Titel: Deutsche Meisterschaft

Birkefeld, Richard / Hachmeister, Göran Deutsche Meisterschaft

Hannover, im April 1926: Es ist das erste Rennen um die Deutsche Motorradmeisterschaft, und zwei der Fahrer, die von der Begeisterung der Massen für das neue technische Zeitalter profitieren wollen, sind Falk von Dronte und Arno Lamprecht.
Beide sind seit ein paar Jahren herzlich miteinander verfeindet, und beide haben unterschiedliche Gründe, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Während Lamprecht die Erinnerung an die kopflose Leiche seiner Frau mit Alkohol und dem Rausch der Geschwindigkeit betäubt, flüchtet von Dronte vor der wenig ruhmreichen Zeit bei den Freikorps. Seinerzeit, in den Tagen des 10. November 1923, war er einer von drei Männern, die einen Verräter bei München erschossen und dann in einem Waldstück verscharrt haben. Als nun die Leiche des Opfers durch einen anonymen Hinweis gefunden wird, werden von Drontes alte Auftraggeber unruhig . . .

Autor: Birkefeld, Richard / Hachmeister, Göran
Titel: Deutsche Meisterschaft
Jahr: 2009-08
Seiten: 389 | Taschenbuch
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-21158-1
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Viele mögen bei dem Titel des zweiten Kriminalromans der beiden Historiker Richard Birkefeld und Göran Hachmeister an einen Fußballkrimi und kriminelle oder betrügerische Machenschaften im zeitgenössischen Fußball denken. Doch weit gefehlt: Die Handlung des Buches hat nicht etwa mit mörderischen Balltretern zu tun, sondern spielt sich zu einem guten Teil auf den Sätteln von Motorrädern mit wohlklingenden Namen wie NSU, Victoria, Horex, BMW R 42 oder Moto Guzzi 500 4 valvole ab. Nun ist schon ein Kriminalroman, der im Milieu von lederbeklufteten Motorradliebhabern angesiedelt ist, eine Besonderheit. Doch wie schon in ihrem ersten furiosen Thriller "Wer übrig bleibt, hat recht" (unsere Wertung: 8 von 10 Patronen), der in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges spielte, knüpft sich das Autorengespann hier erneut jene Epoche vor, in der sich politische Sektierer, Hasardeure und Kriminelle im Namen des Nationalsozialismus daranmachten, die Welt in den Abgrund zu stürzen.
Deutschland 1926, zwischen Berlin und München: Die beiden Motorradrennfahrer Arno Lamprecht und der junge Adlige Falk von Dronte sind genauso ambitionierte wie erbitterte Konkurrenten um die Deutsche Motorradmeisterschaft. Der eine ist desillusionierter Kriegsveteran aus dem 1. Weltkrieg und leidet an den psychischen Folgen des ersten modernen Völkermordens, der andere ist ein schnöseliger Vertreter der bankrott gegangenen Monarchie, hängt den reaktionären Kreisen der aufstrebenden Nationalsozialisten an und "leidet" daran, wegen seines jungen Alters nicht am Krieg teilgenommen zu haben. Beide kämpfen, wie sich bald herausstellt, nicht nur um die Deutsche Motorradmeisterschaft, sondern auch um die Gunst einer begehrenswerten Dame der "besseren" Weimarer Gesellschaft. Und beide kämpfen zudem mit ihrer jüngeren Vergangenheit in den Wirren der Weimarer Republik: Lamprecht, weil seine Frau 1923 während den Münchner Wirren des Hitler-Putsches brutal ermordet worden war und er im Grund nach wie vor als Hauptverdächtiger in dem unaufgeklärten Mordfall gilt. Von Tronte, weil er Jahre zuvor an einem Fememord von rechten Freikorpskreisen beteiligt war. Besonderheit bei beiden Morden: Die Opfer wurden enthauptet, und die Köpfe der Leichen verschwanden jeweils unter mysteriösen Umständen . . .
Das Autorengespann Birkefeld & Hachmeister bleibt sich treu. Geschickt verpacken sie Zeitgeschichte in eine spannende und besonders hier in "Deutsche Meisterschaft" in eine buchstäblich rasante Thrillerhandlung. Allerdings bleiben sie dabei auch allzu sehr ihren bewährten Erzählmustern treu: Bildeten in "Wer übrig bleibt, hat recht" der Gestapo-Polizist und der entflohene KZ-Häftling das psychologisch ambivalente Thrillerpersonal, so sind es hier die zwei gegensätzlich gepolten Motorradrennfahrer Lamprecht und von Tronte, die sozusagen beide eine Leiche im Keller haben. Und konzentrierten sich B&H in ihrem Erstlingsroman auf das Thema Denunziation und Zerfall einer abartigen Ideologie, so behandeln sie hier das Thema politisches Sektierertum und den Aufbau jener (leider viel zu spät und dramatisch zusammengebrochenen) Wahnideen. Über das Ganze breitet sich eine bedrückende Atmosphäre wie in Ingmar Bergmanns düsterem Film "Das Schlangenei".
Die Leser stellt eine solche Konstellation immer wieder vor ein Dilemma, denn sie wissen im Grunde schon im vorhinein, daß die ganze Geschichte nicht gut ausgehen kann. (Das zeigt sich übrigens auch Wolfram Fleischhauers in gewisser Weise recht ähnlich angelegten Neuerscheinung "Die Schule der Lügen".) - Der Vorteil, der aus einer solchen Erzählweise resultiert, ist zweifellos, daß die Verhältnisse, in denen die Protagonisten beschrieben werden, schonungslos dargestellt sind. Armut ist Armut. Betrug ist Betrug. Brutalität stellt sich als nackte Brutalität dar. Und Wahnsinn ist Wahnsinn, auch wenn er als Heilslehre verkauft wird.
Ohne solche Hintergedanken ist "Deutsche Meisterschaft" spannend zu lesen und aufschlußreich geschrieben. Vor allem ist der Roman wie schon sein Vorgänger weitgehend moralinsäurefrei, was bei Texten mit entsprechenden Zeitbezügen ja oft ein Problem darstellt.
Auch mit ihren Milieubeschreibungen lassen die beiden Historiker B&H viel Liebe fürs Detail erkennen, zeigen aber gerade in technischen Details und was die atmosphärischen Dichte ihrer Milieuschilderungen betrifft leider einige frappierenden Schwächen. So wird zum Beispiel auf S. 81 ein Motorrad mit einem Lenkrad statt mit einem Lenker ausgestattet, oder die Autoren lassen ihren Helden ein paar Seiten zuvor auf S. 77 das Motorrad seine "Karosserie einmal extrem" beanspruchen. Gemeint war wohl eher, daß das Motorrad und sein Rahmen einem Härtetest unterzogen werden sollte . . .
Aber da waren die Lektoren des Frankfurter Eichborn-Verlags wahrscheinlich schon mit Motorrad und Seitenwagen gen Taunus ins Wochenende abgedampft!?
Fazit: A-Note 4 (technische Wertung), B-Note 8

[ hs/09.10.2006 ]
Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Erstausgabe vom Oktober 2006
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