![]() |
Nadelson, Reggie Kalter VerratOriginaltitel: "Fresh Kills" (William Heinemann 2006)
Unsere Meinung:"Glaubst du, es war schon immer so, diese ganze Scheiße mit den Kindern?", fragte Sonny. "Ich erinnere mich nicht mehr. Ich kann mich nicht entsinnen, dass früher, als ich Kind war, so viel Schlimmes passiert ist, aber vielleicht hat einfach keiner darüber geredet. Es blieb in der Familie, wenn einer sein Kind fast zu Tode geprügelt hat, weil es ganz normal war, Kinder zu schlagen. Hast du Dickens gelesen, wie ich’s dir gesagt habe?"
"Ja." "Wieso behandeln Menschen Kinder wie Dreck, Mann? Ich kapier’s nicht. Erst setzen sie Himmel und Hölle in Bewegung, um eins zu kriegen, und dann lassen sie sich scheiden und benutzen das Kind wie einen verdammten Fußball", sagte Sonny. "Es ist, als wär die ganze Gesellschaft explodiert wie eine Atombombe, und die Kinder sind der radioaktive Niederschlag. Müll. Dreck. Ich weiß es nicht." (Reggie Nadelson: Kalter Verrat, S. 314) Die Beschreibung von Verbrechen an Kindern, das scheint das letzte große gesellschaftliche Tabu zu sein, dass derzeit von den Medien und der Kulturindustrie angegangen wird, um es mit allen Mitteln zu brechen. Das spiegelt sich auch in der aktuellen Krimiproduktion wider. Allein bei der zufälligen Lektüreauswahl meiner letzten fünf Bücher, die sich eher an den Autoren orientierte als an ihren Romanhandlungen, spielten Kindesmissbrauch, -pornographie oder Kinderhandel eine entscheidende Rolle. Die "Beweiskette" von Garry Disher legte ich genau aus diesem Grund schon gleich nach den ersten fünfzig Seiten beiseite, weil mir das Thema zu heftig erschien und weil mir diese Krimimasche in ihrer ungeheuren Präsenz noch weit mehr auf die Nerven geht als irgendwelche Gerichtsmediziner und Serienkiller. Dabei will ich Garry Disher und anderen Autoren wie C.J. Box ("Mörderischer Abschied") oder Thomas H. Cook ("Trugbild") nicht die schriftstellerische Intelligenz absprechen, auch mit solchen Themen vernünftig und angemessen umzugehen. Die ungeheure Präsenz des Themas ist ein so bemerkenswertes Phänomen, dass man, wenn man sich professionell mit Kriminalliteratur beschäftigt, leider kaum an diesem Thema vorbeikommt. Und wenn die Thematik nur öfter in aufklärerischer Absicht angegangen würde, dann hätte man wohl auch kaum etwas dagegen einzuwenden. Doch allzu oft wird Kinderpornographie etc. pp. nur platt ins Spannungskalkül miteinbezogen, um den Schocker noch etwas schockierender zu gestalten. Welchen obszönen Mist man dabei nicht selten zu lesen bekommt, darüber wollen wir hier lieber schweigen. (Und wieder möchte man die entsprechenden Autoren/innen ins Fegefeuer ihrer eigenen literarischen Ergüsse verbannen ...) Die amerikanische Autorin Reggie Nadelson ist weitegehend frei von dem Verdacht, solch obszönes Zeug zu schreiben. Bei ihrem neu auf Deutsch erschienenen Roman "Kalter Verrat" verschiebt sich die Thematik jedoch in eine eher unerwartete Richtung: Artie Cohen, der New Yorker Ermittler mit russischer Vergangenheit, der dem deutschen Publikum bereits aus mehreren vorangegangenen Romanen wie "Russische Verwandte" und "Rote Wasser" bekannt ist, wird in seinem neuen Fall von der Vergangenheit eingeholt: Sein vierzehnjähriger Neffe Billy, der in einer psychiatrischen Klinik für gefährliche jugendliche Straftäter in Florida einsitzt, bekommt wegen sehr guter Führung zwei Wochen Freigang und darf seine Familie in New York besuchen. Er hatte als Zwölfjähriger auf extrem brutale und sadistische Weise einen Gleichaltrigen ermordet und war damals vor Gericht nach tatkräftiger Unterstützung seines Onkels Artie als weitgehend psychisch unzurechnungsfähig erklärt worden, wo ihm im Bundesstaat New York auch als Jugendlicher durchaus lebenslängliche Haft oder gar die Todesstrafe gedroht hätten. (Vgl. dazu die Vorgeschichte in "Russische Verwandte".) Artie hat die damalige Geschichte immer noch nicht verdaut. Er liebt seinen Neffen über alles, obwohl er auch um die möglichen Gefahren weiß, die in Billy stecken. Dessen unglaubliche Tat von damals hat die ganze Familie und auch die gesamt russische Gemeinde in New York bis ins Mark erschüttert, wobei allerdings Billys Täterschaft oder die genaueren Umstände der Tat nie ganz aufgeklärt wurden. Doch nun erscheint Billy trotz dieser unsäglichen Vergangenheit fast wie geheilt. Er ist nicht wiederzuerkennen und zeigt sich als ganz normaler Vierzehnjähriger, dem eine bessere und neue Zukunft