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Kersh, Gerald Ouvertüre um MitternachtOriginaltitel: "Prelude to a Certain Midnight" (William Heinemann: London 1947)
Unsere Meinung:Beinahe heimlich still und leise hat der kleine umtriebige Berliner Verlag pulp master einen Klassiker der Kriminalliteratur herausgebracht, der damit zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde: Gerald Kersh und seine "Ouvertüre um Mitternacht".
Dieser seltsam faszinierende wie irritierende Roman spielt im London Ende der 30er Jahre am Vorabend des 2. Weltkrieges. Er erzählt die Geschichte eines Kindsmords und seiner Folgen für alle Betroffenen. Sonia, die Tochter des jüdischen Kolonialwarenhändlers Sabbatani wird Opfer eines Sexualmordes. Detective Inspector Turpin von Scotland Yard versucht in der Folge zwar mit all seiner Routine, den Fall aufzuklären, doch ihm fehlen die entscheidenden Spuren und Indizien, um zumindest auch nur einen Verdächtigen festzunehmen. "Aber die Männer, die Verbrechen begehen wie den Sabbatani-Mord, sind einsame Wölfe. Die gewöhnlichen, gradlinigen Ganoven hassen und verachten sie. Sie sind immer die Letzten, die man möglicherweise verdächtigen würde. Nach allem, was wir wissen, könnte der Mann, der das arme Kind getötet hat, in diesem Moment in dieser Bar einen Drink nehmen. Oder vielleicht ist er zu anständig, um sich in Bars aufzuhalten, betrachtet Trinken als Laster. Oder er arbeitet hart, verdient Geld, um seine Mutter, seine Frau und die Kinder zu ernähren. Er könnte Arzt sein, auf einer Entbindungsstation. Oder ein Landstreicher. Man kann es überhaupt nicht sagen, nicht wahr? Das ist unser Problem, verstehen Sie? Aber machen Sie sich keine Sorgen, am Ende kriegen wir ihn." (Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht, S. 64) "Der Mörder ist unter uns", das ist allen klar in den Vierteln um den Londoner Stadtteil Soho. Doch Turpin stochert weiter nur hilflos im Londoner Nebel, während es Tag für Tag immer unwahrscheinlicher wird, den Täter tatsächlich dingfest zu machen. Verzweiflung macht sich breit, während sich die Familie Sabbatani gleichzeitig langsam zu Tode grämt. Unterdessen schreibt sich die wohlhabende Freidenkerin und Gesellschaftsdame Asta Thundersley die Aufklärung des Mordfalls auf ihre Fahnen und kämpft voller Enthusiasmus darum, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie hat auch bald schon einen konkreten Plan, den Mörder zu fassen. Sie lässt ihre Beziehungen spielen und setzt an, um zu einem großen Schlag auszuholen: "Irgendwie bin ich sicher, dass es jemand aus der Gegend getan hat. Ich kenne sie alle und alle kennen mich. Es ist die Sorte Mord, die einer dieser überzeugenden, gebildeten Männer begeht. Lach mich nicht aus, Tot, denn glücklich bin ich darüber nicht, nicht im Geringsten. Du darfst auch nicht lachen, wenn ich dir jetzt verrate, was ich vorhabe, nämlich dass ich so gut wie alle Bekannten zu einer Party einladen und versuchen werde, an ..." (Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht, S. 120) Gesagt, getan. Doch damit kommt sie dem Täter bereits gefährlich nahe. Nur ahnt sie davon nichts und sie ahnt ebenfalls nicht, dass gerade ihre altjüngferliche ältere Schwester Thea Olivia ("T.O.T.") bald über sich hinauswächst, den Mörder erkennt und ihm in einem Anflug von wilder Entschlossenheit gegenübertritt ... Die Geschichte des Romans wird trotz solcher herausragender Spannungsmomente in einem desillusionierten Rückblick erzählt. Amy "Catchy" Dory, eine abgetakelte Tresenschlampe, lebt wie schon zur Zeit des eigentlichen Geschehens zur Untermiete bei der Witwe Sabbatani. Zehn Jahre ist es nun fast her, dass die kleine Sonia ermordet wurde und dass Catchy noch eine allseits beliebte Freudendame und mit vielen befreundet war, mithin in der Blüte ihrer Schönheit stand. Die Ereignisse von damals haben sich jedoch tief in sie hineingefressen wie ein langsam todbringendes Geschwür. Anderen im Stadtteil ging es zum Teil nicht anders. Sie haben nach dem Tod des Mädchens nicht nur an dem schon bald heraufziehenden unmenschlichen Krieg gelitten, sondern vorher bereits an ihrem schrecklichen Versagen, dass jener Mord nie aufgeklärt und gesühnt werden konnte. Catchy hat vor allem nie vergessen, wie Asta Thundersley ihr damals den Vorwurf ihres Lebens eingepflanzt