Titel: Im Namen des Schweins

Tusset, Pablo Im Namen des Schweins

Originaltitel: "En el Nombre del Cerdo" (Ediciones Destino: Barcelona 2006)
Aus dem Spanischen von Ralph Amann

Hauptkommissar Pujol wird kurz vor dem Ruhestand in ein abgelegenes Bergdorf außerhalb von Barcelona gerufen. In einem Schlachthof wurde die in 36 Einzelteile zerlegte Leiche einer stark übergewichtigen Frau gefunden. Der Fall erscheint ebenso rätselhaft wie skurril, denn im Mund der Frau findet man einen Zettel mit der Aufschrift "Im Namen des Schweins".

Autor: Tusset, Pablo
Titel: Im Namen des Schweins
Jahr: 2009-09
Seiten: 576 | Taschenbuch
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-81176-8
Preis: 9.95 EUR

Status: Lieferbar

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Unsere Meinung:

"T lacht lauthals, aber unaffektiert auf: `Wer wählt was? Hast Du Deine Vergangenheit gewählt? Denkst Du, dass Du dafür Deine Zukunft wählen kannst? Es gibt einen mächtigeren Gott als den halbwegs christlichen, an den Du noch nicht einmal fest glaubst. Neben dem Chaos und dem Kosmos, neben Eros und Thanatos, neben Satan und Jahwe regiert noch ein mächtigerer Herr: Es gibt einen Schiedsrichter, der bei jedem Kampf unter niederen Gottheiten den Sieger bestimmt. Du kennst seinen Namen. Du kennst ihn in mehreren Sprachen. Du hast ihn sogar schon einmal im Wörterbuch nachgeschlagen. Auf Italienisch heißt er azzardo; auf Spanisch azar; auf Englisch hazard; auf Arabisch zahar, wie die Blume, kurz: der Zufall. Das Unvorhersehbare, Unwägbare, das Unerwartete, das Unglück und Tod mit sich bringt: die Gefahr, zu existieren.´"
(Pablo Tusset: Im Namen des Schweins, S. 554 f.)

Pablo Tussets Roman "Im Namen des Schweins" ist die seltsame Geschichte von zwei Männern, die beide vor einem neuen Leben stehen, die aber gleichzeitig auch beide im Verlauf der Handlung ins Angesicht des Todes blicken müssen. Der eine ist Pujol, ein altgedienter Hauptkommissar aus Barcelona, der kurz vor seinem verdienten Ruhestand zu einem abstrusen Mord in einer naheliegenden katalonischen Bergprovinz ermitteln muss. Der andere ist sinnigerweise Pujols 43jähriger Adoptiv- und Ziehsohn Tomas, der jahrelang als erfolgreicher Undercover-Ermittler gearbeitet hat, ziemlich ausgebrannt ist und sich nun in seinem Sabbatjahr auf einer Reise in New York davon erholt.
Während Pujol sich mit seiner Frau Mercedes so im Sommer 2001 gemächlich seiner Rente entgegenbewegt und alle Vorbereitungen für seinen Lebensabend betrifft, verliebt sich sein Ziehsohn Tomas in New York in die junge Suzanne Ortega, die ihm aber trotz einer innigen romantischen Affäre den Laufpass gibt. In Manhattan kommt Tomas aber gleichzeitig vage zu Bewusstsein, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt. Er leidet an hochgradiger und gewalttätiger Schizophrenie, ohne dass er dies jedoch erkennt oder dass er sich entsprechende Symptome dazu ernst nimmt. Er ist gefangen von seiner traumatischen Vergangenheit als Waisenkind und von der ambivalenten Gegenwart als Undercover-Ermittler mit dessen verschiedenen Rollen. Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde übertritt er zunehmend unbewusst die Grenzen zwischen Gut und Böse, ohne seinen psychischen Verfall realisieren geschweige denn kontrollieren zu können. Als Tomas wegen seiner desillusionierten Liebe früher als geplant nach Barcelona und in die Polizeiarbeit zurückkehrt, wird er sogleich in Pujols letzten Fall als verdeckter Ermittler in dem Bergdorf San Juan del Horlá eingesetzt.

