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Boyd, William Die blaue StundeOriginaltitel: The Blue Afternoon
Unsere Meinung:"Alles Leben ist ein ununterbrochener Strom. Leben kommt nur vom Leben."
(Novalis) Los Angeles Mitte der 30er Jahre: L.A. entwickelt sich gerade von der kleinen Stadt an der Pazifikküste zur boomenden Großstadtmetropole. In dieser quirligen Atmosphäre beginnt sich das Leben der jungen Architektin Kay L. Fischer von einem auf den anderen Tag grundsätzlich zu ändern: Sie wird von ihrem Geschäftspartner betrogen und schließlich auch noch - hoppla hopp - aus der eigenen Firma geworfen. Fast gleichzeitig läuft ihr wiederholt ein kauziger, alter Mann über den Weg, um das Gespräch mit ihr zu suchen. Dieser Mann nennt sich Dr. Salvatore Carriscant und bittet sie dringend um Gehör. Völlig überrascht und noch aufgewühlt durch ihre berufliche und persönliche Situation, lässt sie sich dennoch auf die abenteuerlichen Erzählungen des charmanten und galanten alten Mannes ein. Das hat seinen Grund, denn das, was er ihr zu erzählen hat, wirkt zunächst ungeheuerlich: Carriscant stellt sich als ihr leiblicher Vater vor und erklärt Kay sein Verschwinden damit, dass er 15 Jahre in philippinischen Gefängnissen verbracht hat. Allerdings verbüßte er damit eine Strafe für einen Mord, den er gar nicht begangen hat. Einiges deutet für Kay darauf hin, dass die Geschichten des alten Sonderlings nicht schlichtweg erlogen sein können. Deshalb lässt sie sich dazu hinreißen, mit ihrem mutmaßlichen Vater Dr. Carriscant nach Portugal zu reisen. Sie möchte die ganze Wahrheit hinter dieser unglaublichen Geschichte und den tatsächlich vorhandenen dunklen Stellen ihrer Kindheit und Vergangenheit aufklären. In Portugal wollen Kay und ihr "Vater" dabei zunächst Carriscants ehemalige Geliebte treffen ... Hatte William Boyd in "Ruhelos" mit einer beeindruckenden Mutter-Tochter-Geschichte aufgewartet, so erzählt er in "Die blaue Stunde" eine mindestens ebenso ungewöhnliche Vater-Tochter-Geschichte. Beide Romane werden von dem gleichen Grundmotiv bestimmt: Stell Dir vor, Dein Leben hat eine ganz andere Bedeutung, als Du bisher gedacht hast. Und in der Vergangenheit schlummern einige Geheimnisse, die Dein Leben grundsätzlich verändern können ... Genau diese erzählerische Grundidee mag - trotz tendenzieller Wiederholung - die Stärke von William Boyds Spannungsromanen sein, die er mit einigem handwerklichen Können und Talent und vor allem viel erzählerischer Lust vorträgt: Er macht die Situationen und Gefühle der Menschen mit wenigen Sätzen spürbar und lässt uns auf intensive Weise an deren existenziellen Nöten teilhaben. Und der Effekt ist verblüffend: Man identifiziert sich trotz verschlungener und teilweise vielleicht auch etwas unglaubwürdiger Handlung schnell mit seinen Figuren und leidet mit, so dass sich aus jeder Schicksalswendung ein weiteres Spannungsmoment erzeugt. Boyd drückt dabei ganz schön aufs Gefühl, doch diese Gefühlsgeladenheit stürzt nie ab in pure Sentimentalitäten. (Mithin birgt "Die Blaue Stunde" wie schon "Ruhelos" in sich erneut eine höchst ambivalente Lovestory.) So kann man in Boyds Roman viele erzählerische Details aus zweifacher Perspektive sehen und erfahren, wie "Vater" und "Tochter" in ihrem Leben in verschiedenen Situationen durchaus ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Zum einen beschreibt Boyd das berufliche Straucheln von Kay als Frau in dem von Männern dominierten Architektengewerbe, das sich Mitte der 30er Jahre mit hochaufschießenden Wolkenkratzern und Megaprojekten als kulturelle Avantgarde geriert und dabei eigentlich nur an das große Geld und Ruhm denkt. Andererseits beschreibt er eindringlich, wie auch "vormoderne" und altertümliche Standesvorschriften und strikte Reglements (die hier wie dort vom Zynismus der wirklich Mächtigen übrigens kaltschnäuzig und regelmäßig unterlaufen werden) die Menschen verunmenschlichen können, so wie es die verzweifelte Kämpfe des Arztes Carriscant in Manila gegen medizinische Standeskonventionen der Kolonialzeit im Jahre 1902 offenbaren. Das gilt natürlich erst recht für die beiden erzählerischen Hauptstränge. Bei Boyd ist die menschliche Existenz dabei offenbar wiederholt durch tendenzielles Scheitern gekennzeichnet: Hier die aussichtslose Liebe Carriscants zur verheirateten Delphine Sieverance. Dort der geschätzte Kollege Carriscants, der in einem wahrhaft manischen Prozess des Tüftelns mit seiner ersten Flugmaschine einen Flugwettbewerb gewinnen will. William Boyd hat seine genauso ausgefeilte wie lustvolle Erzählkunst mehr als nur einmal unter Beweis gestellt. Es scheint für ihn dabei zum Beispiel immer wieder ein Leichtes zu sein, seine Geschichte ohne Bruch und weltumspannend auf drei Kontinenten anzusiedeln, dabei den Geschichtsstrom zweier Erzählperspektiven an uns vorbeirauschen zu lassen und dies dann alles noch gleichzeitig über einen Zeithorizont von mehr als 30 Jahren zu entfalten! Fazit: Wir sind ganz gewiss nicht über jede Neu- oder Wiederauflage glücklich. Über diese jedoch schon. Denn aus dem zähflüssigen Magma der aufgewärmten Publikationsflut ragt William Boyds Roman buchstäblich als leuchtender Lavastrom hervor. - In einfachen Worten: "Die blaue Stunde" ist ein beeindruckendes Leseerlebnis. [ ck/22.05.2010 ]
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Krimi-Specials
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