hatte. Denn Asta hatte die Lebenslüge der geborenen Verliererin erkannt und in der Bacchus Bar mit einem verächtlichen Schlag ins Gesicht auch benannt, nämlich "dass die unterwürfige Catchy, die immer betonte, sie wolle Männer nur glücklich machen, nur Männer glücklich machte, die Opfer brauchten, willige Opfer. Sie spendete nur dem Bösen Kraft und Trost, nur ihm gab sie Selbstvertrauen. Sie war der Rücken, der sich schlagen, der Hintern, der sich auspeitschen ließ, die Hand- und Fußgelenke, die man fesseln konnte - sie war ein Exerzierplatz für Mörder." (Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht, S. 263) Seither ist nichts mehr so, wie es einmal war. Und auch die berühmte Bacchus Bar, ehemals "einer der drei beliebtesten Treffpunkte Londons" und in jener dunklen Vergangenheit Anlaufstation für Catchy und ihre Freunde der Londoner Boheme, ist inzwischen zu einer mittelmäßigen Spelunke heruntergekommen. "Von Zeit zu Zeit, mit völlig fassungslosem Blick, sagt sie, es wolle ihr einfach nicht in den Kopf, dass sich derart viele Menschen in derart kurzer Zeit derart verändern können. Es ist wahr, Dinge sind geschehen. Der Sonia-Sabbatani-Fall wurde schal. Franco verdrängte ihn an den rechten unteren Rand der Zeitungen, als er damit begann, seine maurische Speerspitze in Spaniens Bauch zu bohren. Hitler, dessen Namen wir noch immer ein höfliches `Herr´ voranstellten, setzte alles in Bewegung, um sich die Tschechoslowakei einzuverleiben. Dinge geschahen in der Welt und es sind Dinge - sehr grausame Dinge - geschehen, verglichen mit denen ist der Mord an der kleinen Sabbatani nichts als ein Flohbiss. Und dennoch - wie Mr. Pink nie müde wird zu wiederholen: `Es ist alles dasselbe. Majdanek, Belsen, Auschwitz, Sonia Sabbatani ... Der Unterschied ist nur eine Frage der Größenordnung und Gesetzmäßigkeit.´" (Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht, S. 264f.) Kershs Roman ist ein elegischer Abgesang auf desillusionierte Menschen und ihrer verlorenen Zeit, in der sie sich noch vertrauensvoll gegenüberstanden und an das Leben glaubten. Dieser Glaube an die Gemeinschaft und das Grundvertrauen in die Humanität des Anderen ist bei seinen Figuren heillos zerbrochen. Auch weil es ihnen zuvor an Entschiedenheit und Tatkraft fehlte. Dafür steht bereits der brutale und sinnlose Tod und Verlust des Mädchens. Und so wie hier letztlich die Gleichgültigkeit der Vielen siegt, so brauchen Catchy und ihre Freunde keinen Krieg mehr, um die menschliche Düsternis zu erblicken. "Ouvertüre um Mitternacht" ist ein ungewöhnlicher und tiefschwarzer Noir-Roman, der sich nicht um die Konventionen der Kriminalliteratur schert. Kershs Roman zeigt dabei nicht nur eindrucksvoll, wie leicht der Glaube, die Hoffnungen und Träume einfacher Menschen auf Grund laufen, sondern wie diese Menschen auch förmlich daran zerbrechen können. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. (In schlechten Zeiten mithin im grandiosen Maßstab.) Die gnadenlosen Gewinner gehen, wenn’s sein muss, über Leichen und sterben dann – wenn nicht an Krebs oder Schlechtigkeit – irgendwann an Selbstzufriedenheit oder Altersschwäche. Die Verlierer verlieren gerade in kritischen Zeiten den Glauben an sich und an die Menschen selbst und sterben an den Gewinnern, der Hoffnungslosigkeit oder existenzieller Armut. Und gerade in dieser Hinsicht wirkt Kershs "Ouvertüre um Mitternacht" als bitterböse Verlierergeschichte fast wie eine Fortschreibung seines Kultromans "Nachts in der Stadt" (pulp master Bd. 13, Berlin 2002). Fazit: Mit Spannungsliteratur heutigen Strickmusters hat dieses Buch denkbar wenig zu tun. Es lebt ganz und gar von seiner Figurenzeichnung, seinen hintergründigen Dialogen und nicht etwa von den anderswo üblichen Spannungshöhepunkten, den oft sukzessive in die Handlung platzierten Mordopfern und anderen Mätzchen, um solche "Spannung" dann auch wirklich halten zu können. So möchte man die "Ouvertüre zu Mitternacht" all jenen empfehlen, die sich keine "kleine Nachtmusik" wünschen, sondern die durchaus gerne nachts durch die Straßen gehen und sich so ihre eigenen Gedanken über die seltsamen Bedingungen und düsteren Seiten menschlichen Daseins machen. [ hs/09.09.2009 ]
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Krimi-Specials
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