bevorzustehen scheint. Artie freut sich auf die gemeinsame Zeit mit seinem Neffen, für den er väterliche Gefühle hegt, bis sich plötzlich dunkle Schatten über Billys Aufenthalt in New York legen. Zunächst erhält Artie besorgniserregende Drohanrufe, mutmaßlich von der Familie des damals von Billy ermordeten Jungen, und gleichzeitig bittet ihn sein früherer Polizeichef Sonny Lippert, ihm bei den Ermittlungen zu einer überaus grausamen Mordserie an jungen Mädchen behilflich zu sein. Besonders beunruhigend ist für Artie, dass es offenbar zwischen einer der beiden Ermordeten und Billy eine direkte Verbindung gibt. Wie von seinen Zweifeln zerfressen wandert er bald danach durch ein tiefes Tal der Finsternis. Kann denn sein, was nicht sein darf ...? Wiederholt sich etwa die Geschichte von damals? Reggie Nadelson ist mit "Kalter Verrat" eine gute, aber gleichzeitig etwas ambivalente Fortsetzung ihrer Artie-Cohen-Reihe gelungen. Die absoluten Stärken des Buches sind erneut ihre New Yorker Stadtporträts und die Beschreibung der dortigen russischen Einwanderergemeinde, und das nicht nur im Sinne des Lokalkolorits oder einer herausragenden Krimikulisse, sondern mindestens ebenso sehr als sozialpsychologisches Abbild New Yorks knapp vier Jahre nach dem verheerenden Anschlag auf das World Trade Center. (Der Roman spielt sinnigerweise zur Zeit der Londoner Terroranschläge im Juli 2005.) Nadelson macht über ihre Erzählweise New York und die New Yorker auf ganz besondere Weise lebendig. Die verschiedenen Stimmungen der Stadt werden förmlich spürbar und präsent. Doch soviel sie solchen Beschreibungen von Menschen und Orten Platz einräumt, um so mehr scheint die eigentliche Krimihandlung und Spannung darunter zu leiden. Zwar plätschert der Roman auf den ersten 200 Seiten keinesfalls einfach so dahin – das alles ist schon lesenswert -, aber bis dahin hat der Krimiplot leider bis auf ein paar vage Verdachtsmomente noch kaum eingesetzt. Und der ist immerhin, wie wir hier bereits anfangs andeuteten, nicht von Pappe und psychologisch so komplex, dass ihm hier im Roman durchaus der entsprechende Platz fehlt. So bleiben am Ende fast zwangsläufig lose Fäden, auf deren Auflösung man bei der dichten Gestaltung und der Verknüpftheit von Nadelsons Romanfolge wohl bis auf den 8. Teil der Serie warten muss. Der ist auf Englisch gerade im Juni 2009 unter dem Titel "Londongrad" als Hardcover erschienen. Was das Eingangsmotiv unserer Kritik betrifft, nämlich die Klage über die fast obszöne Ausschlachtung des Themas "Kinder als Opfer von Verbrechen", so kann Nadelson hier wie erwähnt kein entsprechender Vorwurf treffen. Sie agiert erzählerisch angenehm zurückhaltend und setzt eher pointiert Ausrufezeichen zu gesellschaftlichen Widersprüchen, die mindestens ebenso viel Sprengkraft in sich bergen wie eine terroristische Bedrohung von außen. - Aber vielleicht ging ihre Absicht ja auch genau in diese Richtung? Fazit: Eine herausragende Autorin. Ein – trotz seiner tendenziellen Schwächen – lesenswertes Buch! Übersicht zur Artie-Cohen-Reihe: 1.) Red Mercury Blues (1995) (Alternativtitel: Red Hot Blues) – Deutsch: "Red Mercury Blues", Ammann: Zürich 1997 / Ullstein: Berlin 1999 (beide Ausgaben vergriffen) 2.) Hot Poppies (1997) – Deutsch: "Heißer Mohn", Ullstein: München 2000 (derzeit vergriffen) 3.) Bloody London (1999) – nicht auf Deutsch erschienen 4.) Sex Dolls (2002) (Alternativtitel: Skin Trade, 2006) – nicht auf Deutsch erschienen 5.) Disturbed Earth (2004) ) – Deutsch: "Russische Verwandte", Piper: München 2005 6.) Red Hook (2005) ) – Deutsch: "Rote Wasser", Piper: München 2007 7.) Fresh Kills (2006) - Deutsch: "Kalter Verrat", Piper: München 2009 8.) Londongrad (2008) – noch nicht auf Deutsch erschienen [ hs/16.07.2009 ]
|
Krimi-Specials
Warenkorb:
-
Lieferzeiten
-
Wochentags:
Bis 18:00 Uhr bestellte Bücher sind am folgenden Morgen versandfertig und verlassen dann die Buchhandlung.
Wochenende:
Bücher die zwischen Freitag (nach 18:00 Uhr) und Sonntag bestellt werden, sind erst Dienstagmorgen versandfertig und verlassen die Buchhandlung. Ausnahme: Die Bücher sind im Hammett vorhanden.
-
Wochentags:
-
Angekündigte Bücher
- Diese Titel können Sie jetzt schon normal über unsere Warenkorbfunktion bestellen. Sobald das Buch erhältlich ist, erhalten Sie von uns nochmal eine E-Mail, daß Ihre Ware versandfertig ist.
-
Versandkosten
-

Der Versand von neuen Büchern innerhalb Deutschlands ist für Sie bei uns versandkostenfrei.
-


