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Pattison, Eliot Der tibetische VerräterOriginaltitel: The Lord of Death Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild Shan hat es in die höchsten Berge verschlagen. Hier verdingt er sich als Bergführer, doch in Wahrheit hat er nur ein Ziel: Er will seinen Sohn sehen, der hier in dem gefährlichsten Lager Tibets interniert ist. Auf dem Weg zum Camp findet er ein verunglücktes Auto. Eine tote Chinesin liegt mit einer Schusswunde hinter dem Steuer, die Beifahrerin, eine blonde Ausländerin, stirbt in seinen Armen. Shan wird festgenommen. Als er schon fürchtet, man werde ihn des Mordes verdächtigen, kommt er frei. Da es sich bei der toten Chinesin um eine wichtige Politikerin handelt, hat man schnell einen Schuldigen gefunden: Oberst Tan, der Mann, der Shan einst verhaftete und der als Einziger seinen Sohn retten kann. Shan Tao Yun Bd.6.
Status: Vergriffen Preis: 19.95 EUR Unsere Meinung:"Früher waren alle seine Nachforschungen geradlinig verlaufen. Ein Indiz führte zum nächsten und die Kette von Indizien zur Wahrheit. Seit er jedoch in Tibet war, glichen seine Fälle riesigen thangkas, den religiösen Stoffgemälden, auf denen sich Gottheiten, leidende Menschen und schützende Dämonen überlagerten. Sogar unterschiedliche Welten konnten sich vermengen, und die Verbindungen untereinander waren oft genug nicht durch konkrete Ereignisse bestimmt, sondern vielmehr durch Erwartungen und Hoffnungen und durch ein Zurückreichen in andere, frühere Leben." (Eliot Pattison: Der tibetische Verräter, S. 219 f.) Shan Tao Yun, der ehemalige Pekinger Strafermittler, der für seine "Aufmüpfigkeit" gegenüber der höchsten Politbürokratie jahrelang als Gulag-Häftling leiden musste, steht vor einer weiteren schweren Prüfung: Sein schwer straffälliger Sohn wurde in Tibet in ein chinesisches Konzentrationslager am Fuße des Mount Everest verbracht, das für seine brutale Methoden berüchtigt ist. Verantwortlich dafür ist sein Erzfeind Tan, der seit Shans Tagen im Gulag danach trachtet, seine Existenz zu zerstören, wobei Shans und Tans Schicksale zuvor schon oft eng miteinander verknüpft waren. Auch jetzt ist es so: Nur Tan kann verhindern, dass Shans Sohn in den Sondertrakt des KZs verlegt wird, was für diesen den sicheren Tod bedeuten würde. Deshalb ist Shan auch den Spuren seines Sohnes bis zu den höchsten Massiven des Himalaja-Gebirges gefolgt, um ihn vor diesem Schicksal retten zu können. Um sich in der Nähe seines Sohnes aufhalten zu können, verdingt er sich als Helfer des windigen Geschäftsmannes Tsipon, der mit Duldung der chinesischen Regierung für westliche Bergsteiger und Touristen eine zentrale Versorgungsstation am Fuße des Mount Everest aufgebaut hat, was auf Dauer ein großes Geschäft verspricht. Shan hat hier nun die makabre Aufgabe, mit einem Maultier all die toten Bergsteiger aus den Gebirgsmassiven des Mount Everest herauszuschaffen, womit auch die ortsansässige Bevölkerung beruhigt werden soll, die sich um ihren heiligen Berg Chomolungma sorgt. (Chomolungma = tibetisch für Mount Everest.) Eines Tages stößt Shan auf einer seiner Touren auf eine Unglücksstelle, an der er zwei Frauen mit tödlichen Schusswunden vorfindet. Es sind eine Amerikanerin und eine Chinesin, die hier offenbar ermordet wurden. Die Chinesin stellt sich später pikanterweise als die chinesische Tourismusministerin Wu heraus. Fast zeitgleich entfliehen nicht weit von diesem Tatort entfernt mehrere tibetische Mönche aus einem Gefängnistransport, was die Situation noch prekärer macht. Ein Riesenskandal liegt in der Luft, so dass die chinesischen Behörden sofort reagieren müssen und es auch tun: Shan wird auf Verdacht hin gleich festgenommen und zwecks Schuldeingeständnisses gefoltert. Doch noch schlimmer trifft es ihn, als kurze Zeit später statt ihm General Tan des Mordes an den Frauen verdächtigt wird. Die Tourismusministerin wurde nämlich mit dessen Pistole erschossen. Nun ist Tan allerdings der einzige Mann, der ihm helfen könnte, seinem Sohn das Leben zu retten. So muss Shan auf Gedeih und Verderb mit seinen eigenen Ermittlungen beginnen, wobei schnell klar wird, dass in dem genauso widersprüchlichen wie komplizierten Fall nicht nur die unmittelbare Gegenwart, sondern auch eine fast schon vergessene Vergangenheit eine große Rolle spielen ... Nach zwei Jahren Pause seit "Der Berg der toten Tibeter" (2007) und einem etwas unglücklichen Zwischenspiel mit einem kriminalistisch angehauchten Abenteuerroman aus der amerikanischen