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Michaelis, Antonia Kreuzberg 007 - Mission grünes MonsterKINDER- UND JUGENDBUCH
Unsere Meinung:"Kinder brauchen ihre Schurken. Sie können zwischen Gut und Böse gut unterscheiden."
(Astrid Lindgren; zitiert nach: Interview von Roswitha Budeus-Budde, Die Verlegerin Heidi Oetinger erinnert sich an ihrem 100. Geburtstag an die Zeit mit Astrid Lindgren und James Krüss. Aus: Süddeutsche Zeitung vom 18.11.2008) "Kreuzberg 007" ist die Geschichte der beginnenden Freundschaft der drei Kreuzberger Kids Pelle, Max und Bella, die zum Leidwesen ihrer Eltern den genauso bekannten wie beliebten Berliner Bergmannkiez nach immer neuen Abenteuern durchstreifen. Pelle, der mit seinem alleinerziehenden Vater Otto, einem Koch, im fünften Stock der Kreuzberger Gneisenaustraße 92 lebt, ist froh, endlich Freunde gefunden zu haben. Es war schwierig genug, und lange Zeit war bei ihm zuhause James sein einziger Freund. "James" allerdings ist nur eine Figur auf einem alten Filmposter, die James Bond darstellt. Dennoch ist Pelles Beziehung zu "James" in etwa so eng wie die von Calvin zu seinem Stofftiger Hobbes in der amerikanischen Comic-Serie. Pelles Einsamkeit hat schnell ein Ende, als im 3. Stock eine neue Familie mit Kindern einzieht. Die Kinder sind die beiden Geschwister Max und Bella, und mit den beiden kommt von Anfang an keine Langeweile auf. Bald wird die kleine, neu gebildete Kindergang in ihrem Lieblingscafé "Café au Spree" über einen Aushang auf eine Suchanzeige aufmerksam. Ein kleines Krokodil – genauer: ein Kaiman – ist seiner Besitzerin ausgebüchst. Und es gibt von dem Tier bisher keinerlei Spur. Das stellt für die drei neuen Freunde die ideale Herausforderung dar, worauf sie sich prompt als Detektive betätigen und das gesamte Kreuzberg südlich des Landwehrkanals (inklusive der Hasenheide) nach dem (gefährlichen?) Reptil abstreifen und durchforsten. Und was für ein Abenteuer! – wenn da nur nicht die Schulprobleme von Max und seine gestrenge Lehrerin Frau Ziesel wären … Nach Andreas Steinhöfels herausragendem Kinderkrimi "Rico, Oskar und die Tieferschatten" (8 von 10 Patronen) ist innerhalb kürzester Zeit ein zweites Kinderbuch erschienen, das mit seiner "Krimihandlung" in Berlin-Kreuzberg angesiedelt ist. Doch Antonia Michaelis sehr naiv erzählte Geschichte "Kreuzberg 007" bewegt sich leider bei weitem nicht auf dem Niveau des genauso spannenden, phantasievollen und dabei doch realitätsnahen Steinhöfel-Romans. Michaelis stand wohl mehr nach einem harmlosen Kinderkrimimärchen, das wird schon in ihren ersten Sätzen deutlich: "Es war einmal Berlin. Es war einmal ein besonders buntes Stadtviertel von Berlin, das hieß Kreuzberg." (Antonia Michaelis, Kreuzberg 007 - Mission grünes Monster, S. 9) Was die Autorin dann allerdings in der Folge bietet, sind seltsam biedere und lebensfremde Abziehbildchen jenes Kreuzberg 61, in dem sie die Handlung ihres Kinderbuches angesiedelt hat. Dabei wäre Kreuzberg 36 mit seinen Strichern, Pennern und Alkoholikern auf offener Straße wohl zuviel des Guten gewesen und hätte der Autorin dann wohl schließlich doch einen zu entschiedenen Strich durch die harmonische Kinderbuchrechnung gemacht. Stattdessen jagt sie ihre drei blutjungen Helden durch einen Berliner Phantasie-Stadtteil und durch eine rasante Handlung, die sich damit jedoch nicht unbedingt klarer gestaltet. Ein unausgegorener Einfall jagt den anderen, und auch die aneinandergereihten Witze der Autorin vermögen nur an wenigen Stellen wirklich zu zünden. Kein Erzählstrang und kaum eine Figur