Titel: Wo die Zitronen blühen

Carlotto, Massimo Wo die Zitronen blühen

Originaltitel: "Nordest" (Edizioni e/o: Rom 2005)
Aus dem Italienischen von Judith Elze

Im Nordosten Italiens werden die Kleinstädte von wenigen Industriellenclans dominiert. Francesco Visentin ist Spross einer wohlhabenden Anwaltsfamilie. Wenige Tage bevor er heiratet, wird seine Braut tot aufgefunden - brutal ermordet. Die Suche nach dem Mörder offenbart nach und nach die skrupellosen und mafiösen Praktiken der Geschäftswelt.

Autor: Carlotto, Massimo
Titel: Wo die Zitronen blühen
Jahr: 2009-09
Seiten: 226 | Hardcover
Verlag: Tropen
ISBN: 978-3-608-50203-9
Preis: 18.90 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"Das Wort `Familienbande´ hat einen Beigeschmack von Wahrheit."
(Karl Kraus, in: Fackel 237, S. 6; Sprüche und Widersprüche)

In Italien spielt die Institution der Familie bzw. die Familie als solche immer noch eine sehr große Rolle. Sie übt dort nach wie vor nicht nur im Privaten sehr viel Macht auf die Menschen aus. Wenn es sich um reiche und traditionsreiche Familien handelt, dann reicht diese Macht oft weit ins Öffentliche und Politische hinein. Mächtige Familien bestimmen das Geschick von ganzen Regionen. Dass wir dabei unwillkürlich an die Mafia und ihre famiglias (sizilianisch "la famigghia") denken müssen, ist beileibe nicht nur ein ironischer Randaspekt einer solchen Betrachtung.

In dem gesellschaftskritischen Kriminalroman "Wo die Zitronen blühen", in dem Massimo Carlotto zusammen mit seinem Ko-Autoren Marco Videtta seine fortgesetzten Angriffe auf die korrupte italienische Gesellschaft mit literarischen Mitteln fortsetzt, geht es genau um solche Zusammenhänge. Der Roman spielt allerdings nicht auf Sizilien oder in Neapel, sondern in Nordostitalien, einer Region, die sich im Roman wie in Wirklichkeit in einem starken und krisenhaften Strukturwandel befindet.

Im Roman wird eine der vielen industriell geprägten Kleinstädte dort von zwei Clans beherrscht, der einflussreichen Anwaltsfamilie Visentin und der Unternehmerfamilie der Contessa Calchi Renier. Die hoffnungsvollen Sprösslinge der beiden Familien, der junge Anwalt Francesco Visentin und das psychopathische Muttersöhnchen Filippo, sind jedoch eher enttäuschende Exemplare der jeweiligen Generationslinie und taugen kaum zur Nachfolge an der Macht. Sie bringen neben einigen anderen Schwächen vor allem nicht genügend Machtbewusstsein mit.
Vor allem ahnen beide nicht, wie tief sie dennoch bereits in die Machenschaften ihrer Clans verstrickt sind. Bis eines Tages Francescos Braut Giovanna kurz vor der Hochzeit einem Mord zum Opfer fällt. Ganz offenbar hatte sie seit einiger Zeit eine geheime Liebesaffäre begonnen, wobei sie dann allem Anschein nach von ihrem Liebhaber ums Leben gebracht wurde. Francesco ist geschockt und würde am liebsten gleich jedem einzelnen Verdächtigen persönlich an die Gurgel gehen. Allerdings gehört er als gehörnter Bräutigam selbst zum Kreis der Verdächtigen, weil er für die Tatzeit kein Alibi vorzuweisen hat.
Die Ermittlungen verlaufen schleppend, in der Kleinstadt brodelt es vor Gerüchten, weil alle von einem Familiendrama ausgehen. So werden denn auch Francesco und Fillipo, die sich untereinander spinnefeind sind, seit der eine dem anderen die frühere Freundin (Giovanna!) ausgespannt hat, als Erstes verdächtigt. Doch erst die unkontrollierte Wut, aber auch die Beharrlichkeit des Anwaltsohnes Francesco bringen langsam Licht ins Dunkel der tatsächlichen Geschehnisse. Denn er stößt sehr bald auf einen Wust von Korruption, Intrigen und tödlichen Geschäften ...

