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Sallis, James Dunkle SchuldOriginaltitel: "Cypress Grove" (Walker Publishing Company, Inc.: New York 2003)
Unsere Meinung:"Ich hatte auf der Couch des Reviers geschlafen und war wach gewesen um 10:35, 11:13, 2:09, 3:30, 5.18 und 6:10. (Ah, das digitale Leben! Niemals gibt es einen Zweifel, an welchem Punkt man sich gerade eben befindet.)"
(James Sallis: Dunkle Schuld, S. 87) James Sallis beschreibt in "Dunkle Schuld" die Geschichte des ehemaligen Polizisten Turner, der eine düstere Vergangenheit mit sich herumträgt. Als Vietnam-Veteran, Polizei-Detective in der Südstaaten-Metropole Memphis, Psychotherapeut und nach vielen Jahren der Gefängnisstrafe wegen eines Mordes möchte er sich in Freiheit endlich zur Ruhe setzen. Dazu zieht er sich in das kleine Provinzkaff Cypress Grove zurück, und hier im sehr ländlichen Tennessee ticken die Uhren auch tatsächlich anders. Bald jedoch hängt er wieder unweigerlich seinen vielen Vergangenheitsmomenten nach. Zeit genug zum Nachdenken hat er. "Ich habe deinen unmöglichen Krieg für dich gekämpft, Amerika. Ich bin aus ihm zurückgekehrt, und acht Jahre lang wurde ich als Cop tagein, tagaus Zeuge des Schlimmsten, was du und deine Bürger sich antun können. Fast genauso lange lebte ich dann in den Köpfen einiger der Menschen, denen wir – du und ich – am meisten Schaden zugefügt hatte. Wenn ich sage, ihr Lächeln könnte einem das Herz brechen, dann meine ich es wortwörtlich." (James Sallis: Dunkle Schuld, S. 177) Als in dem kleinen Nest ein brutaler Mord geschieht, bittet ihn der örtliche Sheriff Lonnie Bates um Hilfe. Dieser hatte es bisher nur mit Diebstählen, Kneipenschlägereien und kleineren Delikten zu tun. Bei der Aufklärung des vorliegenden Falles, bei dem ein junger Mann gepfählt und gekreuzigt wurde, zeigt er sich fast zwangsläufig überfordert. Dabei sieht alles nach einem Ritualmord aus, und erst als die beiden Ermittler auf die verquere Filmleidenschaft des Ermordeten Carl Hazelwood stoßen, ergibt sich eine erste ernstzunehmende Spur in dem Fall ... Unterdessen wird Turner fortwährend von seiner alptraumhaften Vergangenheit eingeholt. Der unglückliche Tod seines Partners bei der Memphis Police, die heftige und mörderische Zeit im Gefängnis ... "Leben, hat mal jemand gesagt, ist das, was passiert, während wir darauf warten, dass andere Dinge passieren, die nie eintreten." (James Sallis: Dunkle Schuld, S. 13) Turners von bitteren Erfahrungen geprägtes Leben scheint nicht zur Ruhe kommen zu wollen. Die Leute in Cypress Grove schätzen ihn zwar und er gewinnt auch neue Freunde, mit Val, einer Anwältin der State Police, entwickelt sich sogar das zarte Pflänzchen einer Beziehung, doch trotz allem lassen ihn die bösen alten Gespenster aus der Vergangenheit einfach nicht los. Turner weiß zudem, dass er alt geworden ist. - Zu alt, um hier in Cypress Grove ein neues Leben zu beginnen? "Hier oben ist man nie weit von der Erkenntnis entfernt, dass die Zeit nur eine Illusion ist, eine Lüge." (James Sallis: Dunkle Schuld, S. 10) James Sallis’ Kriminalroman "Dunkle Schuld" ist ein Buch mit viel Südstaaten-Ambiente und der Beginn einer elegischen Trilogie um den alternden Polizisten Turner. Der präzise Erzählstil des Autoren hat hier zwar nicht das Tempo und die Schärfe seiner früheren Romane "Driver" oder der Lew-Griffin-Serie, doch schafft er es auch hier, mit seinem eindringlich lakonischen Grundton und einem ständigen Wechsel von Gegenwartsmomenten und direkten Rückblenden in Turners Vorgeschichte eine Spannung zu erzeugen, die den Leser auf ganz andere Weise in seinen Bann zu ziehen vermag. "Dunkle Schuld" erweist sich so als ein sehr nachdenklicher, fast philosophischer Kriminalroman und ist in vielen Stellen von einer Poesie erfüllt, die man dem Genre heutzutage kaum noch zutrauen mag. Vielleicht werden manche diese poetische Einfärbung als zu manieriert empfinden, doch letztlich scheint mir Sallis dieser sprachliche Balanceakt durchaus gelungen: "Dunkle Schuld" ist Noir-Poesie reinsten Wassers. Doch nicht alles an diesem Roman erscheint mir gelungen. Das zentrale Erzähl- und Gegenwartsmotiv des Ritualmords, bei dem ein närrischer Filmfreak seiner eigenen Leidenschaft zum Opfer gefallen ist, verkommt trotz interessanter Erzählmomente und eines kleinen Showdowns über weite Strecken fast ein wenig zur Randnotiz. Auf konventionelle Spannungsmache kommt es Sallis allerdings auch gar nicht an. Spannung entsteht bei ihm zwischen den Menschen, und nicht aus purer Spannungstechnik oder Überraschungsmomenten. "Cypress Grove" (so wie der Ort der Handlung lautet auch der Originaltitel des Buches) zeugt angesichts der Beschreibung von Gewalt und Verbrechen vor allem von großer Menschlichkeit. Und James Sallis beschreibt hier wiederholt die Bedingungen des Menschseins unter den denkbar ungünstigsten Voraussetzungen, nämlich im Milieu von Armut und Verlorenheit, von Gewalt und Verbrechen. James Sallis ist ein herausragender Erzähler und muss wohl zu den großen zeitgenössischen Autoren der amerikanischen Kriminalliteratur gezählt werden. [ hs/01.08.2009 ]
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Krimi-Specials
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