Titel: Lemmings Zorn

Slupetzky, Stefan Lemmings Zorn

An einem Maitag spaziert der Lemming mit seiner hochschwangeren Klara durch die Straßen Wiens. Plötzlich setzen die Wehen ein, viel zu rasch, um noch das Krankenhaus zu erreichen.
Wie von Gott gesandt taucht eine fremde Frau auf, Angela, und hilft bei der Geburt. Angela wird bald zur besten Freundin und Babysitterin des kleinen Ben. Bis zum Weihnachtsabend, an dem der Lemming die zwei auf dem Bett findet: Ben springlebendig, Angela tot.

"Hammett"-Krimi des Monats Juli 2009

Autor: Slupetzky, Stefan
Titel: Lemmings Zorn
Jahr: 2009-04
Seiten: 301 | Taschenbuch
Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-499-24889-4
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Nein, nein, ich höre / Nicht länger von ferne / Den Lärm mit Geduld."
(Johann Wolfgang von Goethe; in "Lemmings Zorn" dem Roman vorangestelltes Motto)

"Das Leben ist lauter als der Tod."
(Zitiert nach: Harald Martenstein, Eine Brücke und das Recht der Jugend. In: Der Tagesspiegel vom 14.06.2009, S. 1)

Furios, dieser Detektivroman. Furios. Und im lakonischen Ton des österreichischen Krimi-Anarchisten Wolf Haas möchten einem fast folgende sechs Worte über die Lippen gehen:
"Jetzt ist schon wieder was passiert."

Wien an einem heißen Mainachmittag. Die Sonne knallt aufs Pflaster und heizt die enge Stadt aus Stein erbarmungslos auf. Die Straßen sind verlassen und fast scheint es so, als würden diese nur auf ein außergewöhnliches Ereignis warten, dass die gespenstische Ruhe durchbricht.
In dieser Szenerie spaziert der unterbeschäftigte Privatdetektiv Leopold Wallisch, genannt Lemming, mit seiner hochschwangeren Frau Klara durch die Straßen und Gassen der Stadt, als bei ihr plötzlich die Wehen einsetzen und die Fruchtblase platzt. Das ist nicht gerade die Situation, die sich werdende Eltern wünschen, und deshalb sucht Lemming verzweifelt nach Hilfe, was sich trotz der Großstadtstraßen durchaus als schwierig erweist. Doch dann taucht da wie ein Schutzengel eine fremde Frau auf, schafft die werdenden Eltern in ein naheliegendes Kloster und hilft tatkräftig mit, dass bei der überstürzten Geburt alles den geregelten Gang eines neugeborenen Lebens nimmt.

Die wie vom Himmel gesandte Helferin und geheimnisvolle Fremde heißt sinnigerweise Angela. Und in den Tagen, Wochen und Monaten nach der Aufregung der abenteuerlichen Geburt entpuppt sie sich bald als beste Freundin der jungen Familie.

Bis zum Weihnachtsabend. Denn da ist Angela tot. Aber nicht einfach so. Lemming hat ihr wegen einem heimischen Wohnungschaos und trotz vieler Gewissensnöte für ein paar Stunden seinen Sohn Ben anvertraut und zu ihr nach Hause gebracht. Angela war ihm bis dahin aus verschiedenen Gründen zwar immer ein wenig unheimlich geblieben, aber er konnte ihr auch nie vergessen, wie sie bei Bens Geburt zur rechten Zeit so ganz entschieden am richtigen Ort gewesen war. Als er dann jedoch seinen Sohn später wieder bei ihr abholen will, findet er Angela nach einem mysteriösen Ablauf von Ereignissen tot in ihrem Wohnzimmer vor. Sein Sohn erweist sich dagegen nach fürchterlichen Momenten des Zweifels als quicklebendig. Doch was eigentlich ist hier genau passiert?

Bei den darauf einsetzenden Kriminaluntersuchungen trifft Lemming auf "alte Bekannte" aus seiner Zeit als Wiener Polizist. Die erste Einschätzung des legendären Polivka, der den Tatort begutachtet und dem Lemming in seinen längst vergangenen polizeilichen Zeiten nie persönlich begegnet ist, lautet dann allerdings sarkastisch:

"Was ein Mord is, das bestimmen immer no die Profis. Also wir. Und wenn das ein Mord war ... ", er deutet auf Angelas Leiche, "dann is die Onanie a Stellung beim Geschlechtsverkehr."
(Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn, S. 51)

Für den Lemming stellt sich die Sache allerdings nicht ganz so eindeutig dar. Und nach einigem hin und her findet er dann auch heraus, dass Angela unter mysteriösen Umständen womöglich Opfer eines Giftmordes geworden ist. Spätestens da kann Lemming gar nicht anders, als diesem heiklen Fall selbst nachzugehen, obwohl ihn und seine junge Familie gerade die eigenen Wohnungssorgen und die Machenschaften eines Wiener Miethais plagen. Immerhin scheint der Tod Angelas irgendwie auch als düstere Bedrohung über seinem Familienglück zu schweben. Womit er übrigens letztlich keinesfalls so falsch liegt ...

