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Bacher, C. / Noller, U. / Rudolph, D.P. Krimijahrbuch 2009Ausführliche Inhaltsangabe:
Status: Vergriffen Preis: 12.90 EUR Unsere Meinung:„Der Krimi ist heute der Ort, um das Ungeheuerliche zu sagen.“
(Zitiert aus: Manfred Wieninger: Oh du mein Österreich. In: Christina Bacher u.a. (Hrsg.). Krimijahrbuch 2009, S. 152.) Das von Bacher, Noller und Rudolph u.a. nun schon im vierten Jahr herausgegebene Krimijahrbuch erweist sich auch in seiner neuen Bielefelder Verlagsheimat Pendragon als sehr nützlicher, aufschlussreicher und lesenswerter Begleiter durch den breiten und unübersichtlichen Strom der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Herausragend an dem Kompendium sind dieses Jahr vor allem Pieke Biermanns Übersetzer/innen-Schelte (untertitelt mit „Kleiner Steinhagel aus dem Glashaus“, S. 80-90) , dann der etwa 30seitige Schwerpunkt zum polnischen Kriminalroman und schließlich die wiederholte und dabei recht erfreuliche Akzentsetzung auf Jugendkrimis mit vielen Generationen übergreifenden Krimi-Empfehlungen für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Bemerkenswert ist darüber hinaus am Krimijahrbuch 2009 u.a. der Autoren-Schwerpunkt zu dem österreichischen Kriminalschriftsteller Manfred Wieninger. Diese „Hommage“ nimmt etwa 35 Seiten ein und lässt dabei u.a. in vier sarkastischen Texten den Autoren selbst in einer autobiographischen Skizze, einer kleinen Abhandlung über den „zeitgenössischen Krimi als letztes kritisches Korrektiv einer eskapistischen Gesellschaft“ sowie zwei erzählerischen Essays zu Wort kommen. Gefühlt ist das dann mit Thomas Wörtches erklärendem Begleitwort heuer der kritische Kern des Jahrbuchs. Wieninger selbst bringt pointiert einiges im Verhältnis Kriminalroman vs. Realität auf den Begriff, ohne gleichzeitig jedoch das schriftstellerische Pathos eines „hard-geboilten“ und gleichzeitig romantisch veranlagten Schriftstellers zu scheuen: „Ein guter Kriminalroman vermag es jedenfalls, die Welt in jedem Augenblick neu zu schaffen und einen silbernen Mond auf die große Traurigkeit zu wälzen, die Toten reden machen, das Rätsel zu stellen und das Rätsel zu lösen.“ (Zitiert aus: Manfred Wieninger: Oh du mein Österreich. In: Christina Bacher u.a. (Hrsg.). Krimijahrbuch 2009, S. 152.) Wieninger zieht so in seinem bitterbösem Essay „Oh du mein Österreich“ gnadenlos über die verdorbene und korrupte politische und gesellschaftliche Kultur der bedenklich nach rechts geschwenkten Alpenrepublik .AT her. Er weckt mit seiner Kritik im Ganzen Assoziationen zu historischen Situationen aus den 20er- und 30er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts, als sich der Durchbruch des genauso kranken wie menschenverachtenden Faschismus gerade an seinem erfolgreichen Anfang (Italien 1922) und seinem damaligen vorläufigen Erfolgsendpunkt vor Beginn der großen Katastrophe (Österreich 1938) letztlich in aller Brutalität abzeichnete. - Aber ist das nun schlicht austriakische Misanthropie und gesellschaftspolitischer Defätismus - oder mehr oder weniger begründete Kassandrie? Lesenswert sind gerade in diesem Zusammenhang allzumal Steffen Richters Betrachtungen zur italienischen Kriminalliteratur in seinem kleinen politischen Aufsatz „Im Zeichen des Berlusconismo“. Einen weiteren gesellschaftspolitischen und nicht minder bedenkenswerten Akzent setzen die recht aufschlussreichen und empfehlungsreichen Bemerkungen Anna Veronica Wutschels in ihrem „Streifzug durch die zeitgenössische südafrikanische Krimilandschaft“. Die Analyse in diesem Beitrag mag zwar kurz sein, dafür aber übersichtlich und triftig. Das Krimijahrbuch 2009 orientiert sich sehr am lesefreudigen und kritischen Krimifan, der tatsächlich nach grundsätzlicher Orientierung sucht. Glücklicherweise gestaltet sich das Buch dabei nicht als Verbandsorgan für alle Kriminalliteraturschaffenden (das würde sich für einen Verlag auch gar nicht lohnen), sondern bleibt seiner Linie doch noch weitgehend treu. So sind mithin auch die beiden erzählfreudigen Beiträge von den passionierten Krimisammlern Mirko Schädel und Josef Hoffmann durchaus ebenso aufschlussreich zu lesen wie die Erfahrungsberichte der beiden Krimiautoren Sebastian Fitzek (im Interview) und Peter J. Kraus, die recht offen über ihren Erfolg oder relativen Misserfolg auf dem deutschen Krimimarkt berichten. Womit sich der Rezensent auch im vierten Jahr des Krimijahrbuchs nicht so recht anfreunden kann, sind die