San Juan del Horlá ist ein seltsames Provinznest mit äußerst seltsamen Menschen, in dem die Großschlachterei Hauptarbeitgeber und Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens ist. Der abstruse Fall, den es dort aufzuklären gilt, ist der bestialische Mord an einer Frau, die in jener Schlachterei tot aufgefunden wurde und wie ein Schlachtschwein in ihre Einzelteile zerlegt worden war.
Daneben genießt das Dorf mit seinem nahegelegenen "Zauberberg" Horlá den makabren Ruf, Selbstmörder wie magisch anzuziehen. Für die festgefahrenen Mordermittlungen scheint aber weitaus interessanter, dass sich hier in diesem Ort ohne Polizeiposten überdies so etwas wie ein regionaler Drogenumschlagplatz etabliert zu haben scheint. Kokain wird offen gehandhabt und das Marihuana wächst neben der Straße in den Vorgärten. Doch in der engen, kleinen und etwas surrealen Welt des Bergdorfes herrscht durchaus soziale Kontrolle vor, und für einen Fremden ist es dadurch überaus schwer, dort Fuß zu fassen.
Wie sollte also da ein verdeckter Ermittler so einfach eine Anstellung in der Schlachterei finden, um die dortigen Machenschaften offen zu legen? Zudem gibt es in dem Dorf noch mehr Menschen mit übler Vergangenheit und dunklen Geheimnissen. Und wie kommt Tomas in dieser düsteren und fast gespenstischen Atmosphäre mit seinen eigenen dunklen Seiten zurecht?
Unterdessen finden am 11.09.2001 in New York, die Stadt, die Tomas so liebt, die Anschläge auf das World Trade Center statt. Danach ist nichts mehr wie es war. Es herrscht Kriegszustand. Und auch Tomas geht in der Folge zunehmend auf Konfrontationskurs zu den Dörflern, die – und darüber ist er sich schon früh ganz sicher - vieles zu verbergen haben.

Pablo Tusset hat hier mit "Im Namen des Schweins" einen vielschichtigen und komplexen Roman abgeliefert, der die üblichen Grenzen des Kriminalromans bei weitem sprengt. Tusset kokettiert in seinem Buch mit überaus zahlreichen kulturhistorischen und literarischen Anspielungen, womit er die Handlung aber letztlich ins Mystische und Psychedelische übersteigert. So muss wieder einmal Hieronymus Bosch mit seinem apokalyptischen Tryptichon-Gemälde "Der Garten der Lüste" für eine geheimnisvolle und durchaus auch etwas kafkaeske Geschichte herhalten. (Auch bei Letzterem gehen die Assoziationen der Inspektion der Fleischfabrik mit Kafkas Erzählung "Die Strafkolonie", die Konstruktion des einsamen Dorfes mit seiner Schlachterei, was andeutungsweise wie die Szenerie aus "Das Schloß" wirkt.). Reich ist das Buch überdies an Anspielungen auf alte Hollywoodfilme und die zeitgenössische Popmusik (u.a. Manu Chao). Wer’s versteht, für den mag das alles ja sehr anregend wirken und ein wenig über die lange Lesestrecke hinweghelfen. Für andere, für die sich jener Anspielungsreichtum nicht erschließt, mag sich mit dem dickleibigen Roman allerdings ein gähnender Abgrund auftun.

Gleichwohl weckt Tusset mit seinen anspielungsreichen Details durchaus geschickt Assoziationen und erzeugt eine eigenartige Atmosphäre, wobei er seine Handlung über lange Zeit in zwei ruhige, beinahe sachliche, dann aber auch wieder eruptive Erzählströme einbettet. Darunter sind sehr schöne und bemerkenswerte Erzählpassagen, so wie jene Sequenz, in der Pujol nach einem schweren Unfall dem Tod ins Auge schaut. Doch Tusset erzählt und erzählt und erzählt, und obwohl er zweifellos ein phantasievoller und womöglich herausragender Erzähler ist, wirken seine Geschichten über den Kommissar und seinen düsteren Ziehsohn hier über die gesamten 565 Seiten der Lektürestrecke auch für wohlwollende Leser etwas langatmig und ermüdend. Zu sehr fallen über das gesamte Buch leider die einzelnen Spannungsmomente ab, zu sehr stehen in dieser Form die vielen Einzelschicksale der Protagonisten einer klaren Erzähllinie im Weg, - selbst wenn sich Tussets Tomas stellenweise wie Hubert Selbys "Dämon" durch New Yorks Straßen bewegt oder einige Zeit später fast schon einen Hauch von einem "Spanish Psycho" verbreitet.

