Titel: Gott schütze Amerika

Ellis, Warren Gott schütze Amerika

Originaltitel: "Crooked Little Vein" (William Morrow, Harper Collins Publishers: New York 2007)
Aus dem Englischen von Conny Lösch

"Gott schütze Amerika" ist ein gnadenlos wilder Mix aus Krimi und durchgeknallter Gesellschaftssatire, wenn Sie so wollen Raymond Chandler meets Douglas Adams. Ein Privatdetektiv erhält vom Stabschef des Präsidenten den Auftrag, die "Geheime Verfassung" des Landes aufzuspüren. Mit ihr will sie den moralischen Verfall des Landes aufhalten. Freuen Sie sich auf eine unvergessliche Reise durch die Abgründe Amerikas.
(Originalton Heyne Verlag)

Autor: Ellis, Warren
Titel: Gott schütze Amerika
Jahr: 2009-08
Seiten: 318 | Taschenbuch
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-40655-1
Preis: 7.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

Der britische Autor Warren Ellis nimmt für sich im Besonderen in Anspruch, dass fast alle Details und Sexualpraktiken, die er in seiner schmutzigen kleinen Gesellschaftssatire auf "God’s own country" schildert, auf der Realität beruhen. Sein Roman "Gott schütze Amerika", der gleichzeitig wie ein Detektivroman der abartigen Sorte und ein durchgedrehtes Road-Movie daherkommt, sprüht dabei über vor schmutzigen Phantasien.

Die eigentliche Handlung des Romans (?) spielt da fast kaum mehr eine Rolle – wäre da nicht gleichzeitig das dick und derb aufgetragene Ambiente einer anachronistischen Anti-George-W.- Bush-Satire:
Der New Yorker Privatdetektiv Michael McGill wird von höchster Regierungsstelle beauftragt, ein geheimnisvolles altes Buch wiederzubeschaffen, dass bereits in den 50er Jahren bei einer von Richard Nixons schmierigen Affären verloren gegangen sein soll. Es handelt sich dabei um ein Buch mit der "Geheimen Verfassung des Landes" der Vereinigten Staaten aus dem 18. Jahrhundert. Doch dem Buch sollen nicht nur die Geheimnisse der amerikanischen Gründungsväter und ein ursprünglichst geheimer Zusatz der Verfassung (vgl. dazu die "Federalist Papers") eingeschrieben sein, sondern auch eine geheimnisvolle Macht innewohnen, der ziemlich viel "Sprengkraft" innewohnt.
McGill wundert sich zwar über seine Auftraggeber, die ihm einerseits ziemlich unheimlich sind, aber andererseits auch beeindruckend glaubwürdig. Schließlich überzeugt ihn das versprochene Halbmillionenhonorar vollständig. Also macht er sich auf die Spuren des ominösen Schmökers. Das führt McGill schon bald durch monströse Milieus menschlicher Abartigkeiten, wie er sie sich bis dahin hätte kaum vorstellen können oder wollen.
Doch ein echter, hartgesottener Detektiv kann einiges einstecken, und als er im Laufe seiner "Ermittlungen" noch die junge Trix kennen lernt, die er kurzerhand zu seiner Assistentin und Geliebten macht, scheut das schräge Ermittlergespann keine Gefahren und kommt dem Versteck des verschwundenen Buches immer deutlicher auf die Spur ...

Trotz seines derben und schmutzigen Tons, seiner ausschweifenden Fäkalsprache und trotz seiner abartigen Sexphantasien kommt dieses Buch mit seiner Verschwörungsstory doch ein wenig naiv und treuherzig daher. Privatdetektiv Mike, ein kleines schmutziges Licht aus der New Yorker P.I.-Szenerie, soll den Herrschenden bei einer Art von moralischen Kreuzzug helfen, der mit der Wiederauffindung des geheimnisvollen Buches beginnen wird.

"Deshalb fiel die Entscheidung auch auf Sie. Verstehen Sie, Mike? Wir brauchen eine echte menschliche Scheißzecke, die für uns durch die Kloschüssel Amerikas schwimmt. Wir brauchen niemanden, der an den Beckenrand kriecht und nach Klostein und Spülung verlangt. Wir brauchen jemanden, der durch die Kacke paddelt. Jemanden, der sich um nichts schert, außer um seinen Job. Dass Sie eine Art moralischer Mutant sind, der keinerlei Liebe für das Land empfindet, das ihn am Leben erhält, ist genau das, was Sie für die anstehende Aufgabe so geeignet macht."
(Warren Ellis: Gott schütze Amerika, S. 21 f.)