Mit diesem düsteren Familiendrama scheint das Autorengespann Carlotto/Videtta aufzeigen zu wollen, wie tief Korruption und Verbrechen selbst ohne die allgegenwärtige Mafia inzwischen in der italienischen Gesellschaft wurzeln. Das scheint überspitzt, wird aber in den Grundlinien überzeugend dargestellt. Gleichwohl kann der Roman längst nicht so stark überzeugen wie Carlottos in Deutschland unmittelbar nacheinander erschienenen Vorgänger "Arrivederci amore, ciao" (2001; dt. 2007), dem heftigen Drama in "Die dunkle Unermesslichkeit des Todes" (2005; dt. 2008) und dem ganz großartigen "Ich vertraue dir" (2007; dt. 2009). Dazu fehlt es der tragischen Geschichte an Ausdruck und an dramatischer Zuspitzung.
Zwar entfalten zum Beispiel die gezielt eingesetzten Perspektivwechsel des Autorengespanns einen bemerkenswerten stilistischen Ausdruck, dennoch fehlt es dabei den wechselnden Erzählpersonen ein wenig an Überzeugungskraft. So erleben wir die anfängliche Mordszene an Giovanna (wie auch einige spätere Szenen) aus dem Blickwinkel des Opfers, bis dann neben neutralen Erzählpassagen schon bald der Ich-Erzähler Francesco als Ermittler auf die Bühne tritt, um den Tod seiner Braut aufzuklären. Genau mit der Figur des Francesco kann man sich aber nur schwer identifizieren. Er hinterlässt einen zu schwachen und unentschiedenen Eindruck, womit man sich als Leser tendenziell auf eine nüchterne Distanz zum Erzähler und Erzählten zurückzieht, während sich hier im Grunde doch ein großes Drama abspielt. Die Darstellung von Francescos inneren Konflikten zwischen Eifersucht, Selbstvorwürfen und Verdächtigungen erscheinen deshalb seltsam irrlichternd und kraftlos.

Der Roman hat 215 Seiten. In einem solchen knappen Rahmen sollte eine solche thematisch aufgeladene Geschichte (Mord, Eifersucht, Korruption und Wirtschaftsmafia) natürlich mit besonderer Intensität erzählt werden. Genau diese Intensität vermisse ich, da dieses Familiendrama seine Wirkung offenbar besser in einem epischen Rahmen entfaltet hätte. So bleiben letztlich viele Momente zu oberflächlich, wie zum Beispiel das zynische Selbst- und Herrschaftsverständnis der Familienclans oder die gesellschaftskritische Darstellung der Zusammenhänge zwischen Faschismus, Rassismus und wirtschaftlicher Krise. Deswegen ist es auch absurd, den Roman als "die Buddenbrooks in noir" (Klappentext) zu bezeichnen. Dazu ist der Text viel zu kurzatmig und an schneller Wirkung orientiert.

Fazit: Kennen Sie den Film "1900" von Bernardo Bertolucci? Dort werden frappierend ähnliche Zusammenhänge mit weit größerer Intensität und politischer Schlagkraft in (Bild)Sprache umgesetzt und dargestellt, wie sich der Faschismus in das Selbstverständnis der italienischen Machteliten eingegraben hat und welche zerstörerische Wirkung er als gesellschaftliche Kraft zu entfalten vermag (mörderische Wirkung inbegriffen). Carlottos und Videttas "Wo die Zitronen blühen" hält man ganz sicher kein Meisterwerk in den Händen – wobei ein solches gerade von Massimo Carlotto vielleicht schon bald zu erwarten ist. Lesenswert bleibt der Roman allemal. Deshalb hoffen wir nicht zuletzt in aller Bescheidenheit, dass wir mit unserer Kritik ein wenig zur Ihrer geschmacklichen Orientierung beitragen konnten. Schließlich kann dieses gesellschaftskritische Familiendrama von seiner Anlage her und im Zweifelsfall durchaus auch auf ganz falsche Lesererwartungen treffen.

[ hs/24.09.2009 ]
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