Bei so vielen Buchstaben und Sätzen und Anspielungen unter zwei Buchdeckeln schaut man bei einem Erzähler wie Tusset überdies schon zweimal hin. Und da kommen dann zum etwas merkwürdigen Lesegefühl schließlich noch ein paar ganz andere Auffälligkeiten dazu:
Tomas wird von seinen Polizeikollegen immer nur T oder nach dem jeweiligen Decknamen mit dem Initial des Vornamen benannt. So hält es auch der Autor mit seiner Figur. Als Tomas in dem Bergdorf als "Pedro" auftritt, bezeichnet ihn Tusset konsequenterweise nur noch als P, kommt aber in manchen Szenen offenbar selbst mit seinem Namensspiel durcheinander (vgl. so z.B. S. 312 und S. 313). Seltsam muten zudem einige Übersetzungsdetails an, so wenn Kommissar Pujol die Rückreise von Tomas "irgendwie spanisch vor" vorkommt (vgl. S. 200). Kommt einem Spanier (oder meinetwegen auch einem Katalonen) etwas "spanisch vor", wenn ihn etwas befremdet?
An anderer Stelle erzählt Tomas seiner Geliebten Suzanne von den Obsessionen polizeilich bekannter Psychopathen und erklärt ihr den vorgeblichen kriminalwissenschaftlichen Begriff des "intrauterinen Heimwehs". Er vergleicht dies im Weiteren mit seiner eigenen Obsession, wie gerne er doch in einer besinnlichen Fahrt mit dem Auto durch die Großstadt fahren würde: "Während es draußen regnet, durchquere ich in meiner klimatisierten Blase die Stadt ... Stereomusik, ein weicher Airbag und ich am Lenkrad ..." (S. 272f.) - Schön und gut: Aber wozu benötigt Tomas hierbei einen "weichen Airbag"?
Einige Erzählmomente später fragt Kommissar Pujol seine Ehefrau Mercedes, ob er sie etwas Bestimmtes fragen darf (S. 290). Sie antwortet in tendenziell doppelter Verneinung (die es im Spanischen, aber grammatikalisch korrekt so leider nicht im Deutschen gibt): "Seit wann fragst Du mich um Erlaubnis, ob Du mich nichts [etwas! - H.S.] Bestimmtes fragen darfst." – Dazu kommt dann noch zu allem Überfluss und im Detail, dass die persönliche Anrede "du" in Dialogen hier durchgehend groß geschrieben wird, was im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch aber seit langem nicht mehr üblich ist (sondern nur noch in Ausnahmefällen wie der Briefform und in Substantivierungen verwendet werden kann).
Was ich damit sagen will: Ralph Amanns Übersetzung aus dem Spanischen ist keinesfalls schlecht, aber der Verdacht liegt nahe, dass bei Tussets endlosem Erzählstrom dem Lektor und seinen Korrektoren stellenweise wohl mehr als nur einmal die Äuglein zugefallen sind. Solchen Schludrigkeiten gilt hier deshalb nur ausnahmsweise einmal eine exkursive Detailkritik, über die sich ein Rezensent immer unsicher ist, ob überhaupt und wie er sie denn einigermaßen gerecht äußern soll, ohne haarspalterisch wirken zu wollen oder gar wirklich zu werden. (Doch solche Momente nähren bei einem komplexen Buch einfach Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Textes!)
Tiefergreifende Denkfehler der Übersetzung hat übrigens bereits Thomas Wörtche in einer früheren Rezension der Hardcover-Ausgabe deutlich kenntlich gemacht (vgl. Thomas Wörtche, Tiefere Bedeutung als Drohung. In. Titel-Magazin vom 26.04.2008 unter http://www.titel-magazin.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=6964).

Vielen Lesern werden die Momente solcher Detailkritik bei der eigenen Lektüre vielleicht gar nicht so stark auffallen. Doch all dies (Gute wie Fragwürdige) steckt in dem überambitionierten 565-Seiten-Roman, der mich zwar stellenweise stark beeindruckt, aber nie vollends mitgerissen hat. Pablo Tussets literarisches Vexierspiel in Form eines fantastischen Kriminalromans ist meiner Meinung nach nicht überzeugend genug aufgegangen. So suchte ich zuletzt verzweifelt nach einer stimmigen "Moral" des Über-500-Seiten-Schinkens. Fragte die berühmte Frage: Was will mir der Autor damit sagen? Wozu das Ganze? Ich hielt aber nur 464 g "Krimi" in den Händen und spürte irgendwann genau jenes präzise karnivore Gefühl, dass ich dabei eben doch kein Filetstück, sondern nur eine exquisite Schwarte erwischt hatte.

[ hs/19.09.2009 ]
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