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Nesboe, Jo KakerlakenOriginaltitel: Kakerlakkene
Unsere Meinung:"... Tonje Wiig war das absolute Gegenteil zur Empfangsdame. In einem länglichen Gesicht rangen Nase, Mund und Augen um die Vormachtstellung und die Nase schien den Sieg davonzutragen. Sie erinnerte an knotiges Wurzelgemüse, sorgte aber wenigstens für einen gewissen Abstand zwischen den großen, massiv geschminkten Augen. Aber Fräulein Wiig war nicht richtiggehend hässlich, manche Männer behaupteten sicher, sie hätte eine gewisse klassische Schönheit ..."
(Jo Nesboe, "Kakerlaken", S. 77) Für solche Textpassagen voller Beobachtungsgabe und Erzähllust lieben wir den ambitionierten norwegischen Autoren Jo Nesboe, von dem nun - außerhalb der bisher veröffentlichten Reihenfolge - der zweite Roman seiner Harry Hole-Serie auf Deutsch herausgekommen ist. "Kakerlaken" ist dabei nur vordergründig ein Kriminalroman um die schmutzigen Sex-Geschäfte in der boomenden Fernostmetropole Bangkok, die Sex-Touristen und vor allem Pädophile und Kinderschänder anzieht wie das Licht die Motten. Oder sollte man eher dem Titel des Romans folgen und sagen: Wie der Unrat die Schaben (die Kakerlaken)? Allerdings muß Harry Hole während seinem Sonderauftrag, zu dem ihm sein Osloer Polizeichef und das norwegische Außenministerium nach Thailand geschickt haben, vor Ort noch viel tiefer wühlen, um im Dreck von Korruption und Gewalt den zwielichtigen Mord an dem dortigen norwegischen Botschafter, Atle Molnes, aufzuklären. Hatten schon die Erlebnisse seines ersten Auslandsauftrags in Australien (vgl. Teil 1 der Serie: "Der Fledermausmann"/ OT: "Flaggermusmannen" von 1996) Harry bis ins Mark erschüttert, so steht er nun hier erneut vor einer quasi existenziellen Herausforderung. Wie wird er da unter dem vielfältigen Druck der heimischen Auftraggeber, der genauso fremden wie exotischen Welt Thailands und der Komplexität des aufzuklärenden Mordfalls bestehen? (Auch vor dem Hintergrund seiner früheren traumatischen Erlebnisse, die ihn in einen Strudel von Alkohol und anderen Drogen hineingerissen haben.) Fast zwangsläufig schafft sich der norwegische Polizist in diesem fremdländischen Umfeld bald Feinde, denn die Mächtigen Bangkoks dulden nicht einfach so den Eingriff von außen in ihre "inneren Angelegenheiten": Liz schob die Pistole zurück ins Halfter. "Ich glaube, er mag dich nicht", sagte sie und deutete auf die Essstäbchen, die senkrecht im Reis steckten. "Ach ja?" "Das ist ein altes thailändisches Zeichen, dass er deinen Tod wünscht." "Dann muss er sich hinten anstellen." (Jo Nesboe, "Kakerlaken", S. 157) Liz Crumley, zuständige Bangkoker Kommissarin mit illustrem US-thailändischen Hintergrund, hilft Harry Hole - wie man hier sieht - über einige Ermittlungsschwierigkeiten hinweg. Und in dieser beinahe klassischen Paarkonstellation erzählt Jo Nesboe seine düstere Geschichte über weite Strecken derart herzerfrischend und mit einer solchen Coolness und Souveränität, dass einen die Atmosphäre des Romans förmlich gefangen nimmt. (Na ja, ich zumindest ertrug die unglücklich erzwungenen drei Lesepausen nur leidlich.) Doch bei allem Lob für diesen Krimi macht den Kritiker schließlich nicht nur das Ende des Romans mit seinem schrillen und abgründigen Showdown doch noch etwas stutzig. Einerseits werden da auf die ganze Strecke betrachtet leider Übersetzungs- und Lektoratsfehler augenfällig, die da als veritable Stilblüten auftreten, andererseits mag man das akute Thema Kinderpornographie und Sextourismus, das Nesboe hier aufgreift und an dem er letztlich genauso reißerisch wie elegant vorbeilaviert, nicht ganz verdrängen. Fraglos eine makabre Stilblüte stellt es dar, wenn die siebzehnjährige Tochter des ermordeten Botschafters zunächst als atemberaubende junge Badeanzug-Schönheit beschrieben wird, die einen entscheidenden Makel mit schrecklichem Hintergrund hat: "Aus ihrer linken Schulter ragte ein dünner Armstumpf, der ihrem Körper bei seinem Schraubensalto eine seltsam asymmetrische Form gab - wie ein Flugzeug, dem man einen Flügel abgeschossen hatte." (S. 87) - Doch wie hat man sich das vorzustellen, wenn der freakige Backfisch etwa 110 Seiten später folgendermaßen zur Tat schreitet: "Sie tauchte direkt unter ihm auf, legte ihre Hände [sic!] um seinen Nacken, zog die Knie an und stieß sich am Beckenrand sanft ab. Er war total unvorbereitet, verlor die Balance und seine Hände stießen auf glatte, nackte Haut, als er mit ihr unter sich ins Wasser glitt." (S. 197) Die erotische Einlage gerät hier zur unfreiwilligen Komik, vor allem weil die Lolita offenbar etwas am Beckenrand vergessen hatte: "Ihre Kleider und die Armprothese lagen in einem Haufen auf einer Liege." (Siehe ebenda und kurz davor.) Da der Kritiker und seine Freunde des Norwegischen unkundig sind und auf die deutsche Übersetzung zählen müssen, staunte man insgesamt noch über einige weitere Details, die mit einer etwas sorgfältigeren Bearbeitung mühelos zu vermeiden gewesen wären. Spitzfindigkeiten? - Nein, eben nicht! Denn Nesboe lässt seinen Roman hier insgesamt in einem recht heiklen Themenfeld spielen. Das geschieht aber offensichtlich vor allem deshalb, um Spannung zu erzeugen (und nicht etwa gleichzeitig . . . - z. B. Problembewußtsein). - "Man" muß kein/e passionierte/r Krimileser/in sein, wo ein/e solche/r womöglich weit Schlimmeres gewohnt ist, um sich hier dennoch gleichzeitig mehr Sorgfalt zu wünschen! Daß der Roman und sein Autor diese Gratwanderung trotz allem ohne größeren Absturz überlebt haben, zeugt letztlich von beider Qualitäten. Und daß Nesboes Held Harry Hole am Ende des Romans dennoch auf seine Weise einen extremen Absturz erlebt, das wissen alle seine Serienleser (die natürlich die früher erschienenen Nachfolgeromane kennen) natürlich schon längst, gleichwohl gibt es dem Roman noch zusätzlich einen schwarzen Anstrich . . . Fazit: Jo Nesboe erscheint uns zusammen mit Autoren wie Arne Dahl derzeit als einer der innovativsten skandinavischen Kriminalautoren. Trotz aller verzeihbaren Schwächen hat er auf jeden Fall etwas zu sagen und zu erzählen, und er tut das mit einer bemerkenswerten erzählerischen Lust! [ hs/03.03.2007 ]
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Krimi-Specials
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