Titel: Mörderischer Abschied

Box, C.J. Mörderischer Abschied

Originaltitel: "Three Weeks to Say Goodbye" (St. Martin’s Minotaur: New York 2009)
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Liesen

Es schien das vollkommene Glück. Mit ihrer Adoptivtochter Angeline hatten die McGuanes endlich das lang erhoffte Kind. Doch neun Monate später geschieht das Unvorstellbare. Der leibliche Vater will das Kind zurück. Durch einen damaligen Protokollfehler steht ihm dies rein rechtlich auch zu. Schon bald entbrennt ein grausames Machtspiel. Als die McGuanes den wahren Hintergrund hinter der Rückgabe des Kindes zu kennen glauben, eskaliert die Lage.

Autor: Box, C.J.
Titel: Mörderischer Abschied
Jahr: 2009-06
Seiten: 414 | Taschenbuch
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43408-0
Preis: 8.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Meiner Meinung nach passieren solche Dinge, weil wir alles Behörden und Anwälten überlassen. Wenn eine ganze Gesellschaft nichts mehr von persönlicher Verantwortung wissen will, kommt es zu solchen Situationen."
(C.J. Box: Mörderischer Abschied, S. 356)

Schon in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman "Stumme Zeugen" ließ C.J. Box zwei offenbar grundlegende Motive seines Schreibens erkennen: Auf der einen Seite beschreibt er die Situation unabhängiger und freiheitsliebender Menschen, die unverschuldet in gefährliche Situationen geraten oder Opfer von Verbrechen werden, zum anderen ist da eine durch und durch korrumpierte Gesellschaft mit einem eher bedrohlichen als hilfreichen Polizei- und Justizapparat. Nun ist C.J. Box alles andere als ein "linker Intellektueller", der mit seinen Kriminalromanen auf eine radikale Gesellschafts- oder Systemkritik abzielen würde. Er spürt vielmehr die zermürbenden Alltagssituationen von Durchschnittsmerikanern auf und beschreibt genauso eindrucksvoll wie bedrückend, wie sich daraus menschliche Katastrophen entwickeln können.

Doch diese allgemeine Beobachtung rührt auch in "Mörderischer Abschied" noch nicht am Kern seiner "schriftstellerischen Philosophie". C.J. Box ist, wie auch seine Helden in den beiden genannten Romanen, im Grunde ein aufrechter und "patriotischer" Naturbursche aus dem wildromantischen Wyoming, einer unendlich weiten Landschaft, in der sich gerade einmal soviel Menschen versammeln wie in einer kleinen deutschen Millionenstadt. So beschreibt er in seinem Roman mithin einen tief empfundenen gesellschaftlichen Konflikt zwischen wild wuchernden amerikanischen Großstädten, unkontrollierbaren Migrationsbewegungen und der prekären "Zurückgebliebenheit" vieler amerikanischer Landregionen, für die sich das Großstadtleben wie Sodom und Gomorrha ausnehmen muss. (Nicht zuletzt scheinen dabei Box die heutige Situation von Familien und vor allem deren Kinder am Herzen zu liegen. Denn wie im deutschsprachigen Vorgängerroman spielt auch hier wieder der erbitterte Kampf um Kinder bzw. um ein Kind eine zentrale Rolle.)

Allerdings gelingt es Box in "Mörderischer Abschied" leider nicht, wie zuvor in "Stumme Zeugen" diese Konfliktlage zu einer glaubwürdigen und nachvollziehbaren Geschichte auszubauen. Dort ging es um korrupte Polizisten aus der Millionenstadt Los Angeles, die in der tiefen Provinz von "Blue Heaven" in Wyoming nicht von ihren alten dunklen Geschäften lassen konnten. Auch in "Mörderischer Abschied" gibt es fragwürdig handelnde Polizisten, aber in einem ganz anderen Sinne. Und hier sind es zudem drei Freunde, die einst aus der Provinz umgekehrt losgezogen waren, um in den großen Städten ihr Glück zu machen. In Denver / Colorado sind sie gelandet und treffen sich wieder. Dies jedoch unter sehr ungünstigen Vorzeichen.

"Ich lächelte bitter. Auch Selbstjustiz konnte in einer Katastrophe enden."
(C.J. Box: Mörderischer Abschied, S. 356)

Jack und Melissa McGuane, ein noch junges Paar (er Tourismus-Manager, sie ehemalige Hotelmanagerin), haben sich immer ein Kind gewünscht. Was bis dahin nicht klappte, erfüllte sich dann über die Adoption der kleinen Angelina. Doch nach neun Monaten des Familienglücks wird ihnen mitgeteilt, dass es dem leiblichen Vater des Kindes durch einen juristischen Formfehler erlaubt ist, das Kind zurückzufordern.
Garrett Moreland, ein genauso unreifes wie offenbar psychopathisches Anwaltssöhnchen, tut das auch. Unterstützt von seinem Vater, einem überaus einflussreichen Bundesrichter in Colorado. Die McGuanes tun in der Folge alles, um ihre Adoptivtochter zu behalten. Die Morelands scheinen ihnen etwas entgegenkommen zu wollen, indem sie der "gegnerischen" Familie zunächst drei Wochen Schonfrist und Bedenkzeit zur gütlichen Einigung einräumen.
Dann spitzt sich die Situation allerdings zu, als klar wird, dass Moreland Jr. sich in schwerstkriminellen Kreisen bewegt und sein mächtiger Vater seine schützende Hand über ihn hält.
Bleibt die Frage: Weshalb fordert die fragwürdige Sippe nach eigentlich geklärten Adoptionsverhältnissen und nach so langer Zeit Garretts ungewollte Tochter zurück? - Die McGuanes sind verzweifelt und schöpfen erst Hoffnung, als ihre beiden durchaus einflussreichen Freunde Cody und Brian sich dem Fall und den möglicherweise vorhandenen dunklen Flecken in der Familiengeschichte der Morelands annehmen wollen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf ...