wird ausführlicher behandelt, so dass viel zu vieles in der Geschichte an der Oberfläche bleibt und vom wilden Erzählstrom bis in die Bedeutungslosigkeit mitgerissen wird. Was soll das?, fragte ich mich deshalb mehrmals bei dieser seltsam langweiligen Lektüre. Und ja, dachte ich mir dann irgendwann: Als Kind, und ich kann mich durchaus noch sehr gut an meine ersten Lektüreerlebnisse in meiner Kindheit erinnern, hätte ich mich von so einem Kinderbuch schlichtweg "verarscht" gefühlt. Das mag nach einem verallgemeinerten Verständnis womöglich noch alles "kindgerecht" und womöglich "pädagogisch wertvoll" eingeschätzt werden, was sich hier die Autorin ausgedacht hat, aber es ist dann leider doch noch viel mehr als das, nämlich wirr, im Grunde nur bieder, langweilig und trotz Märchenmotiv auch so unglaubwürdig, dass es beinahe blödsinnig wirkt. So wie Pelle & Konsorten bewegt sich kein Kreuzberger Kind durch seine Straßen. Auch in keinem Märchen. Und mit Frau Lindgren, die aus reicher Erfahrung weit weniger zimperlich damit war, welche Geschichten Kinderseelen zu ertragen vermögen, darf man sich über die fragwürdige Moral wundern, mit der Michaelis ihre Geschichte in Watte packt. Besonders ärgerlich ist schließlich noch der Stadtführer-Aspekt dieses sehr unausgegoren wirkenden Kinderbuchs: Neben ein paar Kreuzberg-Spaziergängen und dem offenbar unvermeidlichen "Sightseeing" (Denkmal Kreuzberg, Wasserturm – dazu ein seltsamer Stadtplan mit befremdlicher Legende auf S. 174-175) kommen die drei Gören nämlich nur an seltsam ausgewählten Orten vorbei: So u.a. an dem "legendären" Würstchenstand namens "Curry 36": ein tatsächlicher Ort der Kreuzberger Realität, wie absurd auch die "Legende" um dieses Fast-Food-Abfütterungsstelle auch sein mag. Hier mag man sich überdies wundern, weshalb hier im Buch extra dafür Werbung gemacht wird. Dann gibt es in dem Buch noch ein Café mit dem dämlichen Namen "Café au Spree" (Ort der reinen Fiktion), in dem die drei Kinderhelden ein verlängertes Wohn- bzw. Kinderzimmer vorfinden, das ich mir aber so in ganz Berlin kaum vorstellen mag. Und neben anderem Lokalkolorit schließlich noch der Öko-Supermarkt am Mehringdamm, neben ein wenig Multikulti auch noch vage Andeutungen des Kreuzberger Prekariats – political correctness, ick hör dir trapsen. Hier fragt man sich zudem, was Leser/innen, die nicht aus Berlin stammen, mit diesen seltsamen Versatzstücken der Geschichte anfangen sollen. Und was zum Teufel hat die Autorin geritten, eine solche Kitsch-Version des Kreuzberger Lebens anzufertigen? Eine verkappte Satire ist ihr Buch nämlich und wiederum auf keinen Fall. Und pflichtschuldigst installiert Antonia Michaelis dann noch ein paar Figuren wie "Milde-Gabe" und "Haste-mal-n-Euro", die für eine harmlose Penner- und Punker-Fraktion stehen, über die sich die wahren Penner, Punker und Absturzgestalten in Kreuzberg wohl in den vorzeitigen Tod lachen würden. Michaelis’ Figuren wirken hier im Übrigen auch so schon so leblos, als hätte die Autorin es bereits beim Schreiben bereut, sie im Sinne des pittoresken Lokalkolorits überhaupt erwähnen zu müssen. Fazit: Schlecht. Ganz schlecht. "Kreuzberg 007" ist ein unsäglicher Erzählkleister, den ich kaum jemanden empfehlen kann oder möchte. Ich sage das so deutlich, weil das Buch mich auf 175 Seiten in wirklich so vielen Teilen schlicht geärgert hat. - Und weil’s nachweislich nun tatsächlich auch viel, viel besser geht. [ hs/06.06.2009 ]
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Krimi-Specials
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