Titel: Schlaf ein, mein Kind

Brown, Andrew Schlaf ein, mein Kind

Originaltitel: "Coldsleep Lullaby" (Zebra Press: Kapstadt 2005)
Aus dem Englischen von Mechthild Barth

Stellenbosch, Südafrika: Im Fluss treibt die Leiche einer jungen Weißen. Die Öffentlichkeit hat den Täter schnell ausgemacht: Ein Mann aus Burundi, mit dem Melanie eine Affäre hatte, soll die Tat begangen haben. Doch was hat es mit den geheimnisvollen, bedrohlichen Schlafliedern auf sich, die Melanie gesammelt hat? Wusste sie um die Gefahr, in der sie sich befand? Und weshalb fehlt eine Seite aus ihrem Notizbuch? Detective Eberard Februarie, eigentlich damit beschäftigt, seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln, lässt der Fall keine Ruhe. Und gemeinsam mit der resoluten Polizeianwärterin Xoliswa stößt er auf ein Ereignis, das tief in die verwobene Geschichte Südafrikas zurückreicht und das noch immer lange Schatten wirft

Autor: Brown, Andrew
Titel: Schlaf ein, mein Kind
Jahr: 2009-08
Seiten: 384 | Taschenbuch
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-73951-6
Preis: 9.00 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Das düster bläuliche Umschlagbild des Buches passt zu seinem Inhalt. Der südafrikanische Autor Andrew Brown beschreibt in diesem kriminalliterarischen "Blues" nicht nur die tragischen Umstände des Mordes an einem jungen weißen Mädchen, sondern auch die hintergründigen Wahrheiten einer Geschichte, die bis in die Zeit der holländischen Kolonialisierung Südafrikas zurückreichen.
Dabei erzählt Brown im Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart im Grunde die tragischen Geschichten von zwei Mädchen, die zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen Opfer von Machtgier, Rassenwahn und blindwütiger Gewalt wurden.

Browns Geschichte spielt in der südafrikanischen Stadt Stellenbosch am Ufer des Flusses Eerste River, wo die nach Kapstadt die zweitälteste von Europäern gegründete Siedlung an der südafrikanischen Küste gelegen ist.
In der Gegenwart ist es Melanie Du Preez, Tochter einer Familie aus wohlbegütertem Hause, die im Mittelpunkt steht. Sie ist allen Indizien nach einem Lustmord zum Opfer gefallen. Für den ziemlich heruntergekommenen Polizeiinspektor Eberard Februarie, der mit seiner neuen Kollegin, der Polizeianwärterin Xoliswa Nduku, an dem heiklen Fall ermittelt, scheint die Sache deshalb ziemlich bald klar. Ein schwarzer Einwanderer namens "Bullet", der aus Burundi stammt, ist der Hauptverdächtige bei den Ermittlungen. Alles (bis auf sein ausbleibendes Schuldeingeständnis) deutet auf ihn als den Mörder hin.
Dann werfen jedoch zwei Ereignisse ein neues Licht auf die Tat: Februarie findet ein Notizbuch Melanies, in dem tagebuchartig Schlaflieder aufgezeichnet sind, die zunehmend einen bedrohlicheren Ton annehmen. Sollte hinter Melanies Tod doch mehr als eine Vergewaltigung und ein Lustmord stecken? Fühlte sie sich von jemandem bedroht? Kannte sie ihren späteren Mörder? - Schließlich spielt Melanies Vater während den laufenden Ermittlungen plötzlich verrückt und erschießt Bullet in seiner Gefängniszelle ...

In der Vergangenheit des 17. Jahrhunderts und zu Beginn der weißen Besiedlung am Westkap Südafrikas ist es Sanna, die junge und selbstbewusste Tochter einer Sklavenfamilie, die unter den Bedingungen der holländischen Tyrannei und Gewaltherrschaft leidet. Ihr "Herr" ist der genauso herrschsüchtige wie unbeherrschte Van der Kessel, der mit dem Gouverneur der Kolonie ein ambitioniertes Projekt zum Weinanbau in der Region vorantreibt. Die mühselige Arbeit unter der brennenden Sonne wird von den Sklaven abgeleistet, während die Holländer mit ihren weltweiten Handelskompanien in aller Ruhe die ersten großen Geschäfte der Neuzeit einfädeln.
Der Gutsverwalter Van der Kessel hat unterdessen mit der Zeit ein Auge auf die heranwachsende Sanna geworfen und beginnt dem blutjungen hübschen Mädchen nachzustellen. Doch Sanna zeigt sich nicht nur widerspenstig, sondern auch entschieden und selbstbewusst genug, um sich gegen die Schikanen des Gutsverwalters zur Wehr zu setzen. Zwangsläufig kommt es irgendwann zur schicksalhaften Konfrontation ...

Andrew Brown hat mit "Schlaf ein, mein Kind" einen erzählerisch wie stilistisch beeindruckenden Kriminalroman vorgelegt. Die an sich allzu bekannte Erzählkonstellation einer Geschichte zwischen Vergangenheit und Gegenwart wirft hier nicht nur ein bitter-ironisches Licht auf die Kolonialgeschichte, sondern macht die grauenhafte Konsequenz von der Vergewaltigung von Menschen und eines ganzen Landes deutlich. Südafrika leidet bis heute an den Folgen der Apartheid und des Rassenwahns, einer krankhaften Massenpsychose, die längst noch nicht überwunden sind. Diese Vergangenheit steckt wie ein Stachel im Fleisch der Menschen und wird sie wohl leider noch lange Zeit alptraumhaft verfolgen. Die grassierende Gewalt in der südafrikanischen Gesellschaft ist nur ein Menetekel für die Ausstrahlung der unbewältigten, gewaltsamen Vergangenheit auf eine weniger hoffnungsvolle als vielmehr bedrohliche Zukunft.

Wie tief das alles reicht, zeigt uns Brown auf genauso stille wie eindrucksvolle Weise. Sein Kriminalroman bezieht seine Spannung nicht aus Gewaltexzessen oder der Konstruktion von überraschenden Wendungen. Alles ist folgerichtig. Und so wird das Buch zu einer bemerkenswerten Reflektion über Sexualität, Macht und Gewalt, die mit der Poesie eines schrecklichen Märchens über den Leser hereinbricht.
Was ist hier Gut und was ist hier Böse? Eine pure Schwarz-Weiß-Zeichnung verbietet sich hier von selbst, und folgerichtig erzählt uns Brown seine Geschichte in vielfältigsten Farbtönen und Bewusstseinsstufen. Gleichzeitig treibt Brown dabei mit seinen Lesern ein kleines, fast gemeines Spiel: Beobachten Sie selbst, wie Sie die Figuren des Romans im Verlauf der Handlung bewerten ...

Fazit: Man mag für dieses Buch zwar sicher den hellen Tag brauchen, um es wirklich aufmerksam lesen zu können. Ermüden wird man trotz seiner süßen bis grauenhaften Schlaflieder dabei allerdings ganz gewiss nicht.

[ hs/27.07.2009 ]
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