C.J. Box hat sich meiner Meinung nach mit diesem Roman ordentlich verzettelt. Denn darin geht es um zwei sehr unterschiedliche und heikle Themen, die moralisch sehr schwer zu handhaben sind. Diese Themen sind übrigens auch bei uns in Deutschland latent in der Diskussion: Zum einen um Kinderpornographie und ihre Hintermänner bis in höchste Gesellschaftskreise. Zum anderen stellt er den Umgang mit Recht und Gerechtigkeit in einem Justizsystem in Frage, das sich in einem zunehmend komplexeren Rechtsstaat statt auf Wahrheitsfindung zunehmend auf die Abwicklung von Rechtsfällen zurückzieht (Stichwort: "Deals"). Nun, darin sind die USA ja wie in einigen anderen Feldern um einiges weiter als die nachhechelnde deutsche Gerichtsbarkeit und Gesellschaft. Man scheint dabei aber hier wie dort nicht zu realisieren, wie fortschreitender Korruption und der gnadenlosen Monetarisierung von Rechts- und Gesellschaftsbeziehungen Tür und Tor geöffnet wird.

Aber genau dieser unselige Weg in die Rechtsunsicherheit bis hin zur himmelschreienden Ungerechtigkeit ist in dem vorliegenden Familien- und Justizdrama beschrieben. Nur findet Box bei der Aufgeladenheit seiner Themenkomplexe mit fortschreitender Handlung leider nicht mehr die nötige Balance, so dass er seinen Roman am Ende beinahe in Wildwest-Manier abhandelt.
Das liegt daran, dass der Autor seine Geschichte hier auf dem prekären und leider nur recht oberflächlich behandelten Thema des Kinderhandels und der Kinderpornographie aufbaut und dass er dies leider zu allem Überfluss noch mit dem wohl allzu naheliegenden Thema der Selbstjustiz verknüpft. Das alles tut seinem Roman wahrlich nicht gut. Und solche Momente gaben schon in "Stumme Zeugen" dem Roman andeutungsweise einen leicht faden Beigeschmack.
Ein weiteres Moment fiel schließlich bei der erneuten Box-Lektüre auf: Seine verwickelten Plots sind trotz allem sehr schnell zu durchschauen. Dass ist zum Beispiel zu sehen an der kurzen Berlin-Passage des Buches (S. 190-211), die mit ihrer vorgeblichen Nebenhandlung wie ein Fremdkörper in dem Roman wirkt und vom Autoren im Grunde nur dazu benutzt wird, seinen fragwürdigen Plot noch einmal von einer anderen Seite her aufzuladen und abzusichern.

Auf mich wirkte der Roman so an vielen Stellen zu konstruiert. Das zieht sich durch alle Teile, ob es sich nun um die Handlungsführung, um psychologische Momente oder auch nur um Detailbeschreibungen handelt. Auch die Gewalt und Brutalität, die daraus hervorstechen und die von Stalking bis zu blindwütiger Selbstjustiz reichen, wirken in der Gesamtkonstellation wenig glaubwürdig. Die Gewalt, die in Jack McGuane brodelt und dann später aus ihm herausbricht, stellt sich im Ablauf eher als modernes Krimimärchen dar, denn als realitätsnahe oder nachvollziehbare Geschichte. Das seltsame Kalkül des Autoren geht nicht auf.
So wirkt die kaum stattfindende "Trauer" um einen ermordeten besten Freund und die Gedanken über die Handlungen eines amoklaufenden "Helfers" der Familie so oberflächlich und beinahe zynisch, dass auch der Rest der hochgekochten Handlungsmotive immer mehr in schiere Unglaubwürdigkeit abrutschen. Viele Menschen in der Realität wären an solchen Ereignissen schon längst innerlich zerbrochen. Der Held und Ich-Erzähler des Buches betrinkt sich zuerst einmal und schaut dann, ob der alte Revolver seines Großvaters noch in seinem Schrank liegt. Hmh.

Fazit: Der Autor tat hier offenbar zu viel des Guten und war in seiner Konzentration wohl vom Wesentlichen abgelenkt. Insgesamt ist das alles sehr schade festzustellen. Denn von C.J. Box hätten wir uns nach "Stumme Zeugen" doch weitaus mehr und Besseres erwartet. In "Mörderischer Absicht" blitzt sein erzählerisches Können leider nur stellenweise auf. Ernste Themen wie Kinderpornographie und Selbstjustiz sind dagegen viel zu sehr ins Spannungskalkül gesetzt.

[ hs/20.06.2009 ]
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