Hier muss die wohlwollende Nacherzählung naturgemäß stoppen, denn wir haben es immerhin mit einem Kriminalroman zu tun, der seinen inneren Antrieb (die Taten, die Motive und die Hintergründe) i.d.R. ja keinesfalls von Anfang an preisgibt. Zudem hat Stefan Slupetzky hier nicht einfach einen weiteren Detektiv- oder Kriminalroman abgeliefert, sondern eine aberwitzige Tragikomödie vom Brüllen, Tosen, Lärmen und von der Gewalt der Großstadt und den gequälten Menschen, die sich darin buchstäblich fühlen wie in der Vorhölle. Auch hierbei gibt es Täter und Opfer. Und mit einem gleichzeitig so erstaunlichen Furor wie in überraschend feinen Nuancen arbeitet er quasi nebenbei den alltäglich erlebbaren Wahnsinn irrer Metropoliten heraus:

"Der ältere Herr scheint zu telefonieren. Man kennt das mittlerweile zu Genüge: Winzige Sender, im Ohr verborgene Drähte, und schon vermeint man, von lauter Verrückten umgeben zu sein, von Irren, die wild gestikulierend durch die Stadt laufen und Selbstgespräche führen. Monologe über Beziehungskrisen, Großwetterlagen und Aktienkurse, laut genug, dass man noch zwei Straßen weiter jedes Wort mitschreiben kann. Die Behauptung dieser Irren, mittels virtueller Kabel mit anderen Irren verbunden zu sein, bleibt letzten Endes unbeweisbar. Sie hören Stimmen, das muss genügen. Es ist eine gute Welt, um darin den Verstand zu verlieren: Man kann immer noch sagen, man telefoniert."
(Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn, S. 137)

In vielerlei solchen Passagen legt Slupetzky einen so verdeckten schwarzen Humor an den Tag, dass dieser wirkt wie die Ahnung von einem alles- und endgültigen Sonnenuntergang. (Zumindest bis zum Tinnitus.) Was seine gar so heftige Kritik an der allgemeinen Kakophonie heutiger Großstädte mit der Handlung zu tun hat, werden wir hier natürlich ebenfalls nicht verraten. Dennoch stellt sich dieses Motiv immer wieder als eindeutige Erzählabsicht in den Vordergrund der Handlung. Dazu noch eine Kostprobe:

"Noch knapp vier Tage bis zum Jahreswechsel, und die Stadt riecht schon nach Krieg. In ihren Häuserschluchten hängt der beißende Gestank von Schießpulver.
Seltsam, diese Lust zum Knallen, Böllern Detonieren, dieses Schwelgen im Schlachtengeknatter, diese kollektive Ekstase, fast so, als versänke ganz Wien in sphärisch-sinfonischen Walzerklängen. Dass das konzertierende Orchester aus einer Armee betrunkener Sprengmeister und Pyromanen besteht, scheint dabei nicht von Belang zu sein."
(Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn, S. 204)

"Lemmings Zorn" ist ein gerechter. Das Buch strotzt nur so von genauso skurrilen wie bedenkenswerten Ansichten. Slupetzky gelingt es auf ganz erstaunliche Weise, die Verbindung zwischen dem oft unbeachteten menschlichen Leiden Einzelner und dem darin innewohnenden Potenzial an Gewalt und Verbrechen herzustellen. - Und dabei erscheint einem das Böse wie der maximale Pegel am monströsen 1000-Watt-Verstärker und das Gute wie die Ruhe eines schlafenden Babys vor dem Sturm.

Fazit: Unsererseits verdient dieser Kriminalroman "Hors catégorie" eine absolute Empfehlung. Vor allem den Fans von Wolf Haas, Heinrich Steinfest und Fred Vargas sei dabei angeraten: Schaut da unbedingt mal rein! (Falls nicht schon geschehen.)

Im Übrigen meinen wir noch: "Lemmings Zorn" erscheint uns als absolut krimipreisverdächtig!


P.S.: Sehr geehrter Herr Slupetzky! Zuletzt möchte ich Ihnen für Ihre so überaus wahren Worte zum Silvester-Wahnsinn noch persönlich danken. Und ich werde zum Jahreswechsel 2009/2010 mit einigen durchaus großstadterprobten Freunden irgendwo in der niedersächsischen Pampa ganz sicher darauf leise anstoßen. Was für Wien gelten mag, das gilt hier umso mehr noch für Berlin, wo man sich um den 31.12. herum immer ein wenig in die "bombastischen" Kriegsjahre 1942-1945 zurückversetzt fühlen mag.

[ hs/01.07.2009 ]
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