlung dann auf eine recht abenteuerliche Vampirgeschichte kapriziert (vgl. dazu das Werwolf-Motiv in „Bei Einbruch der Nacht“), so überspannt wirken hier über lange Strecken die Erzählung und hölzern die Dialoge, auffällig vor allem im Mittelteil des Buchs.
Die insgesamt recht malade Gesamtsituation des Romans wird auch durch einige nette philosophische Einwürfe nicht gerettet. (Vgl. dazu z.B. das relativ trockene Gespräch über „la condition humaine“ auf S. 16 oder der urphilosophische Dialog über die Elemente auf S. 60 f.) Dies alles führt selbst unter Adamsberg’schen Bedingungen sehr unglaubwürdigen Handlungsmomenten: Da unterbricht er zum Beispiel seine wichtigen Ermittlungen abrupt, um einem jungen Kätzchen das Leben zu retten (S. 112), ein anderes Mal wird eines der überlebenden Opfer des Täters natürlich erneut im Krankenhaus per Giftanschlag attackiert (S. 153; hatten wir das nicht auch schon einmal?). Und schließlich stirbt eine wichtige Zeugin und/oder Tatverdächtige im fernen Köln, die mit dem ersten Opfer Vaudel in enger Verbindung gestanden hatte, weil man sie zunächst offenbar einfach ignoriert (S. 131 ff.) und erst dann kontaktiert, als es nun wirklich zu spät ist (S. 359). Das alles zusammen wirkt reichlich aufgesetzt und erzählerisch unausgegoren. Diese Ambivalenz von Tiefgründigkeit und Oberflächlichkeit ist man jedoch von Fred Vargas ebenfalls schon irgendwie gewohnt.
So ist auch die erste wirkliche spannende Situation des Romans, in dem Adamsberg in seiner eigenen Wohnung auf den mutmaßlichen Serienmörder, den „Zerquetscher“, trifft und von ihm bedroht wird:

„Adamsberg stellte zwei Schalen auf den Tisch, Zucker, Brot, Butter, Konfitüre und Milch. Er hatte nicht die geringste Lust, unter den Kugeln dieses finsteren und, wie Josselin gesagt hätte, blockierten Kerls zu sterben. Noch ihn kennenzulernen. Doch reden und zum Reden bringen, das lernte man, noch bevor man schießen konnte. `Das Wort´, sagte der Ausbilder, `ist die tödlichste aller Kugeln, wenn ihr es schafft, mitten in den Kopf zu treffen.´ Er fügte hinzu, dass genau das sehr schwer sei, das Zentrum des Kopfes mit Worten zu erreichen, und wenn man danebenziele, schieße einen der Feind auf der Stelle nieder.“
(Fred Vargas: Der verbotene Ort, S. 198)

Nichts bei Vargas ist eindeutig oder direkt. Alles ist jeweils irgendwie vermittelt und umgeleitet durch irgendein obskures Moment im Hintergrund. Dazu gehören nicht zuletzt die Sprach- und Wortspielereien der französischen Autorin, die sich regelmäßig in den Vordergrund drängen und der Handlung ihre Eigenwilligkeit aufdrängen. Hier führen genau solche sprachlichen Details zur Aufklärung des Falls, so dass man sich rückblickend fast in einen simplen Whodunnit hinein versetzt fühlt. (Tja, hätte man beim Lesen einfach besser aufgepasst …)
Umgekehrt lässt dann oft doch wiederum ein einziger kluger Gedanke alles andere verblassen und den höchst ironischen Geist der Autorin aufblitzen. Vargas ist eine Erzählerin durch gedankliche Umleitungen. In ihren früheren Romanen funktionierte diese redundante Erzählmethode noch sehr gut, in der ständigen Wiederholung verliert das alles jedoch deutlich an Esprit, Überzeugungskraft und Spannung.

Verspürt man in „Der verbotene Ort“ so anfangs noch jenen fast erotischen und vielversprechenden Vargas-Touch, so baut der Roman danach über lange Strecken förmlich ab. Er ergeht sich in relativ unglaubwürdigen Einzelszenarien, die man in ihrem Ablauf und in ihrer Konstellation zudem schnell aus früheren Adamsberg-Romanen wiederzuerkennen vermag. Fast folgerichtig wird Adamsberg auch in diesem Roman wieder schicksalhaft von seiner Vergangenheit eingeholt wie schon in „Der vierzehnte Stein“. Erneut wird er von einem geheimen Widersacher in den eigenen Reihen der Polizei bedroht. (Entsprechend zahlreich sind vielleicht gerade deshalb die Fußnotenverweise auf frühere Romane.) Allein mit einem radikalen Ortswechsel – Adamsberg reist in der späteren Handlung mit einem eilig herbeibestellten Übersetzer und Reiseführer in höchster Not und fluchtartig quer durch Europa in ein kleines Dorf in Serbien – schwingt sich die reichlich konstruierte und mit einigen Widersprüchen behaftete Handlung wieder auf ein erträgliches und spannendes Niveau ein.
- - - Um dann allerdings in einem relativ platten und enttäuschenden Finale (und zurück auf französischer Erde) fein säuberlich den Täter, seine Mithelfer, seine Motive und die Hintergründe der Verbrechen zu präsentieren, die – wie sollte es auch anders sein? – tief, tiefer oder gar tiefst in die Vergangenheit der Protagonisten zurückreichen.
Fazit: Fred Vargas hat sicher noch einige Adamsberg-Romane in Planung. Doch bei all ihren bisher unbestätigten Absichten erscheint mir „Der verborgene Ort“ für ihren Helden doch fast wie eine unfreiwillige `Beerdigung erster Klasse´. Es knirscht hier mächtig im Erzählgebälk der Französin, u.a. weil sie zu den bisherigen Seltsamkeiten des Adamsberg-Universums nichts Entscheidendes hinzuzufügen vermag; – außer vielleicht einen mutmaßlichen zweiten Sohn des skurrilen Pariser Kommissars, den sie auf etwas fragwürdige Weise wie einen Hasen aus dem Zylinder zaubert. (Selbst Jean-Bernard Pouys legendäre Kuh Momone aus „Larchmütz 5632“ würde wohl denken: Das alles geht auf keine Kuhhaut mehr …)

Fazit für Eingeweihte: Plog!

[ hs/23.04.2009 ]
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