Es gibt in diesem Roman, der „Satire“ auf seine Fahnen schreibt, darüber hinaus gar rührende Szenen, so wenn das "polymorph-perverse Tattoo-Girl" Trix gegenüber dem hartgesottenen Mike in den Sexstreik tritt:

"Du bist pervers", zischte sie.
"Wenn du das sagst, ist das schön."
Sie schlang ihre Arme um sich und stolzierte voran.
"Für dich gibt es keinen Sex mehr, bis wir hier wieder weg sind", sagte sie.
Allein stand ich auf den stillen Straßen von Las Vegas und lauschte dem Weinen meines Penis.
(Warren Ellis: Gott schütze Amerika, S. 314)

Ach Gottchen, ach Gottchen, ach Gottchen. Ellis versucht zweifellos, seine krude Story in einer bösen und abartigen Welt temporeich herunterzuerzählen und sie mit einem Schuss von "true love" anzureichern, aber ihm gelingt dabei mehr oder weniger nur die Aneinanderreihung von Episoden. So jagt er seine beiden Helden auf der Suche nach der "Geheimen Verfassung des Landes" von New York, Texas und über Las Vegas nach Los Angeles. Und die Typen, auf die sie dabei treffen, scheinen allesamt aus einem Monstrositäten-Kabinett der amerikanischen Gesellschaft entsprungen zu sein. Die "Verfassung des Landes" scheint also ganz und gar nicht gut zu sein, und wenn man dem Realitätsanspruch von Ellis glauben darf (im Bonusmaterial auf S. 289-303), dann sollte man sich die USA wohl als bigottes Irrenhaus vorstellen, bei dem man nur zu hoffen ist, dass es in seinen schlimmsten Teilen eine geschlossene Anstalt bleibt.
Ellis beschreibt mit seiner seltsam flapsigen Satire also ein tiefgreifendes Phänomen von Sex und Macht und von einem Sex-Business, der längst auf den gesellschaftlichen Alltag übergegriffen hat. In Deutschland wird solches immer noch als Oberflächenphänomen wahrgenommen, so vor allem, wenn es um Kinderpornographie geht. Wie sehr käuflicher Sex und allerhand Perversitäten zum Alltag der gesellschaftlichen Stützen gehört, bemerkt man erst, wenn z.B. ein Michel Friedman mit osteuropäischen Prostituierten "erwischt" wird (was er mit denen wohl letztlich alles gemacht hat? Getalkt?) oder wenn aufgedeckt wird, wie VW-Betriebsräte ihren Jahresurlaub regelmäßig mit ein wenig Sex-Tourismus aufgepeppt hatten. Man möchte sich das im Detail gar nicht erst vorstellen. - Die Medien dagegen schon: Sex sells, selbst wenn man ihn hierzulande i.d.R. auch nur sehr verhohlen vermarkten darf und nur nachts etwas freizügiger in den Fernsehbordellen der tittenübersäten Privatsender ausstrahlen darf.
Dennoch würde einem die ungeheure Brutalität und Verkommenheit, die hinter diesen "Normalitäten" und Sex-Maschinerien steckt, einem wohl sofort die Magensäure hochtreiben. (Nur dass man sich dabei nicht auf die feinen Schuhe und Oberteile der Krawattenmänner und Anzugträger übergeben kann.)

Und etwa auch hier liegt in "Gott schütze Amerika" der Hund begraben: Ellis baut viel zu sehr auf Effekte und die Erwartungen seiner Leser. Pures Kalkül. Dem soll dann wohl auch noch ein Hauch von Hunter S. Thompson innewohnen, sozusagen ein wenig "investisexiven" Journalismus transportieren, es wirkt aber trotz seiner durchgehenden Härte und Drastik der Schilderungen oft nur flapsig und kindisch. Aber vielleicht ist der Autor auch nur zu sehr der Comic-Sprache seiner Graphic Novels verhaftet, für die einen gewissen Berühmtheitsgrad genießt.
Die Hintergrundphänomene zu dem Roman hätten zweifellos das Zeug zu einer wirklichen Satire abgegeben, doch dann kommt der britische Autor Ellis daher und bewegt sich wie ein ballspielender Rotzjunge durch die breiten Lachen des gesellschaftlich (V)Erbrochenen.

Fazit: Leider kann ich persönlich mit dem Buch Null Komma nichts anfangen. Es ist albern, völlig überdreht und kokettiert mit unzähligen Trash-Klischees. Für Trash-Fans mag es umgekehrt wohl durchaus auf 6 von 10 Geschmacklosigkeitspunkten kommen. Zu einer durchdachten Sex- und Gesellschaftssatire reicht das Potenzial des Autors dagegen bei weitem nicht. Dazu ist das bisschen George W. Bush-bashing und die fast bieder anmutende Lovestory zwischen dem Detektiv und dem Mädchen einfach zu wenig. Und dazu wirken die zahlreichen "coolen Sprüche" letztlich dann doch ein wenig zu bemüht.
Und da Trash für meine Begriffe einfach nur den Bewertungsfaktor 0-x haben sollte, also quasi umgekehrt gemessen werden sollte, geben wir mit unserer eigenen Bewertung einem weiteren Dilemma Ausdruck: Das hier ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Der Fisch stinkt nicht richtig und das Fleisch ist nicht verdorben genug. Das Buch ist einfach nicht gut genug und gleichzeitig nicht schlecht genug, als dass man es unbedingt lesen müsste.

[ hs/07.09.2009 ]
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