Kolonialzeit ("Das Ritual", 2008) kehrt Eliot Pattison zu seinem schriftstellerischen Alter Ego Shan Tao Yun zurück. Und mit seinem sechsten Tibet-Roman "Der tibetische Verräter" gelingt es Pattison tatsächlich auf recht eindrucksvolle Weise, seine Shan-Saga fortzuschreiben. Etwas unglaubwürdig wirkt es allerdings schon, wie Shan sich auch hier wieder aus hoffnungsloser Situation befreit und danach als genauso selbstbewusster wie genialer Ermittler zu agieren vermag. Mit genauer Beobachtungsgabe und vor allem mit viel Einfühlungsvermögen versucht er erneut den Hintergründen und den Hintermännern eines Verbrechens systematisch auf die Spur zu kommen. Das würde sich im Grunde alles wie ein konventioneller Whodunnit lesen, wenn Pattison da nicht seine bewährte exotische Hintergrundszenerie aufbauen könnte. Die geisterumwobene Religion und Mythologie Tibets sind die Nebelkerzen, die er bis zur endgültigen Auflösung seiner Fälle immer wieder zünden kann. Daran ermüden die Leser nur deshalb nicht, weil Pattison sehr kundig über die gesellschaftliche Situation und die Kultur Tibets unter der brutalen chinesischen Besatzung zu berichten weiß. Und dass ihm dies nicht zu oberflächlich oder politisch eindimensional gerät, hat er mit dem Chinesen Shan als geradezu klassischem Ermittler und seiner Faszination und Sympathie für Tibet eine ideale Figur gefunden. Aus der Vergangenheit Shans heraus wird das (reelle!) korrupte und verbrecherische Regime in Peking im Grunde genauso konterkariert wie die archaische und mythologische Kultur Tibets durch Shans ermittlerischen Rationalismus, - denn es liegt nahe, das diese niemals lebendig in der Moderne ankommen wird, wenn sie zum Überleben allein auf ihre uralte Tradition und Religion baut. Dabei scheinen den Lesern von Pattison die einfachen Formeln China = das Böse, Tibet = das Gute immer wieder holzschnittartig nahegelegt. Doch diese Lesart wäre zu einfach. Denn mitunter scheint der tibetische Freiheitskampf, den Pattison mit so viel Verve mit den Mitteln des Kriminalromans schildert, genauso notwendig wie aussichtslos. Tradition und Moderne sind hier in ihrem zerstörerischen Widerstreit tragischerweise in keine neue, gesellschaftlich tragfähige Zukunft gerichtet. (So spielt auch in "Der tibetische Verräter" vor allem die Vergangenheit der Widerstandsbewegung um den Dalai Lama und die totalitäre Raserei der maoistischen Roten Garden eine entscheidende Rolle.) Andererseits erkennt man in Pattisons Darstellung der chinesischen Besatzer eine solche Zerrissenheit und tiefgreifende Modernisierungskrise, dass man durchaus erahnen kann, wie viel politische und gesellschaftliche Sprengkraft in "Zentralchina" nicht nur das Minderheitenproblem, sondern auch die unnachgiebige Starrheit des kommunistischen Regimes noch entfalten wird können. Genau darüber aus Pattisons Warte noch mehr zu erfahren, das wäre übrigens sicher sehr aufschlussreich. Seine Figur des Shan ist nun bei allem buchstäblich ein Außenseiter, der die prekären und gewalttätigen Grenzziehungen seiner Gesellschaft einerseits, die Kraft des tibetanischen Buddhismus andererseits und schließlich die Bedingungen seiner zerrissenen Existenz unter größten Entbehrungen erfahren muss. (Kaum ein Ermittler der Kriminalliteratur war bisher so vielfältig den erbarmungslosen Bedingungen seiner existenziellen Situation ausgeliefert.) Shan ist ständig auf der Flucht, und es droht ihm das Schicksal, niemals und nirgendwo ankommen zu dürfen: "Bereits vor Jahren war ihm klargeworden, dass er nur auf diese Weise überleben würde – indem er sich nirgends zu lange aufhielt, sich immer an der Peripherie bewegte, nicht ins Visier der Regierung geriet." (Eliot Pattison: Der tibetische Verräter, S. 198) Wohin soll das führen? - Nach diesem sechsten Teil der Shan-Serie überkommt einen deshalb das Gefühl, dass die Saga bald zu ihrem abschließenden, (hoffentlich) grandiosen Höhepunkt gelangen muss, um in den kommenden Fortsetzungen nicht in reinen Wiederholungen oder in vollkommener Beliebigkeit zu erstarren. Diese Chance, den Gipfel und einen Fluchtpunkt aus seinem gigantischen Romanzyklus zu erreichen, hat Pattison hier in diesem Roman noch auf bemerkenswert schmalen 364 Seiten verstreichen lassen, - obwohl der Mount Everest und die Fluchtmöglichkeiten in das grenznahe Nepal für seinen Helden Shan hier doch buchstäblich so nahe lagen ... Fazit: Wir warten also gespannt auf ein Finale Furioso! [ hs/27.08.2009 ]
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