wiederholten Beiträge der Herausgeber Noller und Rudolph zur Rückschau auf das Krimigeschehen des betrachteten Jahres, die in lockerer Dialogform gehalten sind. Hier wird munter gekalauert und buchstäblich wie im Internet „gebloggt“. Dabei entstehen eher launige Schlaglichter, als dass sich ein Gefühl des lesenswerten und informativen Dialogs einstellen würde. (Sokrates z.B. würde angesichts der tendenziellen Logorrhoe der Dialogisierenden jenen wohl sehr schnell die Windeln wechseln!) Das alles mag zwar dem einen oder anderen durchaus noch großen Spaß bringen, tut’s bei mir aber trotz wiederholter Lektüre so ganz und gar nicht. Nicht ganz dumm das Ganze, aber auch einfach doch nur irgendwie albern. Auf meiner in Gedanken gefühlten Negativliste zu diesem Krimijahrbuch sind dann schließlich nur noch etwa drei, für den Moment vielleicht nicht ganz so schwer ins Gewicht fallende Dinge, die gleichzeitig als Anregungen dienen sollen: 1.) Eine - wie auch immer geartete – Jahresbibliographie der deutschen Kriminalliteratur täte sich wohl jeder eingefleischte Krimifan oder Sammler wünschen. Natürlich würde dies das Jahrbuch so ziemlich und auf ca. 50 zusätzliche Seiten aufblähen. Aber dadurch hätte man ein wirkliches Kompendium zur Hand, dass nicht nur spekulativ und durch Meinungen wirkt, sondern das Krimigeschehen auch entsprechend nachweist. (Ein Autor des Jahrbuchs, Mirko Schädel, wird mir da, wenn er dies liest, womöglich eifrig zunicken.) – Nun wirkt diese Forderung im Internetzeitalter, wo Inhalte massenhaft irgendwo irgendwie einstehen, vielleicht ein wenig absurd. Aber „editiert“ der Pendragon Verlag nun ernsthaft Inhalte, oder vermarktet er schlicht wie alle anderen nur möglichst optimal Texte; - oder böse (und wohl ungerecht) gesagt nur möglichst profitorientiert „Content“? (NEIN!) 2.) Viele der hier veröffentlichten Texte wurden bereits an anderen Orten veröffentlicht, ob im Internet oder in diversen Zeitschriften. Diese schlichte Tatsache ist vor allem für den eingefleischten Krimifan ein wenig ärgerlich, der sich ohnehin genauestens orientiert und dem viele der Beiträge dadurch meist bereits bekannt sind. Editorisch bleibt betrüblich, dass dies im Buch nicht durch entsprechende Publikationshinweise hinreichend offengelegt wird. 3.) Meiner Meinung nach darf in einem ernstzunehmenden „Krimijahrbuch“ kein – wie auch noch so gearteter - Überblick über die amerikanische, britische oder auch französische Kriminalliteratur fehlen. Dies sind traditionell die bestimmenden Länder und der Maßstab für das Genre. Wenn man will und kann, zählt man dazu derzeit gut und gerne noch „Skandinavien“ dazu. Auf Dauer ist das unentbehrlich. Insgesamt wäre hier weit doch mehr Systematik und editorischer Drang zur Chronistenpflicht wünschenswert. Ähnliches gilt übrigens für die Darstellung, Bewertung und Einordnung der bekannten Krimipreise (Edgar, Shamus Ward ... bis hin zum Deutschen Krimipreis, Glauser etc. pp.). Das Buch bietet hier 2009 dazu im weiteren Sinne nur seltsame marketinggeprägte Texte zu Krimifestivals in der beschaulichen deutschen Provinz. Nett, aber im übergreifenden Kontext wirklich nicht so relevant, dass dies gleich zwei gesonderte, ausführlichere Beiträge erforderlich macht!? Insgesamt erschienen mir die vorangegangenen Krimijahrbücher (vormals beim Nordpark Verlag angesiedelt) um einiges profunder, vielseitiger und auch informativer. Daran hatte ich als Interessierter durchaus zu nagen. Das „Krimijahrbuch 2009“ arbeitete ich demgegenüber relativ schnell durch. Ich erkenne aber durchaus an, dass hier zwecks Abverkaufs offenbar ein unterhaltsameres, weniger theorielastiges Konzept verfolgt wurde. Ich ließ es mir ja auch gefallen ... - Meine wenigen Eselsohren und Merkpunkte sind für mich 2009 so andererseits auch schnell und leicht wiederzufinden. Darum verwundert mich auch nicht, dass ich nach der Erstlektüre auf dieses Krimijahrbuch wohl kaum noch einmal werde zurückgreifen müssen. Dazu fehlte mir u.a. zu sehr die bisher so geschätzten Überblicke wie Thomas Przybilkas ausführlichen Tipps zur Sekundärliteratur oder den eigentlich unentbehrlichen Blick auf Film und Fernsehen. Fazit: Auch das Krimijahrbuch 2009 bleibt insgesamt aufschlussreich, lesenswert und „gut“. Und seine grundsätzliche Leistung zur Beförderung und Orientierung in der Kriminalliteratur ist kaum gering zu schätzen. Dennoch kann das aber alles noch viel besser werden! [ hs/30.03.2009 ]
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